Russland besinnt sich verstärkt auf seine eigenen Werte. Dies zeigten auch die diesjährigen Schlangenbader Gespräche. © reuters
Russland besinnt sich verstärkt auf seine eigenen Werte. Dies zeigten auch die diesjährigen Schlangenbader Gespräche.
Russland besinnt sich verstärkt auf seine eigenen Werte. Dies zeigten auch die diesjährigen Schlangenbader Gespräche.
Es geht um Werte
Deutsch-russischer Gedankenaustausch
Russland sucht keinen Schulterschluss mehr mit den europäischen Partnern. Von eigenen Werten ist die Rede, von Souveränität um jeden Preis. Man lebt nebeneinander her. makro-Moderatorin Eva Schmidt war bei den Schlangenbader Gesprächen.
Wie begegnen sich Russland und der Westen zwei Jahre nach den Majdan-Protesten? Abgeklärter, aber keinesfalls versöhnlicher. Wenn die Schlangenbader Gespräche (siehe Infokasten rechts) ein verlässliches Stimmungsbarometer für die deutsch-russischen Beziehungen sind, dann sind die Temperaturen wohl dauerhaft um ein paar Grad hinuntergedreht.

Weil die Gespräche intern sind, kann Klartext geredet werden. Allerdings waren die Diskussionen bei weitem nicht mehr so hitzig wie in den vergangenen zwei Jahren. Selbst dafür scheinen die Gemeinsamkeiten zu schwinden.

Kontinentaldrift
In diesem Jahr hatten sich die Schlangenbader Gespräche viel vorgenommen. Es ging um Werte, um nichts Geringeres als Werte. Und das nur wenige Tage nach einem Vorfall in Moskau, bei dem Ludmila Ulitzkaja von mutmaßlichen Nationalisten mit Eiern beworfen und Farbe bespritzt worden war. Die Grande Dame der russischen Literatur war auf einer Veranstaltung der Menschenrechtsgruppe Memorial aufgetreten.

Es war daher sicherlich ein kluger Schachzug der Veranstalter, eine Tagung mit einem so sensiblen Thema von einem Schriftsteller eröffnen zu lassen. Und so gehörten die ersten und die letzten Worte Viktor Erofeev. Und es war wiederum ein kluger Schachzug von Viktor Erofeev, die Politik in seiner Eröffnungsrede weitgehend außen vor zu lassen.

Obwohl sich Erofeev in der Vergangenheit durchaus politisch und Putin-kritisch geäußert hat, blieb er thematisch bei der Literatur. Europa und Russland seien wie die beiden Schriftsteller Dostojevskij und Tolstoj, die sich stets bei Dritten übereinander erkundigten, sich aber ansonsten nicht weiter begegneten.

Russland ist kein Zimmer, sondern ein Haus
Europa leide an Eurozentrismus, sagte Erofeev. Europa definiere sich als Haus und nehme Russland darin als großes schmutziges Zimmer mit Kakerlaken und anderem Ungeziefer wahr. Russland müsse erst putzen und renovieren und könne dann zum europäischen Haus dazu kommen. Doch Russland sei kein Zimmer, so Erofeev, sondern ein eigenes Haus. Und so begann die Tagung bereits mit dem klaren Wunsch der russischen Teilnehmer nach nationaler Souveränität.

Und er blieb das Thema auf der zweitägigen Veranstaltung. Russland habe heute seine eigenen Werte. Europa biete seine Werte nicht an, sondern zwinge sie anderen auf. Da mache Russland nicht mehr mit: Wir machen heute die Politik, die wir wollen. Der Majdan sei das Zeichen eines schändlichen Nationalismus gewesen, das Schweigen Europas eine Schmach für den aufgeklärten Westen.

Parallelgesellschaften
Von einer argumentativen Annäherung zwischen Russland und dem Westen kann also auch zwei Jahre nach dem Majdan kaum die Rede sein. Das beidseitige Interesse an internationalen Treffen schwindet. Die Internationale Sicherheitskonferenz in Moskau, die den Schlangenbader Gesprächen unmittelbar vorausging, war von westlicher Seite dünn besetzt, wie Teilnehmer berichteten.

Wandel durch Annäherung? Eher Wandel durch Akzeptanz. Russland und Europa scheinen ihr dauerhaftes Zerwürfnis angenommen zu haben.

Unterschiedliche Werte
© Eva SchmidtLupeIn der Übersetzung: Die roten Karten zeigen die Werte der russischen Teilnehmer, die blauen die der westlichen, zumeist deutschen Teilnehmer. Schnittmengen gibt es nicht so viele.
Schlangenbader Gespräche
Die Schlangenbader Gespräche sind ein jährliches Treffen von ca. 60 Politikern, Wissenschaftlern, Wirtschaftsvertretern und Journalisten beider Seiten. Veranstalter sind in erster Linie die Friedrich-Ebert-Stiftung, das Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung sowie das Institut für Weltwirtschaft und Internationale Beziehungen der Russischen Akademie der Wissenschaften.
Schwerpunkt
Russland