Eine Falcon9-Rakete des privaten amerikanischen Raumfahrtunternehmens SpaceX startet in Cape Canaveral, um den Kommunikationssatelliten Telstar 18 in seine Umlaufbahn zu bringen. © ap
Eine Falcon9-Rakete des privaten amerikanischen Raumfahrtunternehmens SpaceX startet in Cape Canaveral, um den Kommunikationssatelliten Telstar 18 in seine Umlaufbahn zu bringen.
Eine Falcon9-Rakete des privaten amerikanischen Raumfahrtunternehmens SpaceX startet in Cape Canaveral, um den Kommunikationssatelliten Telstar 18 in seine Umlaufbahn zu bringen.
Raumfahrt 2.0
Die Dinos und die Mücken
Europas Raumfahrt steckt in der Krise. Händeringend suchen Industrie und Politik nach einem Mittel gegen die Kampfpreise des amerikanischen Konkurrenten SpaceX. Dabei lauert die eigentliche Herausforderung ganz woanders.
Von Carsten Meyer

In den Chefetagen der europäischen Raumfahrt geht die Angst um. Es ist die Angst, obsolet zu werden. Jahrzehntelang hatte man mit der Trägerrakete Ariane 5 ein Spitzenpferd im Stall, das große Lasten in den Orbit schießen konnte. Heute gibt es bessere Pferde, vor allem billigere. Aber nicht in Europa. "Europa droht abgehängt zu werden," sorgt sich Airbus-Chef Thomas Enders, zu dessen Konzern auch die ArianeGroup gehört.

Das Nachfolgemodell Ariane 6, dessen Jungfernflug für den Juli 2020 geplant ist, soll nur rund die Hälfte kosten. Möglicherweise ein Fall von too little, too late. Außerdem hängt dieses ambitionierte Ziel von Rahmenbedingungen ab, deren Erfüllung fraglich scheint.

SpaceX - Arianes Nemesis
Da ist zum Beispiel die leidige dezentrale Fertigung der zahlreichen Raketenkomponenten in Europa. Hier stehen nicht Qualität und Effizienz im Vordergrund, sondern Länderproporz: Wer darf die Booster bauen, wer das Triebwerk, wer die Oberstufe und wer nur die Reste? Es ist ein politisches Hickhack. "Niemand schreibt SpaceX vor, einen Teil seiner Raketen in Bayern und einen in Bremen zu bauen", klagt Alain Charmeau, Chef der ArianeGroup.

SpaceX. Die Raumfahrtfirma von Tesla-Gründer Elon Musk gilt bei Trägerraketen heute als das Maß der Dinge. Technisch top, die erste Rakete mit wiederverwendbaren Boostern, die höchste Nutzlast weltweit. Und die US-Regierung im Rücken, die mit gut bezahlten, sogenannten institutionellen Starts für Militär und NASA das Auftragsbuch füllt. Man spricht von rund 100 Mio. Dollar pro Einsatz.

Europa ohne Plan
Zu einem vergleichbaren Bekenntnis für die Ariane konnte sich die europäische Politik bisher nicht durchringen. Im Gegenteil: Die Bundeswehr hat für den Start dreier Aufklärungssatelliten ebenfalls bei SpaceX unterschrieben. Kein Einzelfall. Denn während SpaceX zuhause 100 Mio. Dollar pro Start einstreicht, bietet Musk seine Rakete im Ausland viel billiger an - und drängt die Konkurrenz, vor allem die Ariane, aus dem Markt.

Aber es ist nicht nur die private Konkurrenz bei großen Trägersystemen, die das europäische Raumfahrtmodell infrage stellt: Der Markt wandelt sich. Und tatsächlich kommt die größte Gefahr für die Dinosaurier der Raumfahrt heute von unten.

Die Zeitenwende
Die Entwicklung des kommerziellen Raumflugs, sagt NASA-Veteran Alan Stern, habe eine Zeitenwende in der Raumfahrtbranche eingeläutet: "In der Vergangenheit konnten nur Supermächte Raumfahrtprojekte stemmen, heute können sogar Startup-Firmen Dinge in den Weltraum schießen." Das bedeutet eine Revolution für den Zugang zum All und seiner Nutzung.

Es begann vielleicht mit Luke Geissbühler, einem Tüftler aus Brooklyn, der 2010 eine handelsübliche Kamera an einen Amateur-Wetterballon hängte und aus 30 Kilometern Höhe Bilder machte, die aussahen wie von echten Satelliten. Oder Stanford-Studenten, die kleine "CubeSats" bauen - kaum größer als ein Zauberwürfel - für Experimente in einem niedrigen Orbit. Jedenfalls dauerte es nicht lange, bis den Beteiligten dämmerte, dass heute mit handelsüblicher Technik die Funktion Milliardenschwerer Satelliten repliziert werden kann.

"Moore's Law" erobert den Weltraum
Das Ergebnis ist eine Raumfahrt 2.0. Viele Mikrosatelliten, teils als Netzwerk angelegt, verdrängen die Dinos, deren Einsatz noch eine fünf- bis zehnjährige Realisierungsphase vorausging. Die Neulinge operieren im erdnahen Orbit (500-2000 km Höhe) anstatt im geostationären (36.000 km) - und damit leidlich geschützt vor kosmischer Strahlung, die weiter draußen moderne Platinen perforiert. Die Elektronik ist up to date, tendenziell von der Stange, Zyklen sind kürzer, alles wird billiger, teils um den Faktor 100.

Außerdem: Nach ein paar Jahren fallen die kleinen Kisten vom Himmel und verglühen. Kein dauerhafter Schrott im All.

Fünf Jahrzehnte technischen Fortschritts brechen sich Bahn. Aus der Chipindustrie kennt man die Gesetzmäßigkeit als "Moore's Law": eine Verdopplung der Leistung alle 18 Monate. Jetzt erobert "Moore's Law" den Weltraum.

Siegeszug der Zwerge
Ex-Nasa-Mitarbeiter Will Marshall begann 2010 im Silicon Valley - in der sprichwörtlichen Garage -, einen Satelliten zu bauen. Heute ist er Chef von Planet, einer Firma, die eine Flotte von 200 Satelliten betreibt. Sie haben die Größe eines Schuhkartons und liefern einen täglichen Snapshot der gesamten Welt. "Der entscheidende Treiber in der Satellitentechnik ist die Miniaturisierung der Elektronik", sagt er - und Fortschritte in der Sensortechnik, wie man es schon vom Smartphone kennt (s. Videos rechts).

Die 60 Satelliten von Spire Global können Schiffe, Flugzeuge und das Wetter überwachen. OneWeb, eine Initiative, an der auch Airbus beteiligt ist, möchte der ganzen Welt das Internet bringen - bis in die letzte Hütte.

"New Space"
Der Punkt ist, dass in dieser "New Space"-Szene Dienstleistungen wie Sternschnuppen vom Himmel fallen, die für praktisch jede erdenkliche Branche einen kommerziellen Nutzen haben: Landwirte wissen, wie es um ihre Felder bestellt ist, Versicherungen können präziser ihre Risiken kalkulieren und Reeder sich auf Verzögerungen in einem Hafen einstellen.

Entsprechend fließt Geld. Es herrscht Goldgräberstimmung. Hunderte Startups machen sich an die Eroberung des Weltalls, finanziert von Venture-Capital-Gebern und Partnern aus der Industrie (s. Infografik rechts). "Das Zusammenspiel von Raumfahrt, Digitalisierung und privatem Kapital hat das Marktumfeld radikal verändert", formuliert es Airbus-Mann Enders.

Die Dinosaurier der Raumfahrt plagen im Himmel nun die Mücken.

Sendedaten
makro
Wer verdient am Weltall?
Freitag, 12. Oktober 2018, 21.00 Uhr
Wiederholung Sonntag 6.15 Uhr
Alles zur Raumfahrt-Sendung
Raumfahrt
Raumfahrt gilt in Deutschland als Schlüsseltechnologie - so steht es in der Hightech-Strategie 2020 der Bundesregierung. Aber lohnt es sich, die Branche jedes Jahr mit einer Milliarde Euro zu fördern?
Videos
Auf einer Technologiekonferenz im Silicon Valley, der "Disrupt SF 2018", wurde u.a. der Boom in der Raumfahrtbranche thematisiert. Einige interessante Podiumsdiskussionen seien hier als Youtube-Videos verlinkt.
Infografik
© Bessemer Venture PartnersStartup-Szene
Bessemer Venture Partners (BVP) ist ein Risikokapitalgeber aus dem Silicon Valley, der auch Beteiligungen an Raumfahrt-Startups hält. In obiger Grafik hat BVP die Firmen der "New Space"-Szene entsprechend ihrem jeweiligen Geschäftsfeld sortiert.
[>> zum Vergrößern hier klicken]
Start-Up
Visionär: Elon Musk
Irre, genial - oder beides?
Wenn unsere Zeit einen Visionär hat, dann ist es Elon Musk. Wie ein Besessener brütet er Ideen aus und macht sich an die Umsetzung. Selbst falls er am Ende scheitert, wird er die Welt verändern.
(makro, 13.04.2018)
Archiv
Teure Weltraumabenteuer
Raumfahrt ist faszinierend, verdammt teuer, der praktische Nutzen eher abstrakt. Berufspessimisten behaupten, er beschränke sich auf die Erfindung der Teflonpfanne. Tatsache ist jedenfalls: In den Raumfahrtnationen regiert der Rotstift.
(makro, 07.11.2014)