Bei der Rente geht es vor allem um Generationengerechtigkeit. © colourbox.de
Interview aus der SendungInterview aus der Sendung
Bei der Rente geht es vor allem um Generationengerechtigkeit.
Generationengerechtigkeit
"Die Widersprüche liegen zwischen Arm und Reich"
Die aktuelle Rentendebatte kommt nicht zur Ruhe. Warum sich Jung und Alt nicht gegeneinander ausspielen lassen dürfen, erklärt der Forscher Michael Klundt im Interview mit makro-Moderatorin Eva Schmidt.
Der Streit um die Rente und die Angst vor Altersarmut verdecken in den Augen des Armutsforschers Prof. Michael Klundt den Blick auf die wahren Bruchlinien in der Gesellschaft: die enorme Ungleichheit innerhalb der jeweiligen Generationen. Von wirtschaftlichen Erfolgsmeldungen dürfe man sich nicht blenden lassen. Klundt fordert höhere Löhne, die Abschaffung von Hartz IV und eine gesetzliche Rente, in die alle einzahlen - auch Selbständige, Beamte und Politiker.

makro: Mit dem neuen Rentenpaket zum 1. Januar hat der Gesetzgeber wichtige Weichen gestellt, um das Rentenniveau zu stabilisieren. Ist das ein probates Mittel gegen Altersarmut?

Michael Klundt: Wenn von nun an bis 2025 das bislang gesunkene Rentenniveau erstmal nicht noch weiter sinkt, ist das wirklich nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Ein langfristig wirksames Mittel zur armutsfesten und paritätisch finanzierten Lebensstandardsicherung sieht anders aus. Und trotz geringer Verbesserungen z.B. in der Erwerbsminderungsrente werden offensichtlich ostdeutsche Rentnerinnen bei der sogenannten Mütterrente selbst nach fast drei Jahrzehnten Beitritt immer noch benachteiligt.

makro: Das größte Armutsrisiko in der deutschen Gesellschaft tragen nicht die Senioren, sondern die Altersgruppe der 20 bis 25jährigen. Sprechen wir vielleicht zu viel über Altersarmut und zu wenig über Jugendarmut?

Michael Klundt: Meines Erachtens sprechen wir zu wenig über die Armut von Kindern, von Jugendlichen und von Alten. Lieber werden Erfolgsmeldungen verbreitet, dass es den Kindern, den Jugendlichen und den Alten im Durchschnitt so gut gehe wie nie zuvor. Doch beim Durchschnitt vergisst man oft die enorme Ungleichheit z.B. innerhalb der jeweiligen Generation.


makro: Viele junge Menschen verharren im Niedriglohnsektor, in Leiharbeit und ungewollter Teilzeit. Wie kann das sein, wenn gleichzeitig alle über Fachkräftemangel und fehlenden Nachwuchs jammern?

Michael Klundt: Das ist in der Tat ein Skandal und straft viele Fachkräftemangel-Rufer der unlauteren Motive. Denn gäbe es tatsächlich einen dermaßen hohen Fachkräftemangel, hätten die betroffenen Betriebe mangelhaft ausgebildet. Und in der Konsequenz müssten eigentlich Löhne und sonstige Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen enorm ansteigen.

Da aber mit Befristungen, Niedriglohnsektor, Leiharbeit und ungewollter Teilzeit genau das Gegenteil feststellbar ist, darf vermutet werden, dass ein Großteil der Fachkräftemangel-Rufer eigentlich Niedriglöhner-Mangel beklagen. Die prekären Arbeitsbedingungen für junge Beschäftigte sind allerdings seit den Agenda 2010-Reformen für praktisch alle Altersgruppen spürbar und keineswegs ein Merkmal von Generationenungerechtigkeit.

makro: Kommen wir nochmals auf die Rente zu sprechen: Immer wieder gibt es den Vorstoß, Kinderlose bei den Rentenbeiträgen stärker zu belasten. Was halten Sie davon?

Michael Klundt: Viel wichtiger wäre es, alle Erwerbstätigen in die gesetzliche Rentenversicherung zu integrieren - also auch Selbständige, Beamte, Politiker, Minister usw. - und diese nach allen Einkommen paritätisch zu finanzieren.

Die Vorstellung, es ginge Familien besser, wenn den Kinderlosen mehr genommen würde, ist meines Erachtens genauso irrtümlich wie der Gedanke, den Kindern ginge es besser, wenn wir die Renten kürzen, privatisieren und erst später beginnen lassen. Die letzten zwanzig Jahre beweisen dies eindrücklich. Die Widersprüche liegen zwischen Arm und Reich und nicht zwischen Alt und Jung oder zwischen Eltern und Kinderlosen.

makro: Was ist denn Ihr Vorschlag für ein stabiles und gerechtes Rentenniveau?

Michael Klundt: Eine armutsfeste Lebensstandardsicherung im Alter, die solidarisch in der gesetzlichen Rentenversicherung finanziert wird und nicht die private Versicherungsindustrie subventioniert, wäre der richtige Weg. Dies widerspricht auch nicht einer effektiven Bekämpfung von Kinder- und Jugendarmut sowie höheren Bildungsinvestitionen. Das genaue Gegenteil ist der Fall, wie die letzten zwei Jahrzehnte zeigen.

Allerdings müsste dann auch über höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen für alle Altersgruppen gesprochen werden. Hartz IV und die besonders scharfen Sanktionen gegen unter 25jährige haben zu einem riesigen Niedriglohnsektor, prekären Arbeitsverhältnissen und zu verbreiteter Jugendarmut beigetragen. Deshalb müssen sie überwunden werden.

Alt und Jung sollten sich nicht gegeneinander ausspielen lassen. In einer der reichsten und produktivsten Gesellschaften der Erde ist am Ende Generationensolidarität für alle sinnvoller als Generationenkämpfe oder -kriege.

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Freitag, 25. Januar 2019, 21.00 Uhr
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Gesellschaft