Die Brexit-Entscheidung hat viel mit einer tief verwurzelten Nostalgie zu tun. © dpa
Interview aus der SendungInterview aus der Sendung
Die Brexit-Entscheidung hat viel mit einer tief verwurzelten Nostalgie zu tun.
In der Brexit-Falle
"Allgemeiner politischer Realitätsverlust"
Noch ein Jahr verbleibt bis zum EU-Austritt Großbritanniens. Im Vorabinterview mit makro-Moderatorin Eva Schmidt erklärt der britische Politikwissenschaftler Alex Clarkson, warum der Brexit zu einer endlosen Hängepartie wird.
Das Votum der Briten, die Europäische Union zu verlassen, bleibt für viele Kontinentaleuropäer ein Rätsel. Alex Clarkson vom King's College in London sagt, hierin spiegele sich die Nostalgie für eine imperiale Vergangenheit, in der Großbritannien Weltmacht war und globale wirtschaftliche und politische Strukturen prägen konnte. Die Realität sieht heute anders aus. Selbst eine knapp zweijährige Übergangsfrist, auf die sich Großbritannien mit der EU gerade geeinigt hat, werde für die Scheidung nicht ausreichen. Clarkson rechnet damit, dass die Übergangsphase "mehrmals verlängert werden müsste".

makro: Ein Knackpunkt beim Brexit ist die Grenze zwischen Irland und Nordirland, die zu einer EU-Außengrenze wird. Befürchtungen werden laut, die Grenzfrage könnte sogar den Frieden in Irland und die Einheit Großbritanniens gefährden. Sind solche Befürchtungen übertrieben?

Alex Clarkson: Die Grenze zwischen Irland und Nordirland stellt eines der größten Risiken für einen geordneten Brexitprozess dar. Jede Brexitvariante, die zum Austritt Großbritanniens aus der europäischen Zollunion und dem europäischen Binnenmarkt führt, wird zwangsläufig zum Wiederaufbau von Grenzanlagen führen. Das aber wäre in Nordirland eine Provokation für pro-irische Nationalisten und Auftrieb für Gruppen, die eine Rückkehr zum bewaffneten Kampf gegen den britischen Staat fordern.

Die offenen Fragen über die politische Zukunft Nordirlands haben schon jetzt eine Debatte über die Wiedervereinigung Irlands losgetreten. Und das zu einem Zeitpunkt, an dem pro-irische Nationalisten kurz davor sind, eine knappe Mehrheit in der nordirischen Bevölkerung zu bilden. Die Loslösung Nordirlands aus dem Vereinigten Königreich, um sich mit Irland zu vereinigen und in der EU zu bleiben, würde aber auch schottischen Nationalisten Auftrieb geben und damit den Zusammenhalt des gesamten britischen Staates endgültig erschüttern.

Dem <b>Wirtschaftswachstum</b> in UK geht seit dem Brexit-Referendum im Juni 2016 die Luft aus - just zu einer Zeit, da die kontinentaleuropäische Wirtschaft an Kraft gewinnt. Dem Wirtschaftswachstum in UK geht seit dem Brexit-Referendum im Juni 2016 die Luft aus - just zu einer Zeit, da die kontinentaleuropäische Wirtschaft an Kraft gewinnt.
Minus im Portemonnaie: Die anziehende <b>Inflation</b>  zählte zu den unmittelbaren Folgen des Brexit-Votums. Die <b>Lohnentwicklung</b>  hingegen bleibt gegenüber der Teuerungsrate zurück. Minus im Portemonnaie: Die anziehende Inflation zählte zu den unmittelbaren Folgen des Brexit-Votums. Die Lohnentwicklung hingegen bleibt gegenüber der Teuerungsrate zurück.

makro: Sie sprechen mit Blick auf den Brexit von einem Realitätsverlust in den britischen Eliten. Was genau meinen Sie damit?

Alex Clarkson: Die Teile der britischen Elite, die den Brexit vehement unterstützen, laufen immer noch dem Traum einer Rückkehr zur Zeit vor 1945 hinterher, als Großbritannien eine dominierende Weltmacht war und damit globale wirtschaftliche und politische Strukturen prägen konnte. Diese Nostalgie für eine imperiale Vergangenheit blendet aber die politischen Realitäten von 2018 aus, die von Staaten und Allianzen wie die USA, China, Indien und die EU dominiert werden, deren wirtschaftliche und militärische Kraft bei weitem das strategische Potenzial Großbritanniens in den Schatten stellen.

makro: In Großbritannien ist der Spruch von Boris Johnson "To have your cake and eat it" zu einem geflügelten Wort geworden. Was soll das bedeuten?

Alex Clarkson: Im Kern ist damit gemeint, dass Großbritannien als vermeintliche Weltmacht nichts durch den Brexit zu verlieren hat. Großbritannien kann sozusagen seinen Kuchen essen, in dem es die EU verlässt, aber zugleich den Kuchen zurücklegen, in dem es alle Vorteile der EU-Mitgliedschaft behalten kann. In Wahrheit schließt das eine das andere aus, da ein Austritt aus der EU rein rechtlich zum Verlust aller Vorteile der Mitgliedschaft führen muss. Dass dieser Spruch von so vielen britischen Wählern geglaubt wurde, zeigt, wie weit verbreitet dieser allgemeine politische Realitätsverlust in Großbritannien ist.

makro: Premierministerin May hat bei den Brexit-Verhandlungen schon einige Kröten schlucken müssen. Sie hat u.a. einer Austrittsrechnung zugestimmt, die sich auf gut 40 Milliarden Euro belaufen soll. Woher will May in der gespaltenen Bevölkerung den Rückhalt für weitere Kompromisse nehmen?

Alex Clarkson: Indem die britische Regierung sich jetzt auf eine Übergangsphase von zwei Jahren mit der EU geeinigt hat, kauft sich Theresa May weitere Zeit, um eine in EU-Fragen zutiefst gespaltene Bevölkerung auf Kompromisse einzustimmen. May versucht die Unterstützung von EU-Gegnern mit dem Versprechen zu sichern, dass Großbritannien, trotz aller Kompromisse, nach der Übergangsphase sich völlig von der EU trennen wird. Die Hälfte der Bevölkerung, die eher pro-europäisch ist, wird mit dem Versprechen ruhiggestellt, dass sich trotz Brexit der Alltag kaum ändern wird. Diese beiden Versprechungen stehen aber immer noch in Widerspruch zueinander, denn je tiefer der Bruch mit der EU, desto mehr wird der Alltag in Mitleidenschaft gezogen werden.

makro: Was genau wird denn dann am 29. März 2019 um 23 Uhr britischer Zeit geschehen?

Alex Clarkson: Großbritannien tritt formell aus der EU aus. Damit verliert die britische Regierung jede Möglichkeit, politische und wirtschaftliche Entscheidungsprozesse innerhalb der EU zu beeinflussen. Wenn aber ein Übergangsabkommen tatsächlich unterzeichnet wird, wird sich im Alltag bis 2020 kaum was ändern, da der britische Staat während der Übergangsphase dazu verpflichtet wäre, EU Recht umzusetzen, um Zugang zum europäischen Binnenmarkt erhalten zu können. Da es sehr unwahrscheinlich ist, dass ein Handelsvertrag innerhalb von zwei Jahren unter Dach und Fach gebracht werden kann, ist damit zu rechnen, dass eine Übergangsphase mehrmals verlängert werden müsste.

Sendedaten
makro
Brexit
Freitag, 6. April 2018, 21.00 Uhr
Wiederholung Sonntag 6.15 Uhr
Alles zur Brexit-Sendung
Bye-bye Britain!
Der Brexit koste das Königreich schon jetzt rund 230 Millionen Euro jede Woche, warnt der der Chef der Bank of England. Der Abschied von Europa dämpfe das Wirtschaftswachstum.
Zur Person
Dr. Alexander Clarkson
Dr. Alexander Clarkson ist Dozent für European Studies am King's College London. Sein Forschungsbereich umfasst u.a. europäische Zeitgeschichte, Migrationsgeschichte und die Grenzpolitik der EU.
Archiv
Der Brexit
Es steht viel auf dem Spiel für Großbritannien nach dem 23. Juni: Der Brexit wird die Wirtschaft des Königreichs ins Wanken bringen. Und Europa Freigeist, Common sense und Pragmatismus kosten.
(makro, 03.06.2016)
Schwerpunkt
Europa