Chinas Finanzmetropole Shanghai. Die Bilanzen der chinesischen Banken versprechen Unheil. © reuters
China im UmbruchChina im Umbruch "Chinas goldenes Zeitalter ist vorbei""Chinas goldenes Zeitalter ist vorbei"
Chinas Finanzmetropole Shanghai. Die Bilanzen der chinesischen Banken versprechen Unheil.
Chinas unheimliche Banken
Faule Kredite im Reich der Mitte
Chinas Banken ächzen unter einem Turm fauler Kredite. Jetzt, da es nicht mehr so läuft im Reich der Mitte, kommen sie ans Licht. Die wahre Gefahr, sagt der Volkswirt Horst Löchel gegenüber makro, lauert jedoch woanders.
Eine Verzehnfachung des Kreditvolumens in zehn Jahren produziert unerwünschte Nebenwirkungen, Nebenwirkungen in Form fauler Kredite. Genau das ist die Lage in China. Es ist die Kehrseite des kreditgetriebenen Wirtschaftsbooms. Zwischen 2005 und 2015 hat sich die Finanzbranche auf sage und schreibe 34,5 Billionen US-Dollar aufgebläht.

Solange die Wirtschaft kräftig wächst, bleiben die Schuldner zahlungsfähig. Doch jetzt, da sich das Wachstum merklich abkühlt, geraten etliche Kunden in Kalamitäten. Zudem erfolgte die Kreditvergabe häufig auf Basis von Gefälligkeiten und politischen Abhängigkeiten. Hochgradig intransparent sind die Geldströme im Schattenbankensektor: Moody’s Investors Service schätzt sein Volumen auf 7,5 Billionen US-Dollar. Auch Banken spielen hier mit - außerhalb ihrer Bilanz und unter Umgehung der Eigenkapitalvorschriften.

Offizielle Zahlen sind Unsinn
Das wahre Ausmaß notleidender Kredite, die Chinas Big Five - die fünf großen Staatsbanken - in den Büchern haben, rückt nun ins Zentrum einer Debatte, ob das Land weiter die Lokomotive der Weltwirtschaft sein könne oder in Jahrzehnte der Stagnation verfalle, so wie Japan nach dem Platzen seiner Kreditblase vor einem Vierteljahrhundert.

makro sprach zu diesem Thema mit Prof. Horst Löchel. Der Volkswirt hat seit der Jahrtausendwende viel Zeit in China verbracht und sich intensiv mit der dortigen Bankenlandschaft beschäftigt (siehe Infokasten rechts). Die offiziellen Zahlen zum Volumen fauler Kredite (engl. non performing loans - NPL) hält er für Unsinn. Angeblich belaufen sie sich auf 1,75% der ausstehenden Kreditsumme. Das wären immerhin rund 210 Mrd. US-Dollar.

Beunruhigende Aussichten
Wie schlimm es wirklich ist, weiß niemand. Einigkeit besteht nur darin, dass die Risiken deutlich höher liegen. Als eine der ersten wagten sich die Analysten von CLSA aus der Deckung. Sie rechnen mit faulen Krediten von 15-20% der gesamten Kreditsumme, was sich in tatsächlichen Ausfällen von 1,1-1,4 Billionen US-Dollar niederschlagen könnte. Das wäre etwa die gleiche Liga wie bei amerikanischen und europäischen Banken in der Finanzkrise 2008/09.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) ist optimistischer. Zwar stünden Kredite von 1,3 Billionen US-Dollar auf wackligen Beinen, die tatsächlichen Ausfälle jedoch kalkuliert man mit 756 Mrd., rund 7% der chinesischen Wirtschaftsleistung. Das sei beherrschbar. Das Armageddon-Szenario des Hedgefonsmanagers Kyle Bass, der vor einigen Monaten mit seiner Progose für Aufsehen sorgte, das chinesische Finanzsystem werde unter Kreditausfällen von 3,5 Billionen US-Dolar zusammenbrechen, hält Prof. Löchel für komplett übertrieben.

"China ist nicht Amerika"
"Eine sytemische Bankenkrise ist in China nicht möglich", sagt der Experte. Damit fällt das Lehman-Szenario, also ein Kollaps des Finanzsystems wie nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers 2008, aus. Löchel verweist, genau wie der IWF, auf eine komfortable Eigenkapitalausstattung chinesischer Banken, die, anders als aktuell die italienischen mit ihren 360 Mrd. Euro Problemkrediten, hohe Abschreibungen tatsächlich verdauen könnten.

Zudem, betont Löchel, finanzieren sich chinesische Banken hauptsächlich über die Einlagen ihrer Kunden - anders als viele westliche Institute, die sich vorwiegend über den Kapitalmarkt finanzieren, sich also gegenseitig Geld leihen. Eine systemische Schockstarre bliebe demnach so lange aus, wie die Kunden nicht in Panik ihre Konten plündern. Was Peking zur Not zu verhindern wüsste. "China", so Löchel, "ist nicht Amerika."

China ist auch nicht Japan
Nun, wenn das Lehman-Szenario ausbleibt, droht dann eine Stagnation wie nach dem Platzen der japanischen Kreditblase 1989/90? In der Folge finanzierten Zombiebanken Zombiefirmen, die als Zombiekunden den Zombiebanken eine Daseinsberechtigung simulierten. Die Japan AG traf sich jeden Morgen zum Frühstück und tat so, als sei man noch am Leben. Tatsächlich fiel der Finanzsektor als Pulsgeber der Volkswirtschaft praktisch aus, woran Japan bis heute leidet.

China, erzählt Löchel, habe einen wesentlich pragmatischeren Umgang mit der Realität als der japanische Patient. Man lerne aus den Fehlern der anderen. Chinas Banken könnten z.B. faule Unternehmenskredite in Beteiligungen an diesen Unternehmen umwandeln. Damit wandert der Bilanzposten von der Sollseite auf die Habenseite. Auch haben Industrial and Commercial Bank of China (ICBC), China Construction Bank (CCB), Bank of China (BOC) & Co damit begonnen, Kreditpakete zu schnüren und an Kunden zu verticken. Damit sind die Risiken zwar nicht weg, aber sie sind woanders. Die Banken bleiben handlungsfähig.

Killer App
Alles toll also? Mitnichten! Die Gefahr kommt aus dem Internet: Non-Bank Banks entdecken das Banking. Das Chat-Portal WeChat des chinesischen Internetriesen Tencent ermöglicht jetzt Geldtransfers. WeChat hat nach Angaben von Tencent 877 Mio. aktive Nutzer (Stand 1. Quartal 2016). AliPay, das Paypal-Double des großen Konkurrenten Alibaba, bietet Kreditkarten und etliche andere Finanzdienstleistungen an. Daneben wachsen, wie überall auf der Welt, sogenannte FinTech-Unternehmen wie Pilze aus dem Boden und graben mit ihren Apps den Banken die Kunden ab. Das Smartphone wird zur Bank.

Chinas staatsgelenkte Mega-Banken, sagt Löchel, müssen sich radikal neu erfinden. Nur: "Der Finanzsektor in China ist der rückständigste von allen." Bisher haben Chinas Banken Kredite vorzugsweise an große Staatskonzerne (Infrastruktur, Stahl, Energie), Provinzregierungen oder kommunale Unternehmen verliehen. Doch das ist das alte China. Das neue China, das den tiefgreifenden Strukturwandel hin zu einer Hightech-Nation vorantreiben soll, sind private, innovative kleine und mittelständische Unternehmen. Um deren Finanzierung haben Chinas Banken bisher einen großen Bogen gemacht.

"Untergang des Geschäftsmodells"
Bankenexperte Löchel hält Chinas Mega-Banken in ihrer jetzigen Form für "nicht reformierbar". Auf die Frage, was für einen Ausweg er sehe, antwortet er mit einem radikalen Experiment: "Eigentlich müsste man mal eine der großen Banken zerschlagen und ihre Einzelteile an die Börse bringen."

China: Schulden
Die chinesische Bombe
In nur zwei Jahrzehnten hat sich das Reich der Mitte zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt emporgearbeitet. Eine einmalige Leistung. Wüchse dort nicht, im Schatten des neuen Glanzes, dieses unheimliche Monster.
(makro, 18.02.2015)
Zur Person
© Frankfurt SchoolProf. Dr. Horst Löchel
Horst Löchel ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Frankfurt School of Finance & Management, Gastprofessor für Volkswirtschaftslehre an der China Europe International Business School (CEIBS) in Shanghai und Mitglied des Aufsichtsrates des Shanghai International Banking and Finance Institute (SIBFI). Von 2003 bis 2012 lehrte und forschte er in Shanghai, u.a. als Vizepräsident des SIBFI, das er aufbaute, und als Direktor des Centre of Banking and Finance an der CEIBS. Die chinesische Wirtschafts-, Währungs- und Geldpolitik sowie die chinesische Bank- und Finanzwirtschaft sind seine zentralen Forschungsgebiete.
Archiv
China im Umbruch
Wohin bewegt sich Chinas Wirtschaft? Peking ist dabei, sein Geschäftsmodell zu ändern. Statt billiger Werkbank will das Riesenreich in Zukunft auf Hightech und Konsum setzen.
(makro, 01.04.2016)
Schwerpunkt
China