Noch gibt es nur einen Ort der Beisetzung: den Friedhof. © dpa
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Noch gibt es nur einen Ort der Beisetzung: den Friedhof.
Streit um den Friedhofszwang
Das Grab im eigenen Garten
Der eigene Garten als letzte Ruhestätte? Dort, wo man auch zu Lebzeiten gerne war? Bestattungswünsche werden bunter. Doch Deutschland gilt als strenger Totenwächter. Bestattet wird nach DIN EN 15017.
Von Ralf Bonsels

Auch nach dem Ableben ist der Verschiedene nicht vor der Einflussnahme der deutschen Bürokratie gefeit. Es herrscht Bestattungspflicht. Das heißt: Jeder Verstorbene muss beigesetzt werden, im Sarg oder in einer Urne, im Boden, in einem Kolumbarium. Hier hört es dann meist auf mit der individuellen Wahlmöglichkeit.

Die Urne auf dem Kaminsims daheim jedenfalls ist in Deutschland nicht erlaubt. Denn zur Bestattungspflicht kommt der Friedhofszwang. Aber ist das alles noch zeitgemäß? Oder geht es nur um sichere Geldeinnahmen?

Friedhofszwang - eine deutsche Spezialität
Städte und Gemeinden betreiben rund 23.000 Friedhöfe in Deutschland. Die Friedhofsgebühren sind wichtige Einnahmen, mit denen die Totenareale dauerhaft unterhalten werden müssen. Der sogenannte "Friedhofszwang" ist den Kommunen deshalb heilig. Steinmetze und Kirchen wollen am Status Quo ebenso wenig rütteln.

Bestattungsort in Deutschland muss ein als Friedhof ausgewiesenes Gelände sein. Auch Friedwälder und Ruheforste sind von den Kommunen zugelassene Friedhöfe, selbst wenn sie privatwirtschaftlich betrieben werden. Selbst bei anonymen Bestattungen ist zumindest der Friedhofsverwaltung genau bekannt, wer wo bestattet wurde.

Ort öffentlicher Trauer
Auch Oliver Wirthmann vom Bundesverband Deutscher Bestatter (BDB) hält die Beibehaltung der Friedhofspflicht für sinnvoll. Es sei nicht nur gewachsene Kultur in Deutschland. "Es geht auch darum, öffentlich erreichbare Orte der Trauer zu haben." Es sei nicht gut, "wenn wir die Trauer absolut in die Privatsphäre übergeben." Trauer habe stets einen privaten und öffentlichen Charakter. Schließlich trauerten nicht nur die engsten Angehörigen.

Wirthmann weiß, dass die offizielle Position seines Verbandes nicht von allen Mitgliedern geteilt wird. Wirtschaftlich gesehen könnte Bestattern die ganze Diskussion zwar egal sein. Schließlich macht es fürs Geschäft keinen wesentlichen Unterschied, ob der letzte Platz auf Erden im Wald, im Garten oder eben auf dem Friedhof gewählt wird. Ein Bestatter wird in jedem Fall gebraucht. Trotzdem will der BDB-Sprecher nicht, dass die Branche alle Möglichkeiten, Formen und Moden mitmache. "Wenn Bestatter alles ermöglichen, kann das schnell ins Gegenteil umschlagen. Dann heißt es: 'Für Geld macht Ihr Bestatter ja alles'".

Der Wille des Verstorbenen
Für Dian Schefold, emeritierter Rechtsprofessor aus Bremen, steht demgegenüber der Wille des Verstorbenen an erster Stelle. Er betont das Persönlichkeitsrecht auch über den Tod hinaus: Jeder müsse zu Lebzeiten frei bestimmen können, was mit seinem Körper nach dem Tod passieren solle. Die Beschränkung auf einen Friedhof als letzte Ruhestätte passe nicht zum Selbstbestimmungsrecht. "Und einen verfassungsrechtlichen Anspruch auf öffentliche Trauer gibt es nicht."

Wirthmann hält dem entgegen: "Es gibt nicht nur das Recht der Menschen auf Wertschätzung der eigenen Entscheidung, denn Angehörige müssten mit dieser Entscheidung auch leben können." Auch deren Interessen müssten berücksichtigt werden.

Lifestyle bis in den Tod
Die Bestattungswünsche sind unterdessen vielfältiger geworden, die Möglichkeiten ebenso: Verstorbenen-Asche aus dem Heißluftballon ausstreuen, als Feuerwerksrakete in die Luft schießen oder zu einem Diamantring pressen. Vieles geht, erlaubt ist es in Deutschland nicht. Totenasche gehört weiterhin auf einen Friedhof. Lediglich im Bundesland Bremen kann unter strengen Voraussetzungen die Asche auf privaten Grundstücken verstreut werden.

Wer partout etwas anderes für seinen Verstorbenen will, nimmt oft den Umweg über das Ausland. Das ist im Prinzip zulässig. Und beispielsweise in der Schweiz und in den Niederlanden sind die Regeln weniger eng gefasst. Ob jenseits der Grenzen dann tatsächlich bestattet wird, bleibt von deutscher Seite unkontrolliert. Die Bestattungs- und Friedhofspflichten hierzulande werden so weitgehend zu leeren Formeln.

Sendungstip
Ruhe sanft - und günstig
Das Bestattungsgeschäft ist krisenfest, so hieß es lange. Gestorben werde schließlich immer. Doch längst leiden Bestatter, Steinmetze, Sargbauer und sogar Friedhöfe an zu wenigen Aufträgen.
(Freitag, 14. Juli, 21.00 Uhr)
Archiv
Ruhe sanft!
Sterben hat immer Konjunktur. Deshalb scheint die Bestattungsbranche kaum krisenanfällig zu sein. Doch das Geschäft mit dem Tod hat oft einen faden Beigeschmack.
(makro, 22.11.2013)