Der Höhepunkt der Kohleverstromung könnte bereits 2026 erreicht werden, besagt eine neue Studie. © dpa
Der Höhepunkt der Kohleverstromung könnte bereits 2026 erreicht werden, besagt eine neue Studie.
Der Höhepunkt der Kohleverstromung könnte bereits 2026 erreicht werden, besagt eine neue Studie.
Globale Energiewende
Trump steigt aus, der Rest der Welt steigt um
Eine viel beachtete Studie zur Entwicklung der weltweiten Stromerzeugung kommt zu einem erstaunlichen Ergebnis: Sonne sticht, Kohle wird begraben - und alles geht viel schneller als gedacht. Leider nicht schnell genug.
Die Fachleute von Bloomberg New Energy Finance haben ihren New Energy Outlook 2017 (NEO 2017) veröffentlicht. Die Prognose über die Entwicklung der weltweiten Stromerzeugung bis 2040 enthält einige Überraschungen. Erstens: Die globale Energiewende kommt schneller voran als noch im Outlook 2016 prognostiziert. Zweitens: Drei Viertel des Kapitals, das bis 2040 in die Stromerzeugung investiert wird, geht in Windkraft und Photovoltaik. Drittens: Der Bau zusätzlicher Kohlekraftwerke kommt bereits 2026 zum Erliegen.

"Der diesjährige Report legt nahe, dass das Ergrünen der weltweiten Stromwirtschaft nicht aufzuhalten ist", sagt Seb Henbest, Chefautor der Studie. "Dank schnell fallender Kosten für Strom aus Solar- und Windkraft sowie der wachsenden Bedeutung von Batterien - auch jener in E-Autos - für den Ausgleich von Angebot und Nachfrage."

Kostenpunkt: 10,2 Billionen Dollar
Der New Energy Outlook (siehe Infokasten "Die Studie") erwartet bis 2040 einen Anstieg des weltweiten Stromverbrauchs um 58%. Die dafür nötigen Investitionen beziffert man auf die gewaltige Summe von 10,2 Billionen Dollar, was dem Dreifachen der deutschen Wirtschaftsleistung entspricht. Von dieser Summe fließen fast drei Viertel (72% bzw. 7,4 Billionen USD) in erneuerbare Energien.

Das meiste geht in den Ausbau der Windkraft (3,3 Billionen USD), gefolgt von der Photovoltaik (2,8 Billionen). Solar- Und Windkraft werden dann für die Hälfte (48%) der globalen Kraftwerkskapazität stehen (heute: 12%) und ein Drittel (34%) der Elektrizität erzeugen (heute: 5%). Regional spielt die Musik in Asien: Auf China und Indien entfallen allein 4 Billionen Dollar der gesamten Investitionen.

Der Preissturz
Der Preisverfall erneuerbarer Energien wird sich laut NEO-Prognose fortsetzen - durch technologischen Fortschritt und Massenproduktion. Die Photovoltaik, die sich seit 2009 bereits um drei Viertel verbilligt hat, wird bis 2040 um weitere 66% günstiger. Damit kostet Solarstrom im Jahr 2040 nur noch 8% des 2009er Preises.

Windkraft war bereits 2009 vergleichsweise günstig und ist bis heute noch einmal um 30% gefallen. Bis 2040 rechnen die Experten von Bloomberg New Energy Finance (kurz: BNEF, siehe Infokasten) mit einem weiteren Rückgang um 47%, vor allem durch effizientere Turbinen. Damit wird Windstrom 2040 nur noch 30% des 2009er Preises (siehe Infokasten "Stromerzeugungskosten") kosten.

"Tipping Point"
Das heißt in der Praxis: Bereits in wenigen Jahren werden neu errichtete Solar- und Windparks in direkter Konkurrenz stehen zu neuen fossilen Kraftwerken. Gegen Ende der 2020er Jahre werden sie dann auch bereits existierende fossile Kraftwerke aus dem Markt drängen. "Der Tipping Point kommt früher und man kann nicht bestreiten, dass diese Technologie billiger wird, als wir vormals dachten", sagt Henbest.

In Indien, einem Schlüsselmarkt, zeigt sich bereits, was er damit meint. Bei einer Auktion zum Bau eines Solarkraftwerks im Februar 2017 ging der Zuschlag an ein Unternehmen, das Strom für 3,3 Rupien (4,6 Euro-Cent) pro KWh anbieten wird. Im Mai bekam ein 200-MW-Solarkraftwerk für 2,44 Rupien (3,4 Cent) den Zuschlag, weitere 300 MW gingen für 2,45 Rupien "über den Tresen". Zum Vergleich: Der durchschnittliche indische Strompreis, ganz überwiegend Kohlestrom, lag im April bei 2,77 Rupien. (Mehr zu Indiens Energiewende rechts "Der Modi-Plan")

Der Anteil grünen Stroms steigt bis 2040 auf fast 40% am Energiemix - zulasten fossiler Brennstoffe. Doch Vorsicht: Da der Strombedarf insgesamt zunimmt, sinkt der Kohlestrom absolut nur um 4%. Der Anteil grünen Stroms steigt bis 2040 auf fast 40% am Energiemix - zulasten fossiler Brennstoffe. Doch Vorsicht: Da der Strombedarf insgesamt zunimmt, sinkt der Kohlestrom absolut nur um 4%.
Die Verstromung von Kohle und Gas könnte ihren Höhepunkt bereits 2026 erreichen. Elektrizität aus Wind und Sonne steigt rasant und deckt den Anstieg des globalen Strombedarfs fast komplett ab. Die Verstromung von Kohle und Gas könnte ihren Höhepunkt bereits 2026 erreichen. Elektrizität aus Wind und Sonne steigt rasant und deckt den Anstieg des globalen Strombedarfs fast komplett ab.

Killing coal
Dies hat unmittelbare Auswirkung auf die Ausbaupläne für Kohlekraftwerke. "Kraftwerksentwickler, Versorger und Investoren beobachten allesamt die rapiden Veränderungen der [...] Energielandschaft und hinterfragen Annahmen, die vor zwei bis drei Jahren noch völlig vernünftig waren, heute aber überholt sind", sagt Tim Buckley vom Institute for Energy Economics and Financial Analysis.

Will heißen: Bevor ein Betreiber sich entschließt, ein neues fossiles (oder nukleares) Kraftwerk zu bauen, das ab Tag eins der Inbetriebnahme rote Zahlen schreibt, denkt er lieber zweimal nach. Der Kapitalmarkt, der das Unterfangen finanzieren muss, tut dies auch. Schließlich bindet man sich für Jahrzehnte.

Vor diesem Hintergrund erwartet BNEF den Höhepunkt der Kohleverstromung - peak coal - bereits 2026, früher als gedacht. Außerdem, so die Experten, würden nur 35% der heute geplanten Kohlekraftwerke tatsächlich gebaut werden. Der Rest, 369 Gigawatt, werde gekillt. Das entspricht der Energieerzeugungskapazität von Deutschland und Brasilien zusammen. Ein Drittel der Streichliste entfällt allein auf Indien. Eine Meldung aus dem April, dass dort nun 14 GW an Kohlekraftwerken doch nicht errichtet werden, stützt die NEO-Prognose.

Brennpunkt Asien
Gleichwohl schreitet der Kohleausbau in Asien zunächst noch voran. Der größte Markt, China, wird sein Kohlemaximum 2026 erreichen und dann 20% mehr Kohle verstromen als heute. In Indien, ärmer und rückständiger, wird sich der Zyklus erst in den 2030ern drehen.

Der Kohleausbau in Asien wird jedoch kompensiert durch den Kohleausstieg westlicher Industrieländer. In den USA werde laut NEO-Prognose die Kohleverstromung - trotz der Pläne Donald Trumps, den Energieträger zu fördern - bis 2040 um 45% sinken und vornehmlich durch Erneuerbare sowie billiges Erdgas verdrängt werden.

In Europa werde sich die Kohleverbrennung zur Stromerzeugung sogar um 87% reduzieren. Gaskraftwerke würden wegen des in Europa vergleichsweise teuren Brennstoffs vorwiegend als sogenannte Peaker zum Abfangen von Spitzenlasten im Netz eingesetzt werden. Dies setzt, nebenbei, ein weiteres Fragezeichen hinter die Ausbaupläne der Nord-Stream-2-Pipeline für zusätzliches Gas aus Russland.

Batterien schaffen Balance
Das Bewältigen von Spitzenlasten, ebenso wie die schwankende Einspeisung aus Wind und Sonne stellen heute die zentrale Schwierigkeit für Netzbetreiber dar. Hier kommen Lithium-Ionen-Batterien ins Spiel. Deren Preise befinden sich im gleichen Sturzflug wie bei der Photovoltaik. BNEF rechnet bereits bis 2030 mit einer Verbilligung um 73%.

Dies bedeutet, dass Batterien bereits auf Netzebene und in Kraftwerksmaßstab Spitzenlast bedienen und Einspeisespitzen werden auffangen können. Erste Projekte, z.B. in Australien, entstehen gerade. Gleichzeitig fungiert die wachsende Flotte an E-Autos (die Autoren der NEO-Studie erwartet 2040 13% in den USA und 12% in Europa) quasi als gigantischer vernetzter Stromspeicher. Der Grund: Deren Batterien werden vorzugsweise dann geladen, wenn Strom im Überfluss vorhanden und somit billig ist (smart grid - das schlaue Netz).

Trotzdem: Ziel verfehlt
Insgesamt erwartet der New Energy Outlook 2017 das Maximum der CO2-Emissionen aus der Stromerzeugung für das Jahr 2026, 10% höher als heute. 2040 werden die Emissionen dann 4% unter dem heutigen Niveau liegen.

Für die Einhaltung des 2-Grad-Klimaziels reicht das nicht.

Schwerpunkt
Umwelt - Nachhaltigkeit - Greentech
Die Studie
Mehr als 65 Spezialisten aus 12 Ländern haben acht Monate lang ihr Wissen zusammengetragen und in eine Langzeitprognose bis 2040 einfließen lassen. Dabei hat man das Ladeverhalten von E-Autos genauso berücksichtigt wie den Einsatz von Lithium-Ionen-Batterien zu Spitzenlastzeiten oder die Verbreitung von Klimaanlagen in Indien.

Subventionen für erneuerbare Energien werden nur berücksichtigt, solange diese auch gelten; nationale Klimaziele nur insofern sie tatsächlich Gesetzeskraft haben. Das Pariser Klimaabkommen z.B. wird nicht vorausgesetzt, da es sich um eine nichtbindende Handlungsempfehlung handelt. Der jährlich erscheinende New Energy Outlook gilt als wichtige Referenz für Unternehmen und Analysten.
Bloomberg New Energy Finance
Bloomberg New Energy Finance (BNEF) ist eine Tochtergesellschaft des Finanzdienstleisters Bloomberg. BNEF ist ein führendes Research-Unternehmen für erneuerbare Energien und verwandte Themenfelder. Zu den Kunden zählen nach eigenem Bekunden Unternehmen, Finanzprofis, Regulierungsbehörden und die Politik.
Stromerzeugungskosten
Die hier zugrunde gelegten Kosten sind All-inclusive-Preise, Fachsprech: Levelized cost of electricity (LCOE). Sie umfassen alle Ausgaben über die gesamte Laufzeit der Anlage, d.h. Genehmigungen, Entwurf, Bau, Ausrüstung, ggf. Nachrüstung, Betrieb, Wartung, Finanzierungskosten (Zinsen) und - bei fossilen Kraftwerken - Brennstoff.
Photovoltaik
Die wichtigsten Märkte
Das Research von Greentech Media, in Fachkreisen seit vielen Jahre für seine Studien bekannt, beschäftigt sich im aktuellen Global Solar Demand Monitor (Q1 2017) mit dem aktuellen Stand beim Ausbau der Photovoltaik. Ging man bisher von einem schwachen Jahr 2017 aus, erwartet man nun einen Anstieg der Neubauten um 10%. Der folgende Artikel fasst einige wesentliche Punkte der Studie zusammen.
Indien: Klimaschutz
Der Modi-Plan
Trump steigt aus, Indien steigt ein. Das Klimaabkommen von Paris hat die Regierung in Delhi nicht nur unterzeichnet, sondern im eigenen Land mit einem Plan untermauert, der es in sich hat.
(makro, 02.06.2017)
USA
Trumps Energiewende
Während sich die Welt zur globalen Energiewende verpflichtet, plant Donald Trump seine ganz eigene Energiewende: Er will die Kohle wiederbeleben. Es ist eine Rolle rückwärts, ein Angriff auf die Vernunft. Dieser Angriff wird scheitern.
(makro, 17.11.2016)