Chinesischer Containerhafen: Mit amerikanischen Zöllen für chinesischen Stahl fing es an. Aber wo wird es enden? © ap
Chinesischer Containerhafen: Mit amerikanischen Zöllen für chinesischen Stahl fing es an. Aber wo wird es enden?
Chinesischer Containerhafen: Mit amerikanischen Zöllen für chinesischen Stahl fing es an. Aber wo wird es enden?
Unbeabsichtigte Nebenwirkungen
Strafzölle: Im Karussell des Wahnsinns
Der Welthandel ist eine komplizierte Angelegenheit und Strafzölle haben ihre Tücken. In einem Handelskrieg geht der Schuss von hinten durch die Brust ins Auge. Möglicherweise ins eigene.
Im amerikanisch-chinesischen Wettstreit, wer wen mit Zöllen und anderen Handelshemmnissen in die Knie zwingt, nimmt die chinesische Seite Amerikas Autobauer ins Visier. Zusätzliche Zölle von 25 Prozent sollen amerikanische Autos auf dem chinesischen Markt ausbremsen. Eine schlechte Nachricht für Amerikas Autometropole Detroit, sollte man meinen.

Stimmt aber nicht.

Wie die Analysten von Evercore vorrechnen, träfen die Maßnahmen primär Daimler und BMW. Daimler und BMW? Genau. Mercedes produziert in Tuscaloosa, Alabama, BMW in Spartanburg, South Carolina. Etwa 100.000 Autos gehen davon 2018 nach China. Das Exportvolumen der beiden, schätzt Evercore, summiert sich auf knapp sieben Milliarden Dollar. Ein Tiefschlag wäre die Maßnahme auch für Tesla, die im Wert von zwei Milliarden Dollar nach China exportieren. Ford und Fiat Chrysler hingegen kommen glimpflich weg. Zusammen entgehen ihnen nicht mal eine Milliarde Dollar. Die beiden Konzerne produzieren in Joint-Ventures in China für den dortigen Markt. Gleiches gilt übrigens für Volkswagen.

Nichts Genaues weiß man nicht
Man sieht: Der Welthandel ist ein komplexes System und die scheinbar offensichtliche Konsequenz einer Maßnahme ist oftmals nicht die Tatsächliche.

Zu den grundlegenden Erkenntnissen der Ökonomie gehört das Gesetzt der unbeabsichtigten Nebenwirkungen. Der amerikanische Soziologe Robert Merton formulierte in einer Forschungsarbeit bereits 1936, die Konsequenzen seien "hervorgerufen durch das Zusammenspiel von Kräften und Umständen, die so zahlreich und komplex sind, dass ihre Vorhersage jenseits unserer Möglichkeiten liegt".

Mit anderen Worten: Wir wissen nicht, was passiert.

Dies gemahnt zur Vorsicht, wann immer es darum geht, an der Zollschraube zu drehen oder anderweitig in Märkte einzugreifen - und sei es noch so gut gemeint. Es könnte nachher durchaus schlechter sein als vorher und anders als schlaue Computermodelle weissagen. Mertons Postulat ist keine Anleitung zum Nichtstun, sehr wohl aber ein Grund, mit Bedacht vorzugehen.

Ein Dorn im Auge Donald Trumps: das wachsende <b>Handelsbilanzdefizit mit China</b>. Trump möchte die Wettbewerbsfähigkeit chinesischer Produkte mit Strafzöllen dämpfen. Ein Dorn im Auge Donald Trumps: das wachsende Handelsbilanzdefizit mit China. Trump möchte die Wettbewerbsfähigkeit chinesischer Produkte mit Strafzöllen dämpfen.
Die Hans Böckler Stiftung hat auf Basis von WTO-Daten die wichtigsten <b>Import- und Exportnationen</b> gegenübergestellt. Weltgrößter Exporteur ist China, größter Importeur die USA. © Hans Böckler Stiftung Die Hans Böckler Stiftung hat auf Basis von WTO-Daten die wichtigsten Import- und Exportnationen gegenübergestellt. Weltgrößter Exporteur ist China, größter Importeur die USA.

Pech für Guinea
Umso mehr, als es in unserer vernetzten, arbeitsteiligen Welt kaum noch Produkte gibt, die komplett in einem Land gefertigt werden. Lieferketten umspannen die Kontinente und "Made in Germany" enthält oft "Made in China" oder "Made in USA". Der Versuch, mit Strafzöllen zielgenau ein Produkt zu treffen, produziert vor allem Kollateralschäden.

Nehmen wir Amerikas Strafzoll auf Chinas Stahl und Aluminium. Trump trifft chinesische Stahlwerke, klar. Aber die kaufen Eisenerz in Australien, Brasilien, Indien, Iran, Südafrika und der Ukraine. Bauxit für die Herstellung von Aluminium kommt aus Australien, Brasilien und Guinea. Guinea ist nicht reich. Am Ende bluten alle.

Jackpot für Brasilien?
Für eine zweiten Eskalationsstufe kündigt China seinerseits 25 Prozent Strafzoll auf US-amerikanisches Soja an. China ist der wichtigste Kunde der Hülsenfrucht, die vor allem als Tierfutter verwendet wird, und kauft ein Drittel der amerikanischen Ernte. Das Reich der Mitte könnte versuchen, auf brasilianisches Soja auszuweichen. Nur kann Brasilien die zusätzliche Nachfrage nicht bedienen. Die Preise für brasilianisches Soja würden steigen. Dies tangiert auch die Exporte nach Deutschland, einen wichtigen Abnehmer.

US-amerikanische Landwirte würden beginnen, an bisher brasilianische Kunden zu liefern. Vielleicht auch nach Deutschland. Gut möglich aber, dass sie mehr Soja haben, als sie loswerden. Die Preise in den USA könnten fallen. Das ist vorteilhaft für amerikanische Tierzüchter, aber schlecht für die Sojabauern. Sie könnten umsteigen auf andere Getreidesorten. Das wiederum brächte die Preise für Weizen oder Mais unter Druck.

Und wer ist der Dumme?
Wie auch immer man es dreht und wendet: Strafzölle bringen einiges durcheinander. Was genau, weiß niemand, siehe Merton. Nach einer Weile übrigens, das sagen die Computermodelle der Ökonomen, stumpft die Wirkung ab. Handelsströme sortieren sich neu. Allerdings ist ihnen der prinzipiell wirtschaftlich sinnvolle Weg versperrt durch Hindernisse. Die kosten Zeit und Geld.

Den Preis zahlen am Ende stets die Verbraucher.

Sendedaten
makro
Strafzölle
Freitag, 20. April 2018, 21.00 Uhr
Wiederholung Sonntag 6.15 Uhr
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