Die digitale Zukunft erfordert spezifisches Knowhow. Die wichtigsten Digitalunternehmen sitzen in den USA. Und zunehmend in China. © colourbox.de
Interview aus der SendungInterview aus der Sendung
Die digitale Zukunft erfordert spezifisches Knowhow. Die wichtigsten Digitalunternehmen sitzen in den USA. Und zunehmend in China.
"Das muss uns mit Sorge erfüllen"
Verliert Deutschland bei Big Data den Anschluss?
Die größten Firmen der Welt sind heute Technologiekonzerne, die Datenmenge explodiert und der Einsatz künstlicher Intelligenz ist auf dem Vormarsch. Das Wirtschaftsmagazin makro sprach mit Prof. Harald Mathis, was da auf uns zukommt.
Die Welt von Big Data und künstlicher Intelligenz bringe für uns als Nutzer sehr angenehme und zunächst überraschende Seiten, sagt der Informatiker Harald Mathis. Doch: Wir machen uns auch manipulierbar. Die Dominanz globaler IT-Konzerne stellt gleichfalls eine große Herausforderung an deutsche Unternehmen. Dem Mittelstand müsse klar sein, sagt Mathis mit Blick auf rund 150 Hidden Champions im Umkreis seiner Hochschule, "dass kaum eine Branche nicht von der Digitalisierung, Big Data und KI betroffen sein wird".

makro: Jeder weiß, dass Facebook mit Nutzerdaten Geld verdient. Aber auch der Erfolg von Apple, Microsoft, Amazon & Co lässt sich auf einen Punkt runterbrechen: das Geschäft mit Daten. Warum ist das heute so zentral?

Harald Mathis: Ganz einfach ausgedrückt: Wer viele Daten über uns hat, kann auch viele Informationen in hoher Qualität (über uns) erzeugen. Wir werden berechenbarer und damit auch manipulierbarer. Das war ja einer der Effekte des aktuellen "Facebook-Skandals", lässt sich aber auf andere Fälle übertragen. Es werden Milliarden mit Werbung verdient, die auf uns "zugeschnitten" ist.

Im positiven Sinne kann man mit ausreichenden Datenmengen - setzen wir eine gute Qualität der Daten voraus - Prozesse im Gesundheitswesen und in der Produktion verbessern. Wir sprechen von datengetriebenen Prozessen und Modellen. Gleiches gilt für "maschinelle" Marketingverfahren.


makro: Künstliche Intelligenz (KI) gilt als Zukunftsmusik. Tatsächlich aber kommen wir bereits jeden Tag damit in Kontakt. Wie erklärt sich die Technologieführerschaft von Google und anderen Internetfirmen und was machen die damit?

Harald Mathis: Nun, das hat eine Verbindung zur ersten Frage: Diese Firmen haben über viele Jahre Daten zum Nutzerverhalten, zur Mobilität, zu Einkäufen, Clicks etc. gesammelt. Damit kann man Modelle ("schlaue" Algorithmen) aufbauen, die die eben erwähnte Berechenbarkeit des Individuums realisieren.

Die neue KI-Welt bringt für uns als Nutzer sehr angenehme und zunächst überraschende Seiten. Man kann Siri und Alexa ansprechen. Das ist zunächst toll. Man gewährt den Algorithmen, der KI dadurch aber auch Einblicke aus unserer Intimsphäre, aus der häuslichen Umgebung. Wir machen uns manipulierbar. Das ist - machen wir uns nichts vor - auch in gewisser Weise Ausübung von Macht, mindestens wirtschaftlicher Macht.

makro: Bisher haben wir über die Dominanz der Technologieriesen gesprochen. Gleichzeitig bringen jede Menge Startups neue Geschäftsideen hervor - man denke nur, was wir heute alles mit unserem Smartphone machen. Haben die Kleinen eine Chance in der Big-Data-Welt?

Harald Mathis: Ja, auch die Kleinen haben eine Chance, denn es gibt viele Dinge, die noch entwickelt werden wollen. Denken wir nur an den Bereich der Gesundheit: Viele Dinge, die die Großen versprochen haben, haben nicht funktioniert. Es gibt viele vielversprechende Ansätze auch in anderen Bereichen: Nehmen wir das Smart Home. Hier tummeln sich Startups mit tollen Ideen.

Die Frage ist nur, wie lange sich die Firmen am Markt behaupten können. Beispiel: Die Firma PrimeSense aus Tel Aviv, "Erfinder" der Kinect-Kameras, wurde 2013 von Apple für fast 400 Mio. Dollar gekauft. Die Kameras unter dem Label "PrimeSense" sind verschwunden. Also, es gibt sicherlich Platz für viele gute Ideen. Die Szene ist aber sehr schnelllebig.

Die Menge der <b>jährlich generierten Daten</b> wird in den kommenden Jahren explodieren. Treiber sind Video- und Audio-Content sowie zunehmend das Internet der Dinge. Die Menge der jährlich generierten Daten wird in den kommenden Jahren explodieren. Treiber sind Video- und Audio-Content sowie zunehmend das Internet der Dinge.
Zwei Dinge fallen auf. Erstens: Die <b>größten Unternehmen</b> sind heute Technologiekonzerne. Zweitens: Sie sind amerikanisch oder chinesisch. Zwei Dinge fallen auf. Erstens: Die größten Unternehmen sind heute Technologiekonzerne. Zweitens: Sie sind amerikanisch oder chinesisch.
Die <b>Cloud</b> ist die Infrastruktur des digitalen Zeitalters. Je mehr Daten und Software dort gehostet sind, desto lukrativer für die Cloud-Anbieter. Amazon ist mit Abstand Marktführer. Die Cloud ist die Infrastruktur des digitalen Zeitalters. Je mehr Daten und Software dort gehostet sind, desto lukrativer für die Cloud-Anbieter. Amazon ist mit Abstand Marktführer.

makro: Kommen wir nach Deutschland. Hiesige Unternehmen, vor allem der Mittelstand, stehen vor einer formidablen, technologischen Herausforderung. Wie wollen sie die meistern?

Harald Mathis: Nun, ich komme aus einem Institut, das eine starke Mittelstandsausrichtung hat. Man muss feststellen, dass sich langsam ein Bewusstsein für die Situation einstellt. Das ist aber zu wenig. Wichtig sind Projekte im Bereich der digitalen Transformation und ein "agiler"! Umgang mit der Situation. Wichtig ist auch, mit Partnern zu kooperieren und möglichst gut und schnell zu lernen, wie man digitale Produkte und Lösungen anbietet und wie man sich digital transformiert. Es muss dem Mittelstand zudem klar sein, dass kaum eine Branche nicht von der Digitalisierung, Big Data und KI betroffen sein wird.

makro: Noch ein Blick nach China. Chinesische Unternehmen sind dabei - und haben die erklärte Absicht - den USA die Technologieführerschaft streitig zu machen. Wie weit sind sie und muss einem das Sorge machen?

Harald Mathis: Klare Antwort: Ja, das muss uns mit Sorge erfüllen, da wir selbst noch schneller werden müssen und in einigen Bereichen bereits hinter der USA herhinken. Die chinesischen Firmen sind extrem agil, es gibt gut ausgebildete Fachkräfte und einen großen Hunger auf den weltweiten Markt.

In der Produktion hat China insgesamt einen großen Nachholbedarf und versucht, zu "Industrie 3.0" aufzuschließen. China ist aber schnell. Wir müssen unsere Stärken schneller ausspielen und ausbauen.

KI und Big Data brauchen Mathematik (Algorithmen). Dort sind wir immer noch sehr stark, müssen aber verstehen, dass die Mathematik und die Beschäftigung damit enorm wichtig geworden ist. Essentiell ist zudem - und die Bedeutung wird zunehmen - wie gut wir Probleme erkennen und Lösungen auf der algorithmischen Seite anbieten können.

Das Interview führte Carsten Meyer.

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Freitag, 27. April 2018, 21.00 Uhr
Wiederholung Sonntag 6.15 Uhr
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