Eva Schmidt ist das Gesicht von makro.
Eva Schmidt ist das Gesicht von makro.
"Wirtschaft ist dann gut, wenn sie allen nutzt"
Interview mit Eva Schmidt
Eva Schmidt moderiert das Wirtschaftsmagazin "makro", das in 3sat Anfang 2011 auf Sendung ging. In den letzten fünf Jahren, sagt sie in einem Interview aus dem November 2015, haben wirtschaftliche Themen immer mehr an gesellschaftspolitischer Relevanz gewonnen - und das vor allem wegen der globalen Krisen.

Griechenland und die Euro-Krise, VW und der Abgasskandal oder der Prozess gegen den Vorstand der Deutschen bank: Heute bestimmen Wirtschaftsthemen immer mehr die Schlagzeilen. Was hat sich verändert?

Eva Schmidt: Wirtschaftsthemen haben sich "entBWLisiert". Sie gewinnen ein immer deutlicheres gesellschaftspolitisches Profil. Und deshalb erreichen sie auch immer mehr Zuschauer. Früher zielte Wirtschaftsberichterstattung vor allem auf Investoren oder Unternehmenslenker ab, auf die sogenannten "Entscheider", es ging um Gewinne und Verluste. Heute betrachtet man viel stärker das verantwortliche Handeln von Unternehmen.

Blicken wir auf den Abgasskandal von VW. Es geht ja in der Berichterstattung nicht nur um den Vorstand, die Mitarbeiter und Aktionäre. Auch Umweltschutz und gute Unternehmensführung sind Themen. Steuerzahler und Verbraucher kommen zu Wort. Der Einfluss der Autolobby steht in der Kritik. Es geht bis hin zu der Frage, wie wir künftig in Städten leben wollen. Die Berichterstattung ist anders als früher, weil Wirtschaft anders interpretiert wird: gesellschaftlicher, politischer, demokratischer. Ich finde, das tut dem Wirtschaftsjournalismus gut. Neben Anleger- und Nutzwertthemen ist er heute um eine Dimension reicher. Erst mit dieser Dreidimensionalität wird er so richtig lebendig.

Sind es denn die Wirtschaftskrisen, die das besondere Interesse der Zuschauer wecken?

Eva Schmidt: In der Tat stellen wir fest, dass unsere aktuelle Berichterstattung über akute Krisen auf ein sehr großes Interesse stößt. Hier zeigt sich für uns eben auch, dass Wirtschaftsthemen zunehmend in den Fokus vieler Menschen rücken. Ich denke, unseren Zuschauern gefällt, dass wir uns eine halbe Stunde auf ein Thema konzentrieren, einen tieferen Einblick verschaffen und unterschiedliche Perspektiven darstellen. Und wir vermitteln Inhalte so, dass auch Zuschauer ohne spezielle Wirtschaftskenntnisse die Sendung verfolgen wollen.

Vor fünf Jahren ging "makro" mit dem Versprechen an den Start, "Licht in den Wirtschaftsdschungel" zu bringen. Wie haben Sie dieses Versprechen eingelöst?

Eva Schmidt: Wir erklären globale wirtschaftliche Zusammenhänge und nehmen dabei eine Haltung ein. Kurz gesagt: Wirtschaft ist dann gut, wenn sie allen nutzt. Wir greifen gesellschaftliche Debatten auf, etwa das Thema Altersarmut oder wie die Bank von morgen aussieht, denn das betrifft auch die Lebenswelt unserer Zuschauer. Und wir setzen eigene Akzente, wenn wir zum Beispiel trotz allgemeiner IAA-Begeisterung und blitzendem Chrom die Frage stellen, ob das Auto nicht ein Auslaufmodell ist und ob die Industrie ihre Energie nicht besser in den Bau von schadstoffärmeren Autos setzen sollte, statt zu versuchen, auf die Politik Einfluss zu nehmen. Das war Thema bei "makro", lange bevor vom Abgasskandal überhaupt die Rede war.

Sie sprechen von Haltung. Hat das keinen Einfluss auf eine objektive Berichterstattung?

Eva Schmidt: Nein, im Gegenteil. Nehmen wir das Beispiel Fleischindustrie. Sie steht unter Druck, denn Bilder aus der Massentierhaltung verderben vielen Verbrauchern den Appetit. Tierschutz ist daher ein wichtiges Thema. Dazu haben wir in der Sendung eine klare Haltung. Aber wir erzählen die Geschichte eine halbe Stunde lang nicht nur aus einer Perspektive. Wir gehen zum Beispiel auch auf einen Fleischproduzenten zu, der sich gegen mehr Tierschutz ausspricht. Verbindliche gesetzliche Regelungen würden das Fleisch so verteuern, dass es die Verbraucher nicht mehr bezahlten. Billigimporte würden dann das Geschäft machen - aus Ländern, in denen der Tierschutz noch weniger berücksichtigt wird. Wir erlauben also auch unterschiedliche Sichtweisen auf die Dinge, liefern aber durch unsere Interviews immer wieder Orientierung.

Können Sie schon einen Ausblick auf zentrale Themen in 2016 geben?

Eva Schmidt: Uns wird sicherlich das Thema Wohlstandsverteilung begleiten. Ein Thema, das vielen Menschen unter den Nägeln brennt. Von der Flüchtlingsfrage über die Euro-Krise, die Steueroasen bis hin zu den Problemen auf dem Wohnungsmarkt: All das ist auch eine Frage der Wohlstandsverteilung. Zudem werden wir 2016 wieder in Länder reisen, aus denen wenig nach außen dringt. Denn "makro" hat ja noch eine zweite Seite: Neben dem Live-Magazin senden wir vertiefende Wirtschaftsdokumentationen. Wir berichten aus Ländern im Umbruch, zuletzt aus dem Iran. "makro" macht sich ein authentisches Bild und ist nah dran an den Menschen und dem Geschehen vor Ort.

Wie sind Sie zum Wirtschaftsjournalismus gekommen? Denn studiert haben Sie ja Russisch.

Eva Schmidt: Wirtschaft betrifft uns alle, ganz unmittelbar. Zu jeder Zeit und in jedem Land der Welt. Blickt man zurück in die Geschichte, sind es auch wirtschaftliche Entwicklungen, die ganze Epochen prägen. Hinter vielen Konflikten, die heute als religiös oder ethnisch motiviert bezeichnet werden, stehen bei näherem Hinsehen wirtschaftliche Interessen. Solche Zusammenhänge zu erkennen, trägt meines Erachtens auch ganz entscheidend zur politischen Meinungsbildung bei. Daher rührt mein Engagement für das Thema Wirtschaft. Ich gehöre nicht zu denjenigen, die mit 14 schon für die Börse brannten und ihr erstes Geld in Aktien investierten.

Das Interview führte Stefanie Wald.

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makro -
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Eva Schmidt