Belcanto – Ein Begriff wird erwachsen
Von Jan Schmidt-Garre
Auf der Suche nach einem gemeinsamen Nenner, einem Namen für unser Projekt, stand bald ein Wort unabweisbar im Raum: Belcanto. Auf diesen Begriff sollten sich die Tenöre der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts doch bringen lassen, die wir zu neuem Leben erwecken wollten. Diesem Ideal dienten sie alle, jenem schönen Gesang, bei dem das Gewicht auf vollkommener Tongebung, Klangschönheit und Ausgeglichenheit der Stimme liegt. Auch uns sollte Belcanto in diesem Sinn ein Ideal sein, insofern es uns nämlich um die Kunst gehen sollte, um Gesangskunst, nicht primär um Biographisches, Anekdotisches, nicht um das Beschwören einer versunkenen Zeit.

Die vielen Gespräche, die wir im Lauf der Arbeit mit Historikern des Gesangs, Stimmkennern und heutigen Sängern führten, veränderten allmählich den raschen, umgangssprachlichen Begriff des schönen Gesangs, der uns geleitet hatte. Das historische Phänomen Belcanto rückte in den Vordergrund und drängte das Synonym gelungenen Singens zurück.

Wir mussten zur Kenntnis nehmen, dass die Historiker unter Belcanto allein die stilistischen Anforderungen und die dazu nötigen stimmlichen Mittel des italienischen Repertoires im frühen 19. Jahrhundert verstehen (Rossini, Bellini, Donizetti), ja, dass auch diese Werke nur als Abglanz des ursprünglichen Belcanto im 18. Jahrhundert (Händel, Scarlatti) angesehen werden. Den Einbruch des kruden, positivistischen 19. Jahrhunderts in diese Welt des von Kastraten dominierten Canto fiorito, des artifiziellen Ziergesangs, markiert das virile hohe C mit Brustresonanz – zum ersten Mal erklungen im Jahr 1831 im Opernhaus von Lucca. Stefan Zuckers Text „Seismischer Schock, Gilbert-Louis Duprez und das hohe C der Bruststimme” schildert jenen revolutionären Umbruch.

Unter dem Eindruck dieser historischen Präzisierung des Belcanto-Phänomens wandte sich unser Interesse den ganz Alten zu, dem Tenor vor allem, der stilistisch eine Brücke zum frühen 19. Jahrhundert schlägt: Fernando de Lucia. „Bei einem echten Belcanto-Sänger”, so John Steane im Gespräch, „geht es nicht nur um Geschmeidigkeit und Beweglichkeit, sondern es kommt noch ein Element von Phantasie dazu. Wenn man De Lucia hört, ist der erste Eindruck: wie poetisch. ‚Poetisch’ ist nun fast so vage wie ‚Belcanto’, aber das ist es doch. Die Vorstellung des Sängers ist lebendig geworden, das sind nicht mehr nur Noten auf Papier.”

Mit dem Gesang De Lucias im Ohr hörten wir nun Giglis Serenade aus Iris oder Björlings Ingemisco aus dem Verdi-Requiem als Zeugnisse einer neuen Zeit, die mit dem historischen Belcanto, in dem De Lucia noch aufgewachsen war, nichts mehr zu tun haben. Und tatsächlich haben unsere Tenöre der Schellackzeit das „Latein des Singens”, wie Jürgen Kesting es nennt, nicht mehr gelernt; sie singen die zeitgenössische Musik, den Verismo, und beginnen erst allmählich, sich älteren Werken zuzuwenden: etwas Mozart, Verdi, ein, zwei Gluck-Arien, ein, zwei komische Partien von Rossini. Der historische Belcanto spielt im Repertoire unserer Protagonisten keine wesentliche Rolle.

Und so hören wir die großen Aufnahmen von Tauber, Gigli, Björling, wissen, dass das etwas Neues ist – und spüren darin doch auch ein Echo der alten Schule. Plötzlich entdecken wir unsere ursprüngliche Intuition dessen wieder, was Belcanto sein könnte. In Taubers einzigartigem Vermögen, Modulationen des Orchesters mit der Stimme vorwegzunehmen, in der überirdischen Klangschönheit der Stimme Beniamino Giglis erkennen wir die Spuren des großen Belcanto-Ideals, über das die Gesangslehrer des 18. und 19. Jahrhunderts geschrieben hatten. Im Untergang des historischen Belcanto lebt das ästhetische Prinzip Belcanto nochmal auf, überlebt und markiert die wirklich großen, beglückenden Aufnahmen.

Dokumentation
Belcanto - Die Tenöre der Schellack-Zeit
Was macht die Tenöre der Schellackzeit so unvergleichlich? Die Dokumentation zeigt die Entwicklung des Belcanto in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit den besten Ton- und Bildaufnahmen der größten Tenöre.

Samstag, 1. Juli 2017, 22.30 Uhr