Eine freiwillige Selbstverpflichtung des Einzelhandels soll nun auch in Deutschland den Plastiktütenwahnsinn beenden. Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe hält das für Augenwischerei. © DUH
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Eine freiwillige Selbstverpflichtung des Einzelhandels soll nun auch in Deutschland den Plastiktütenwahnsinn beenden. Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe hält das für Augenwischerei.
Kampf um die Tüte
"Einzelhandel bremst beim Plastiktüten-Ausstieg"
Die Tüte muss weg. Ein Däne braucht vier Plastiktüten pro Jahr, ein Deutscher 76. Muss das sein? Das Wirtschaftsmagazin makro sprach mit dem Umweltwissenschaftler Thomas Fischer.
makro: Bekommt man mit einem weitgehenden Verzicht auf Plastiktüten die globale Plastikschwemme in den Griff?

Thomas Fischer: Plastiktüten sind ein sichtbares Umweltproblem. In Deutschland werden jährlich mehr als 6,1 Milliarden Stück davon verbraucht. Wenn nur jede hundertste Plastiktüte falsch in der Umwelt entsorgt wird, dann sind das mehr als 60 Millionen Stück pro Jahr. Insbesondere in urbanen Ballungsgebieten und touristischen Regionen werden Plastiktüten - auch in Deutschland - besonders häufig in der Landschaft entsorgt.

Durch den Wind landen die Tüten, als sogenannter "Blow Trash", in den Flüssen und Meeren. Insofern können sich die Deutschen nicht davon freisprechen, die Meere mit Plastiktüten zu verschmutzen. Durch die Vermeidung von Plastiktüten in Deutschland werden wir die Probleme in anderen Ländern nicht lösen, aber wir können unseren Beitrag zur globalen und gesamtgesellschaftlichen Aufgabe des Umweltschutzes leisten.

makro: Mit der Selbstverpflichtung des Handels soll der jährliche Verbrauch von Kunststoff-Tragetaschen auf 40 Tüten pro Einwohner gesenkt werden. Ist dieses Ziel realistisch?

Thomas Fischer: Deutschland positioniert sich öffentlich gerne als Vorreiter in Sachen Umweltschutz. Das ist in vielen Fällen nicht mehr der Fall, so auch bei Plastiktüten. Während sich Umweltministerin Hendricks vom Handel mit einer freiwilligen Selbstverpflichtung hinhalten lässt, haben andere Länder längst gehandelt und mit staatlichen Regelungen, wie zum Beispiel Abgaben, ihren Verbrauch drastisch reduziert.

Irland liegt aktuell bei 16, Finnland und Dänemark sogar nur bei vier Tüten pro Kopf und Jahr. Deutschland muss sich an diesen Ländern orientieren und endlich wirksame Maßnahmen, wie eine gesetzliche Abgabe auf den Weg bringen. Eine freiwillige Selbstverpflichtung des Handels wird den massenhaften Verbrauch von Plastiktüten weiter verlängern und nicht verhindern.

makro: Plastik wird aus Erdöl hergestellt. Hat die Kunststoff-Alternative aus nachwachsenden Rohstoffen angesichts des niedrigen Ölpreises überhaupt eine Chance? Und wie sieht es mit der kompostierbaren Plastiktüte aus? Warum fristet sie so ein Nischendasein?

Thomas Fischer: Es macht keinen Sinn ein per se verzichtbares und ressourcenvergeudendes Produkt durch eine Änderung der Rohstoffzusammensetzung zu einem vermeintlich umweltfreundlichen Produkt weiterzuentwickeln. Wenn in Deutschland 6,1 Milliarden Plastiktüten aus Rohöl durch genauso viele Einwegtüten aus einem anderen Rohstoff ersetzt würden, wäre nichts gewonnen.

Insbesondere der Einsatz biologisch abbaubarer Plastiktüten ist ein verzweifelter Versuch des Handels, die Akzeptanz der Plastiktüte durch ein vermeintlich grünes Image zu erhöhen. Doch biologisch abbaubare Plastiktüten mit Anteilen nachwachsender Rohstoffe sind in Wirklichkeit die umweltunfreundlichsten Tütenvarianten und eine Täuschung der Verbraucher, denn sie halten in der Regel nicht, was sie versprechen.

Der Anbau von Nutzpflanzen für die Produktion der Bioplastik-Tüten belastet die Umwelt durch hohe Energie- und Wasserverbräuche, Pestizideinsatz, Bodenbeanspruchung und Beeinträchtigung der Artenvielfalt. Damit die Tüte reißfest bleibt, kann außerdem der "klassische " Kunststoff aus Erdöl in der Regel nicht komplett ersetzt werden. Deshalb sind viele unterschiedliche Mischkunststoffe am Markt, die kaum recyclingfähig sind.

Auch die vermeintliche Abbaubarkeit ist kein wirkliches ökologisches Plus: In der Kompostierung sollen die Tüten zu CO2 und Wasser zerfallen, liefern also weder Humus noch Nährstoffe. In die Biotonne geworfen, werden sie laut einer Umfrage der Deutschen Umwelthilfe unter deutschen Kompostanlagenbetreibern überwiegend als Störstoffe aussortiert und verbrannt. Die eingesetzten Rohstoffe gehen verloren.

makro: Wer bremst beim Plastik-Ausstieg? Eher die Bequemlichkeit des Kunden oder die Wirtschaft?

Thomas Fischer: Der deutsche Einzelhandel bremst gewaltig beim Plastiktüten-Ausstieg. Im Großhandel können Plastiktüten bereits ab 0,6 Cent je Stück eingekauft werden. Mit einem großen Firmenlogo bedruckt sind sie ein unschlagbar günstiges Marketinginstrument und die Verbraucher machen quasi kostenlos Werbung.

Auf Marketingeffekte und die Tüte als Servicedienstleistung möchte der Handel nicht verzichten. Deshalb hat der Handelsverband Deutschland durch eine freiwillige Selbstverpflichtung versucht, eine wirksame politische Regelung zur Vermeidung von Plastiktüten zu verhindern. Das ist auch gelungen, denn die Selbstverpflichtung ist löchrig wie ein Schweizer Käse und enthält zu viele Möglichkeiten, sich nicht an die Abmachung mit Bundesumweltministerin Hendricks halten zu müssen.

makro.online
Plastiktüte
Donnerstag, 11. August 2016
Zur Person
© DUHThomas Fischer
Thomas Fischer ist Diplom-Umweltwissenschaftler und Experte für Umweltmanagement, Stoffströme und Verpackungen. Seit neun Jahren beschäftigt sich Fischer bei der Deutschen Umwelthilfe (DUH) mit den Themenschwerpunkten Abfallvermeidung und Recycling. Seit 2013 leitet er die Abteilung Kreislaufwirtschaft bei der DUH.
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