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Das Dilemma der Rentenkasse: Immer weniger Arbeitnehmer finanzieren immer mehr Rentner. © reuters Lupe
Das Dilemma der Rentenkasse: Immer weniger Arbeitnehmer finanzieren immer mehr Rentner.
Unbequeme Wahrheit
Länger arbeiten für weniger Rente
Die Rente wird Wahlkampfthema. Das Wirtschaftsmagazin makro fragt den Volkswirt Prof. Oliver Holtemöller, welche Rente uns in Zukunft erwartet. Die Antwort ist nicht schön.
Die Zukunft der Rente wird wohl eine Hauptrolle spielen im Bundestagswahlkampf 2017. Die SPD fordert jetzt, das Rentenniveau - also das Verhältnis der Standardrente zum Durchschnittseinkommen - auch in Zukunft auf den derzeitigen 48% zu belassen. Eine schrittweise Absenkung auf 43% bis 2030 wurde unter der Regierung Schröder beschlossen.

makro: Sie haben gerade berechnet, dass im Falle eines weiterhin konstanten Rentenniveaus von 48% selbst ein Renteneintrittsalter von 70 Jahren ab 2034 nicht ausreicht, um den Rentenversicherungsbeitrag stabil zu halten. Sind solche Pläne also schlicht nicht finanzierbar?

Oliver Holtemöller: Die Menschen in Deutschland werden immer älter, d.h. die durchschnittliche Rentenbezugsdauer nimmt zu. Hinzu kommt noch die relativ niedrige Geburtenrate. Durch diese Faktoren kommen auf einen Erwerbstätigen immer mehr Rentner. Es gibt nun drei Optionen: höhere Rentenversicherungsbeiträge, höheres Renteneintrittsalter und niedrigeres Rentenniveau. Keine dieser Optionen wird alleine ausreichen, um die Rentenversicherung zu stabilisieren. Grundsätzlich geht an einer Verlängerung der Lebensarbeitszeit langfristig wohl kein Weg vorbei.

makro: Sie sind auch zu dem Schluss gekommen, dass selbst bei einem zukünftig niedrigeren Rentenniveau von 43,5% ein Renteneintrittsalter von 70 Jahren ab 2040 nicht genügt, um die Beiträge stabil zu halten. Klingt auch nicht gerade hoffnungsvoll - was sind die Konsequenzen daraus?

Oliver Holtemöller: Das Zukunftskonzept für die Rente sollte verschiedene Komponenten beinhalten. Zuerst einmal sollte ein Konsens hergestellt werden, dass die Finanzierung der Renten nicht zu Lasten zukünftiger Generationen gehen sollte. Der Grundsatz der Nachhaltigkeit verbietet weitere Leistungsausweitungen in der gesetzlichen Rentenversicherung.

Auch sollten versicherungsfremde Leistungen, wie etwa die Mütterrente, nicht über die Rentenversicherung finanziert werden, sondern über das Steuersystem. Die gesetzliche Pflichtversicherung wird künftig lediglich eine Grundrente bieten können, die zur Finanzierung des Lebensunterhalts ausreicht, aber nicht den Lebensstandard nach Renteneintritt erhält. Zusätzliche freiwillige Vorsorge ist daher unverzichtbar.

makro: Die Politik versucht seit Jahren, Arbeitnehmer dazu zu bringen, sich nicht nur auf die gesetzliche Rente zu verlassen, sondern darüber hinaus privat und betrieblich vorzusorgen. Viele aber haben nach wie vor keine zusätzlichen Absicherungen. Droht uns in Zukunft Altersarmut im großen Stil?

Oliver Holtemöller: Nein, Rentenarmut im großen Stil ist nicht zu erwarten. Die Rentner in Deutschland sind im Durchschnitt nicht arm; in den vergangenen Jahren sind die Renten stärker gestiegen als die Lebenshaltungskosten. Dennoch gibt es Menschen, deren Rente nicht zum Lebensunterhalt ausreicht, z.B. weil sie längere Zeit nicht erwerbstätig waren. Diese Menschen sollten mit staatlichen Transfers unterstützt werden, die aus Steuermitteln finanziert werden. Ferner sollte schon während der Erwerbsphase darauf hingewirkt werden, dass die Voraussetzungen für eine gute Rente geschaffen werden.

Es ist auch wichtig zu beachten, dass die Renten in Deutschland an die Lohnentwicklung gekoppelt sind. Selbst wenn das Rentenniveau sinkt, heißt das nicht unbedingt, dass die Rente in Euro bemessen sinkt. Außerdem wird häufig ein relativer Armutsbegriff verwendet, der alleine nichts über Armut im engeren Sinne aussagt.

makro: Welche Empfehlungen würden Sie der Politik für eine kluge Rentenpolitik geben?

Oliver Holtemöller: Kluge Rentenpolitik beginnt nicht mit Maßnahmen, die direkt auf die Rente abzielen. Wichtig wäre es zum Beispiel, die Wirtschaftspolitik in Deutschland stärker langfristig auszurichten, insbesondere das Steuersystem zu reformieren und bessere Voraussetzungen für Innovationen zu schaffen. Wenn die Wirtschaft gedeiht, lassen sich auch die Renten leichter finanzieren. Ferner sollte die Erwerbsbeteiligung weiter gesteigert werden. Qualifikation, Gesundheit und Kinderbetreuung sind hier die Stichworte.

Bei der Rente selbst muss ein gesellschaftlich akzeptierter Mix aus Beitragshöhe, Rentenniveau und Renteneintrittsalter gefunden werden, der das Umlagesystem stabilisiert. Und auch wenn ergänzende private Vorsorge im Moment in der Kritik steht, sollten freiwillige Ergänzungsmöglichkeiten zur gesetzlichen Pflichtversicherung weiter gefördert werden. Dies kann privat und/oder auch optional innerhalb der staatlichen Rentenversicherung organisiert werden. Eine Kombination aus Umlagesystem und Kapitaldeckung ist am robustesten gegenüber Krisen.

makro: Deutschland ist ja nun nicht das einzige Land, das vor einem demografischen Wandel steht und sein Rentensystem danach ausrichten muss. Gibt es Länder, von denen wir uns etwas abschauen können?

Oliver Holtemöller: In Europa haben in den vergangenen Jahren nahezu alle Länder, unabhängig von der Vielfalt der Rentensysteme, ähnliche Reformschritte unternommen. Dies betrifft etwa die Anhebung der Regelaltersgrenzen; diese liegt in Großbritannien mittlerweile bei 68 Jahren. Einige Länder haben darüber hinaus das Renteneintrittsalter durch eine Kopplung an die Lebenserwartung dynamisiert (Dänemark, Spanien, Italien, Niederlande, Griechenland, Zypern, Slowakei).

Zudem gibt es eine Ausweitung der kapitalgedeckten Vorsorge in vielen Ländern: in der Schweiz, in Schweden und den Niederlanden ist diese obligatorisch, weshalb diese Systeme als weniger demographieanfällig und damit als solide finanziert gelten. Das umlagefinanzierte Element dient in diesen Ländern lediglich der Existenzsicherung; zur Sicherung des Lebensstandards dient die kapitalgedeckte Säule. Die genannten Länder gelten häufig als Vorbilder in der Rentenpolitik.

In Deutschland wurden in den vergangenen Jahren richtige Reformschritte eingeleitet: Anhebung des Renteneintrittsalters, Förderung der privaten Vorsorge, Berücksichtigung der demographischen Entwicklung bei der Rentenanpassung. Die jüngsten Maßnahmen (Rente mit 63 und Ausweitung versicherungsfremder Leistungen) gingen allerdings in die falsche Richtung.

Sendedaten
makro.online
Rente: Endziel Altersarmut?
Freitag, 1. Juli 2016
Themen-Schwerpunkt
© dpaRente: Endziel Altersarmut?
Droht mir Altersarmut? Diese Frage treibt viele Menschen um. Sicher ist, dass Alte in Zukunft weniger Rente haben werden und Junge im Gegenzug mehr arbeiten müssen. Doch wie schlimm wird es wirklich?
Zur Person
Prof. Dr. Oliver Holtemöller
Oliver Holtemöller ist Universitätsprofessor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Makroökonomik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und Leiter der Abteilung Makroökonomik am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Seit März 2014 ist er stellvertretender Präsident des Instituts.
Archiv
Die neue Rentenlüge
Es ist soweit. Die große Koalition einigt sich auf das größtmögliche Wahlgeschenk: Die SPD kriegt die Rente mit 63, die CDU ihre Mütterrente und die Jungen kriegen nix. Dabei schreit Altersvorsorge nach intelligenten Ideen!
(makro, 16.05.2014)
Studien zur Rente