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Container übereinandergestapelt zu einer Wand. Der Aufstieg der Schwellenländer hat den Welthandel beflügelt. Jetzt stagniert er. © reuters Lupe
Container übereinandergestapelt zu einer Wand. Der Aufstieg der Schwellenländer hat den Welthandel beflügelt. Jetzt stagniert er.
BRICS - Ein Nachruf
Schwellenländer stecken fest
Es ist nicht lange her, da hat der Aufstieg der großen Schwellenländer, der sogenannten BRICS-Staaten, die alten Industrienationen das Fürchten gelehrt. Zum Fürchten ist heute eher der Zustand der BRICS. Mit einer Ausnahme.
Es galt praktisch als unvermeidbar. Etwa um den Millenniumswechsel machten sich die Titanen unter den Schwellenländern auf, mit ihrem rasanten Wachstum die alten Industrienationen vom wirtschaftlichen Olymp zu verjagen und eine neue globale Hackordnung zu etablieren. Tatsächlich ähnelt die Hackordnung heute sehr der alten. Die Schwellenländer sind, mit Ausnahme Chinas, auf der Schwelle geblieben.

Dabei hatte die Idee wirklich Charme. Jim O'Neill, ein heller Kopf bei der Investmentbank Goldman Sachs, suchte einen originellen Titel für eine Studie und erfand 2001 die BRIC-Länder - Brasilien, Russland, Indien und China. Später kam noch Südafrika hinzu. Aus BRIC wurde BRICS.

Wie sich herausstellen sollte, suggeriert der Begriff der BRICS mehr Zusammenhalt als da ist. Kulturell, politisch und wirtschaftlich sind die Länder so unterschiedlich, wie sie nur sein könnten. Allen gemein ist bloß, dass sie mit Schwung vor die Wand gelaufen sind. Was den Begriff BRIC (brick - engl. Baustein, Ziegelstein) im Nachhinein unfreiwillig legitimiert.

Brasilien: Fluch der Rohstoffe
In Brasilien ist die Lage total verfahren. Das Land steckt in der schlimmsten Rezession seit hundert Jahren - 2015 schrumpfte die Wirtschaft um 3,8%, 2016 wird mit einem ähnlichen Einbruch gerechnet. Die drei großen Ratingagenturen haben das Land auf Ramsch-Status zurückgestuft, die Inflation ist zweistellig. Präsidentin Dilma Rousseff, die sich eines Amtsenthebungsverfahrens erwehren muss, sieht sich gezwungen, einen Sparkurs einzuschlagen, den ihre Arbeiterpartei verabscheut.

Zudem muss sie auf Druck ihrer politischen Gegner den größten Korruptionsskandal des Landes aufklären, in dessen Mittelpunkt sie selbst steht. Der staatliche Ölkonzern Petrobras, jahrelang die Cashcow Brasiliens, ist zu einer Art Selbstbedienungsladen der politischen Klasse degeneriert. Es fehlen hohe Summen, die als Bestechungsgelder abgeflossen sein sollen. Die Rede ist von mehreren Milliarden Dollar.

Grundlage für Brasiliens wirtschaftlichen Aufstieg war der Anstieg der Rohstoffpreise zwischen 2000 und 2011 - besonders bei Öl, Eisenerz und Agrargütern. Das Herzstück der brasilianischen Politik war die Umverteilung der Exporteinnahmen an die Armen. Heute gibt es nichts mehr umzuverteilen. Die Rohstoffpreise sind im Keller. Nun rächt sich, dass die Exporteinnahmen verkonsumiert wurden anstatt sie nachhaltig zu investieren.

China: "Goldenes Zeitalter ist vorbei"
China ist in vielerlei Hinsicht ein Spiegelbild Brasiliens. Rohstoffe werden nicht exportiert, sondern importiert. Es wurde nicht konsumiert, sondern investiert. Leider viel zu viel. Heute hat die Werkbank der Welt Überkapazitäten en masse. Arbeiter werden entlassen. Der Lokomotive der Weltwirtschaft geht die Puste aus.

Seit gut vier Jahren legen laut Bloomberg die Gewinne bei den an der Börse in Shanghai gelisteten Unternehmen kaum mehr zu. "Wie das mit 6,5 bis 7,5% jährlichem Wachstum der Volkswirtschaft korrespondieren kann, müssen die Strategen in Peking erst noch erläutern", sagt dazu Bernhard Klinzing vom Frankfurter Börsenbrief.

China-Kenner Mikko Huotari meint, das goldene Zeitalter sei vorbei. Nach drei Jahrzehnten Boom vollziehe sich ein fundamentaler Wandel - volkswirtschaftlich ein völlig normaler Vorgang. Die spannende und im Angesicht von Chinas Bedeutung durchaus beunruhigende Frage lautet: Gelingt ein sanfter Übergang in eine moderne Hightech-Ökonomie? Oder kommt es zu einer harten Landung? Und was bedeutet das für den Deal der Kommunistischen Partei mit dem Volk - wir sorgen für Wohlstand und ihr haltet die Klappe?

Indien: Dreiklang sorgt für zweite Chance
Anders als die anderen BRICS ist Indien gleich im Startblock hängen geblieben. Gerade als alle Welt dachte, Indien werde sich endlich aus dem Sumpf erheben, kam alles anders. Denn der rohstoffarme Subkontinent muss Metalle, Öl, Gas und Kohle in großem Stile importieren. Der Rohstoffboom, der Brasilien, Russland und Südafrika auf die Weltbühne hob, drückte Indien zu Boden.

Heute steht die Ampel auf Grün, gleich dreifach. Kein Land der Welt profitiert von den niedrigen Rohstoffpreisen so wie Indien. Von allen großen Volkswirtschaften wächst man mit rund 8% am stärksten. "Die Wirtschaft", sagt Bernhard Klinzing, "wird durch die abgestürzten Energiepreise stärker stimuliert, als es jedes Konjunkturprogramm, jede Zinssenkung könnte."

Auch von politischer Seite gibt es Rückenwind. Der seit 2014 regierende Premier Narendra Modi kann sich bisher im Dickicht der indischen Politik behaupten. Modi steht nicht für kurzfristigen Aktionismus sondern für eine stetige Reformentwicklung, wie er sie bereits in seiner Heimatprovinz Gujarat umgesetzt hat. Der Fokus ist eher projektbezogen als ideologisch. Indiens Haushaltsdefizit ist seit 2014 von 4,5% auf 3,5% gesunken, die Inflation von 10% auf 6% gefallen. Flankiert wird alles von der Reserve Bank of India, wo Notenbank-Gouverneur Raghuram Rajan einen stabilitätsorientierten Kurs verfolgt, der jedem Bundesbanker ein Lächeln aufs Gesicht nötigen müsste.

Fürs Erste haben sich die BRICS-Titanen auf dem Weg zum Olymp in der Mühsal der Ebene verheddert. Bis sie die alten Industrienationen vom wirtschaftlichen Thron stoßen, wird es dauern. Das korruptionsverseuchte Südafrika, soviel Prognose sei gewagt, wird es nie schaffen. Das autokratische Russland - zumindest wirtschaftlich - auch nicht.

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Wachstumsraten der BRICS
© IMFLupeDie drei Rohstoffexporteure Brasilien, Russland und Südafrika haben bis zum Rohstoff-Peak 2011 kräftigen Rückenwind verspürt. Doch bereits 2008/2009 hat die globale Finanzkrise in diesen Ländern einige Verwüstungen angerichtet, von denen sie sich seither nicht erholen konnten. Der Preiseinbruch der Rohstoffe seit 2011 hat diesen Ländern praktisch die Geschäftsgrundlage entzogen.

In China und Indien ist die Lage anders. Beide Länder sind netto Rohstoffimporteure, insbesondere Indien. Umso bemerkenswerter sind die Wachstumsraten bis zur Finanzkrise. Die Finanzkrise selbst hat nur relativ geringe Spuren interlassen. In China haben massive schuldenfinanzierte Konjunkturprogramme den Einbruch abgefedert, Indien war damals relativ autark, die Ansteckungsgefahr für die eigene Wirtschaft eher gering.

In China sinken heute die Wachstumsraten - ein normaler Vorgang beim Übergang vom Entwicklungs- zum Industrieland. Sie werden weiter sinken. In Indien stehen alle Ampeln auf Grün, weshalb man wachstumstechnisch heute vor China liegt.
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