François Hollande verlässt die Bühne und hinterlässt ein Land im Stillstand. © reuters
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François Hollande verlässt die Bühne und hinterlässt ein Land im Stillstand.
Frankreichs Misere
Hoffen auf den Heilsbringer
Bei Frankreichs Präsidentschaftswahl steht viel auf dem Spiel. Einigkeit herrscht darin, dass sich grundlegend etwas ändern muss, um den jahrelangen Stillstand zu überwinden. Uneins ist man indes über die Richtung.
Zwischenzeitlich hatten sich die beiden führenden Kandidaten, Marine Le Pen vom rechtsextremen Front National und der linksliberale Emmanuel Macron vom übrigen Bewerberfeld absetzen können. Zuletzt ist das Rennen aber wieder sehr eng geworden. Wenn man den Umfragen trauen darf, liegen der konservative Kandidat François Fillon, dem die Justiz im Nacken sitzt, und Jean-Luc Mélenchon, der von den Kommunisten unterstützt wird, mit Le Pen und Macron fast gleichauf (siehe Link rechts "Kandidaten-Ranking").

Die Kandidaten sind so verschieden wie ihre Wahlforderungen. Sie spiegeln die Spaltung der französischen Gesellschaft. Diese Spaltung zeigt sich besonders in den wirtschaftlichen Verhältnissen. Zwar ist Frankreich die sechstgrößte Volkswirtschaft der Erde. Doch seit Einführung des Euro hat der Export ein Drittel seiner Weltmarktanteile verloren. Der Staat ist hoch verschuldet, die Industrie auf Schrumpfkurs.

Die Rezepte der verschiedenen Präsidentschaftskandidaten gegen die Misere sind grundverschieden: Bedingungsloses Grundeinkommen, Aufweichung der 35-Stunden-Woche oder Robotersteuer, Sparpolitik oder Schulden machen, Verbleib in der EU oder Frexit.

Die Präsidentenkür bestimmt auch über das Schicksal des Euro. Wer am Ende an die Macht kommt, wird so oder so das Gesicht Europas verändern. Das Wirtschaftsmagazin makro nimmt die ökonomischen Ziele der wichtigsten Kandidaten unter die Lupe und fragt, wie überzeugend ihre Programme sind.

<b>Wirtschaftsleistung</b><br /> Bei der Wirtschaftsleistung pro Kopf lagen Deutschland und Frankreich um die Jahrtausenderwende noch sehr dicht beieinander und deutlich vor dem EU-Schnitt. Seit der Finanzkrise 2008/2009 ist Deutschland davongezogen. Frankreich liegt heute nur noch knapp über dem EU-Schnitt. Das BIP pro Kopf wird hier von Euro in Kaufkraftstandards (KKS) umgerechnet - somit werden die Unterschiede im Preisniveau bzw. Kaufkraft in verschiedenen Ländern vergleichbar. Wirtschaftsleistung
<b>Arbeitslosigkeit</b><br /> Arbeits- und Perspektivlosigkeit sind dominierende Themen im französischen Wahlkampf. Die Daten von Eurostat zeigen warum. Der spürbare europaweite Aufschwung geht an Frankreichs Arbeitsmarkt vorbei. Konnte Deutschland seine Arbeitslosigkeit vom Höchststand 2005 kontinuierlich senken - maßgeblich unterstützt durch die Agenda 2010 -, verharrt die Arbeitslosigkeit in Frankreich seit Jahren bei 10% und damit über EU-Schnitt. Besonders eklatant ist das Bild bei der Jugendarbeitslosigkeit: Während sie europaweit seit dem Hoch der Euro-Krise 2012 deutlich sinkt, sitzen immer noch 25% der jungen Franzosen auf dem Abstellgleis - eine verlorene Generation. Arbeitslosigkeit
<b>Industrieproduktion</b><br /> Frankreichs Industrie verliert auf dem Weltmarkt den Anschluss. Lange Jahre stagnierte die Industrieproduktion, vom Einbruch während der Finanzkrise 2008/2009 konnte sie sich nie wieder erholen. Für Deutschland zeigt sich ein recht kontinuierlicher Anstieg, der Einbruch 2008/2009 ist überwunden. Industrieproduktion
<b>Staatsverschuldung</b><br /> In den 90er-Jahren hatte die bevorstehende Euro-Einführung eine disziplinierende Wirkung auf die Staatshaushalte Europas entfaltet. Deutschland und Frankreich hatten damals das 60%-Maastrichtkriterium erfüllt. Seit der Finanzkrise 2008/2009 läuft die Schere auseinander. In Deutschland sprudeln aufgrund seiner hohen Wettbewerbsfähigkeit die Steuereinnahmen. Bei robustem Wirtschaftswachstum sinkt der Schuldenstand. In Frankreich passiert das Gegenteil. Staatsverschuldung

Interviews mit Prof. Henrik Uterwedde

Live-Interview: Weniger "politischer Aktionismus"
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Der Frankreich-Kenner Prof. Henrik Uterwedde sagt, die französische Regierung brauche politischen Mut und eine klare Ansage über notwendige Veränderungen.
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Vorabinterview: Klare Linie gesucht
Der Triumphbogen in Paris - ein Monument einstiger Größe.
Hohe Arbeitslosigkeit, sinkende Weltmarktanteile der Unternehmen. makro-Moderatorin Eva Schmidt fragt Frankreich-Kenner Henrik Uterwedde, was die französische Wirtschaft wieder in Schwung bringen könnte.
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Highlights

makroskop Frankreich
© reuters
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Frankreichs Wirtschaft hat sich seit dem großen Einbruch während der Finanzkrise nicht richtig erholt: Industrieproduktion, Handelsbilanz, Schulden, Arbeitslosigkeit - alles läuft in die falsche Richtung.
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Le Mittelstand
Le Mittelstand: Frankreichs blinder Fleck © Alstom
Der deutsche Mittelstand wird weltweit als Wirtschaftsmotor und Innovationsmaschine bewundert. Der französische fristet hingegen ein tristes Leben im Schatten der Großkonzerne.
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Berichte aus der Sendung

Kandidatenroulette
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Diese Präsidentschaftswahl ist anders. Vier Kandidaten liegen fast gleichauf: ein linker Revoluzzer, ein Wertkonservativer zweifelhafter Integrität, eine lächelnde Rechtsextreme und ein Politneuling. Von weniger arbeiten bis mehr sparen ist alles im Programm.
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Reformstau: L'immobilisme français
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Chirac ist eingeknickt, Sarkozy um den heißen Brei gezappelt und Hollande hat es gar nicht erst gewollt. Ob Bauern, Studenten oder Rentner: In Frankreich ist noch jeder Versuch wirtschaftlicher Reformen in Protesten erstickt.
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Banlieue: Die im Schatten leben
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Der Name Banlieue sagt alles: Bannmeile. Hier leben die, die in Frankreich keinen Platz finden, oftmals Einwanderer. Die Parallelgesellschaften sind tickende Zeitbomben - mit wenig Hoffnung und viel Wut.
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Sendedaten
makro
Frankreichs Misere
Freitag, 21. April 2017, 21.00 Uhr
Wiederholung Sonntag 6.15 Uhr
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Frankreich: Reden Sie mit!
© colourbox.deFrankreich-Kenner Prof. Henrik Uterwedde vom Deutsch-Französischen Institut in Ludwigsburg sagt, Frankreich sei nicht vollkommen anders als Deutschland: "Reformen, vor allem wenn sie Besitzstände angreifen, sind unpopulär." Diskutieren Sie mit!
Studiogast
Prof. Dr. Henrik Uterwedde
Der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Henrik Uterwedde ist tätig am Deutsch-Französischen Institut in Ludwigsburg, dessen stellvertretender Direktor er von 1996 bis 2014 war. Seine Tätigkeitsschwerpunkte sind die Wirtschaftspolitik in Frankreich und Deutschland sowie die Rolle beider Länder in Europa. Ende Mai erscheint sein neues Buch "Frankreich - eine Länderkunde".
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Französische Tristesse
Die Wirtschaft ist abgehängt, die Arbeitslosigkeit hoch, die Leute wütend. Um Präsident Hollande ist es einsam geworden. Jetzt tut er, was er nie wollte: Er schrödert. Wenigstens ein bisschen.
(makro, 02.05.2014)
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Vive la France?
Jahrelang hat Frankreich geprasst. Seine Wirtschaft mit Dauer- Konjunkturprogrammen auf Staatskosten gedopt, seinen Konsum auf Pump finanziert. Nun bekommt die "Grande Nation" die Quittung.
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Europa