Schlechte Infrastruktur ist eines der Haupthindernisse für Investitionen in Afrika. © jürgennatusch
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Schlechte Infrastruktur ist eines der Haupthindernisse für Investitionen in Afrika.
Afrikas Wirtschaft
Jenseits von Entwicklungshilfe
Die Entwicklungspolitik in Afrika erfährt einen Paradigmenwechsel: Schluss mit der Verteilung milder Gaben nach dem Gießkannenprinzip. Der Privatsektor soll's richten. Pierre Guislain von der African Development Bank erklärt gegenüber "makro", was das konkret bedeutet.
Von Doris Ammon

Afrikas strukturelle Probleme sind riesig und die traditionelle Entwicklungspolitik ist weitgehend gescheitert. 4000 Milliarden Dollar wurden seit 1960 als Entwicklungshilfe im Schwarzen Kontinent verteilt, ohne dass sich die Lebensbedingungen wesentlich verbessert hätten. Der Anteil Afrikas am Welthandel sank im gleichen Zeitraum von sieben auf jetzt nur noch knapp drei Prozent.

Nun sollen reformwillige Länder, die gute Bedingungen für Investoren schaffen, belohnt werden. "Entwicklungspartnerschaften" nennt Bundesentwicklungsminister Gerd Müller das und spricht von einem Paradigmenwechsel. Auch die EU und die G20 setzen zunehmend auf privates Kapital statt milder Gaben von Staats wegen.

Riesige Finanzierungslücke
Doch Investoren aus westlichen Ländern machen sich immer noch rar in Afrika. Das hat viele Gründe. 645 Mio. Afrikaner, mehr als die Hälfte der Bevölkerung, haben keinen verlässlichen Zugang zu Strom, zudem prägen Monopole den Sektor. Es fehlt an Rechts- und Vertragssicherheit, an Straßen- und Telekommunikationsnetzen. Vor allem aber fehlt es an Geld, um diese notwendigen Voraussetzungen für Wirtschaftswachstum zu schaffen.

Pierre Guislain, Vize-Direktor der African Development Bank (AfDB) und zuständig für Privatinvestitionen, Infrastruktur und Industrialisierung sagt gegenüber dem Wirtschaftsmagazin makro: "Wir schätzen den Finanzbedarf für den Ausbau der Infrastruktur in Afrika auf etwa 100 Mrd. Dollar jährlich - mit einer Finanzierungslücke von etwa der Hälfte dieser Summe".

Länder kaum untereinander vernetzt
Die AfDB hat deshalb im September 2015 ein Zehn-Jahres-Programm mit fünf Prioritäten aufgelegt ("High Fives", s. Link rechts). Eine Art Turbo-Programm, um Afrikas Infrastruktur zu verbessern und für Investoren aus dem In- und Ausland attraktiver zu machen: Stromversorgung, Nahrungsmittelsicherheit, räumliche Integration, Industrialisierung und Lebensqualität. Bis 2025 wird die Bank jedes Jahr 3,5 Mrd. Dollar in sechs Leuchtturmprojekte stecken, um Afrika zu industrialisieren. Allein 12 Mrd. Dollar fließen bis 2020 in den Ausbau des Energiesektors. Die jeweiligen Entwicklungsländer sollen im Gegenzug ihre Märkte öffnen und ihre Monopole im Energiesektor abbauen, damit Wettbewerb im Strommarkt entstehen kann.

Auch die Handelswege sind unterentwickelt. Viele afrikanische Länder sind besser international vernetzt als untereinander. Das macht den Warenaustausch unter Nachbarn schwierig und bremst das Wachstum, zumal 16 der 54 afrikanischen Länder keinen Zugang zum Meer besitzen und ihre Im- und Exporte bis zu 2,5 mal teuerer sind als für Länder mit Seezugang. Ein doppeltes Handicap. "Eine gute infrastrukturelle Vernetzung ist absolut essentiell für die Entwicklung Afrikas", betont Guislain. Da alle 54 Länder Anteilseigner der AfDB sind, kann die Bank über Grenzen hinweg vermitteln und wichtige Infrastrukturprojekte auf den Weg bringen.

Grenzüberschreitende Großprojekte
Die AfDB finanziert daher als Partner großer Privatinvestoren vorzugsweise diverse grenzüberschreitende Projekte auf dem Kontinent, darunter zusammen mit Bergbaugigant Vale einen 912 km langen Bahnkorridor von den Kohleminen im Moatize-Tal in Moçambique über Malawi zum Hafen Nacala. Die Bahntrasse ist wahrscheinlich das größte privat finanzierte Infrastrukturprojekt in ganz Afrika. Davon profitiert natürlich Vale als Auftraggeber. Ob das Engagement aber auch den Menschen vor Ort dient, ist eine andere Frage. Mehr als 1.300 Familien mussten für das Projekt umgesiedelt worden. Dennoch dürfte die Bahnverbindung auch andere Unternehmen anlocken und den Warenaustausch ankurbeln.

Ein weiteres Beispiel ist in Ostafrika der Mombasa-Addis-Korridor, der das aufstrebende Binnenland Äthiopien mit dem kenianischen Exporthafen Mombasa verbindet. Die AfDB hat mehr als eine Milliarde Dollar in das Projekt gesteckt. Ein drittes Mammutprojekt des Geldhauses ist der Lagos-Abidjan-Korridor, der in Westafrika gleich fünf Anrainerländer miteinander verbindet.

Knowhow, Finanzierung, Bürgschaften
Dabei achtet die Bank darauf, nicht nur Bahnstrecken und Straßen, sondern auch "softe" Infrastrukturfaktoren zu verbessern, sagt Guislain: Grenzübergänge etwa müssten gut gemanagt werden, damit sie mit dem erhöhten Grenzverkehr fertig würden und keine Verzögerungen auf den Handelswegen entstünden.

Die Afrikanische Entwicklungsbank erwartet dabei zunächst von den Regierungen der Mitgliedsstaaten, dass sie eine stabile Investitionsumgebung schaffen. Dann wird die AfDB als Finanzierungspartner für Großprojekte aktiv, vor allem um die Investitionen in derartige Langfristprojekte durch Versicherungen, Bürgschaften oder andere Risikominderungs-Instrumente zu erleichtern. Auch innovative "De-risking"-Strategien und Mischformen der Ko-Finanzierung bis hin zu Subventions-Elementen kommen dabei zur Anwendung. Das betrachtet die Bank als ihre Kernkompetenz.

Neustart mit Technologie und Dezentralisierung
Relativ neu in der Finanzierungsstrategie der AfDB sind Spezial-Fonds, die auch den Geldbedarf kleinerer Player in den afrikanischen Märkten unterstützen sollen. Als Beispiel nennt Guislain die "Revolution auf dem Mobilfunkmarkt" - mit der wichtigste Treiber von Fortschritt und Entwicklung auf dem Kontinent. Gerade arme Menschen hätten dadurch die Möglichkeit bekommen hätten, mit winzigen Summen Konten zu eröffnen, Geld anzusparen und zu überweisen. Hier hätten Regierungen bestehende Regeln gelockert, um neuen Marktteilnehmern Geschäftsmöglichkeiten zu eröffnen. Viele Startups haben sie genutzt.

Ähnliche Fortschritte seien auch auf dem Energiesektor möglich, etwa dezentrale Solaranlagen ("off-grid"), die entlegene Dörfer mit Strom versorgen. Auch hier erhofft man sich einen Entwicklungsschub durch neuen Technologien. Die AfDB operiert dabei mit mehreren Kapitalbeteiligungs-Fonds (Private Equity Funds), ihrem "Energy Inclusion Fund" sowie einem Erneuerbare-Energien-Fonds (Renewable Off-grid Energy Fund) und weiteren Finanzierungsinstrumenten, die allesamt mit Investorengeldern kleinere Firmen unterstützen sollen.

"Kontinent der Hoffnungen und Möglichkeiten"
"Diese kleinen Player sind ein absolut wichtiger Gegenpart zu unseren großen Infrastrukturprojekten mit den Big Playern", so Guislain. "Insgesamt ist Entwicklungsarbeit ein kompliziertes Gebilde - eine Finanzarchitektur aus unserer Sicht -, in dem die Regierungen der Entwicklungsländer, der Privatsektor und auch die Entwicklungspartner und Geberländer alle eine entscheidende Rolle spielen."

Afrika ist für Guislain vor allem eins: eine große Chance für Investoren.

Sendungstip
Afrika Digital
Afrika digitalisiert sich mit rasender Geschwindigkeit. Das erregt das Interesse der Investoren. Bis 2020 sollen 60 Prozent des Kontinents ans digitale Breitbandnetz angeschlossen sein.
(Freitag, 21. Juli, 21.00 Uhr)
Zur Person
LupePierre Guislain
Der gebürtige Belgier Pierre Guislain ist Vize-Präsident der African Development Bank (AfDB). Als Leiter der Abteilung "Privatinvestitionen, Infrastruktur und Industrialisierung" verantwortet er milliardenschwere Projekt-Finanzierungen der AfDB in Afrika. Zuvor arbeitete er über 30 Jahre bei der Weltbank, zuletzt als Senior Director. Thematisch beschäftigte er sich u.a. mit Informations- und Kommunikationstechnologie sowie Fragen des Investitionsklimas.
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Afrika