Christian Lillinger © Thomas Frischhut/ZDF
Klartext in Sachen Jazz: Christian Lillinger
Klartext in Sachen Jazz: Christian Lillinger
Jazz kann alles sein!
Christian Lillinger im Interview
Christian Lillinger ist sicherlich einer der spannendsten deutschen Musiker derzeit. Mit seinen Ensembles, wie zum Beispiel "GRUND" oder "AMOK AMOR" spielt er sich zunehmend auch ins europäische Rampenlicht. Anlässlich der Doku "Gegen den Beat. Christian Lillinger und die JazzBaltica" (24. September, 22.45 Uhr) hat 3sat mit ihm gesprochen.
3sat: Anfänglich haben Sie Gegenwind erhalten aufgrund Ihrer sehr direkten und avantgardistischen Art des Spielens. Wie empfinden Sie Adelungen, wie etwa die der "BZ", die über Sie als "vollkommen neuen Typus des Jazz-Schlagzeugers" schreibt?

Lillinger: Mir geht es in erster Linie um die Musik, die Adelung machen die anderen. Damit habe ich nichts zu tun. Es freut mich natürlich, dass meine Arbeit wertgeschätzt wird. Trotzdem bleibt es nur eine Bezeichnung.

3sat: Was glauben Sie macht Ihre Auffassung vom Jazz-Schlagzeuger und vom Jazz überhaupt so anders, dass Ihr Spiel sogar als revolutionär eingestuft wird?

Lillinger: Auch wieder so eine Klassifizierung. Ich bin extrem schnell in der Verschaltung meines Vokabulars, damit bin ich fähig alles musikalisch umzusetzen was ich möchte, unabhängig von der Stilistik. Damit bin ich extrem frei, da ich nicht mehr in Rastern denken muss. Ich versuche nur ich im Spiel zu sein, dass ist in der heutigen Gesellschaft etwas was im Neoliberalismus, wo es darum geht sich anzupassen, einen Gegenentwurf darstellt.

3sat: Was soll das Publikum mit dem, was Sie ihm musikalisch anbieten machen? Wie soll es mit Ihrer Musik umgehen?

Lillinger: Sie sollen natürlich erst einmal die Erwartung haben, ernst genommen zu werden und Offenheit mitbringen. Das Publikum kann diese Musik annehmen oder ablehnen. Es ist nur wichtig, dass sie sich damit auseinandersetzen. Ich bin mir sicher, dass es für das Publikum eine große Bereicherung sein kann.

3sat: Bärtige Männer jenseits der 50 gelten in den Augen der Meisten als typische Jazzklientel. Glauben Sie der Jazz hat eine Verjüngung nötig? Wenn ja, wie könnte diese aussehen?

Lillinger: Zunächst freue ich mich über jeden bärtigen Mann jenseits der 50, der an meiner Musik interessiert ist! "Jazz" ist aber nun längst ein Label geworden, bei dessen Nennung direkt eine Assoziationswolke entsteht, die den unvoreingenommenen Kontakt mit der Musik vernebelt oder es erst gar nicht zum Konzertbesuch kommt, weil eben bestimmte Klischees sich dem Interesse in den Weg stellen. Wenn man die Musik anders erklären würde, wäre auch der Weg von vielen anderen nicht mehr so beschwerlich oder verstellt. Das Narrativ bestimmt die Rezeption maßgeblich, deswegen muss meine Musik mit neuen Worten beschrieben werden, um ein neues Publikum zu gewinnen. Jazz kann alles sein!

Vom Jazz gingen alle Stilistiken der modernen populären Musik aus, dass man das kaum noch weiß, spricht schon für sich. Ich bin offen für alle Arten Musik, die eine Eigenständigkeit und Qualität mit sich bringen. Die Einordnung ist für das Business interessant, welches mit der Musik wenig zu tun hat. Ich glaube, dass sehr viele junge Leute Interesse hätten, da es mit sehr vielen neuen Ansätzen zu tun hat. Hip Hop zum Beispiel spielt extrem mit seltsam verschalteten Collagen und Beats, elektronische Musik oft mit Modular-Systemen was oft ziemlich"out" klingt, aber trotzdem ein großes Publikum findet.

3sat: Glauben Sie, ein Festival wie die JazzBaltica ist ein Türöffner für die großen Jazzbühnen? Und wenn ja: nur national oder auch international?

Lillinger: Das könnte sein. Kann ich hier wirklich nicht sagen, da diese Strukturen sehr kompliziert sind. Ich hoffe, mehrere Menschen damit zu inspirieren.

3sat: Wie sehen Ihre Zukunftspläne jetzt aus. Was möchten Sie noch erreichen?

Lillinger: Ich möchte mich lebenslang weiterentwickeln und nie im Stillstand enden. Das Leben und die Forschung schreiten voran. Wachsamkeit, Weiterentwicklung meiner musikalischen Sprache, Kommunikation, Authentizität - das ist mir wichtig. Am Ende sind wir alle tot - am Ende zählt nur, dass wir dazu stehen können, was wir der Welt hinterlassen haben.

Um das auf den Alltag herunterzubrechen heißt das: Mit meinen Bands weiterarbeiten und die Strukturen weiterentwickeln. "AMOK AMOR" hat ein neues Album eingespielt, welches 2017 erscheinen wird. Ich interessiere ich mich schon seit langer Zeit für das Komponieren, welches ich natürlich in meiner Band "Christian Lillingers GRUND" sehr stark verfolge - da ist Einiges in Zukunft geplant. Es gibt auch ein neues Projekt mit einem Elektroniker, wo ich mich mehr auf Beats konzentriere. Des Weiteren komponiere und produziere ich sehr bald ein neues Album mit diversen Besetzungen. Ich werde mein ganzes Leben in diesem Feld weiterarbeiten.

Das Interview führte Noel Schmidt, 3sat-Musikredaktion

Erstausstrahlung
© ZDFGegen den Beat
Samstag, 24. September, 22.45 Uhr
Film von Jan Bäumer
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