Wenn es dunkel wird, ist noch lange nicht Schluss. Im Bankenviertel von Frankfurt brennen die Lichter auch spät abends. © ap
Interview aus der SendungInterview aus der Sendung
Wenn es dunkel wird, ist noch lange nicht Schluss. Im Bankenviertel von Frankfurt brennen die Lichter auch spät abends.
Mehr Geld oder mehr Zeit?
Das Arbeitszeitmodell von morgen
Mehr Zeit für die Familie ist vielen heute wichtiger als Geld. Ob der Pilotabschluss der Metall- und Elektrobranche in Stuttgart Strahlwirkung auf den übrigen deutschen Arbeitsmarkt hat, darüber sprach makro-Moderatorin Eva Schmidt mit Klaus Dörre.
Die sich ändernde Arbeitswelt wirft Fragen auf und die Digitalisierung schafft Möglichkeiten. Doch welcher Weg ist der beste? Klar ist: Die Zukunft wird flexibel. Dabei sind die Interessen jedoch höchst unterschiedlich, wie Prof. Klaus Dörre von der Universität Jena betont: Arbeitgeber möchten flexibel einsetzbare Arbeitskräfte, Arbeitnehmern geht es um mehr Zeitsouveränität.

makro: Die IG Metall hat sich mit ihrer Forderung nach "verkürzter Vollzeit" durchsetzen können. Das heißt, Arbeitnehmer dürfen vorübergehend die Arbeitszeit auf 28 Stunden verkürzen und erhalten dabei Lohnausgleich. Für wie sinnvoll halten Sie eine solche Regelung in Zeiten des Fachkräftemangels?

Klaus Dörre: Die tariflich vereinbarte Option zur Reduzierung auf 28 Stunden weist in die richtige Richtung. Das gilt insbesondere für die Möglichkeit, die freie Zeit für die Pflege bedürftiger Personen zu nutzen. Der teilweise Lohnausgleich ist sinnvoll, weil sonst ausschließlich gut Verdienende die Option wählen könnten. Unternehmen werden Fachkräfte künftig nur gewinnen, wenn sie attraktive Arbeitszeitmodelle bieten. Fachkräfteengpässen kann man sinnvoll durch verstärkte Investitionen in Aus- und Weiterbildung begegnen.

makro: Starre Arbeits- und Ruhezeiten wollen nicht mehr viele, Arbeitgeber wie Arbeitnehmer. Hinken die geltenden Arbeitszeitgesetze in Deutschland der Zeit hinterher?

Dörre: Durchaus! Das aber nicht, weil die Arbeitszeiten gegenwärtig zu starr wären. In vielen Unternehmen und Verwaltungen sind die Arbeitszeiten bereits enorm flexibilisiert. Bei der Arbeitszeit verfolgen Arbeitgeber und Arbeitnehmer jedoch unterschiedliche Interessen. Die Arbeitgeber möchten flexibel einsetzbare Arbeitskräfte möglichst 24 Stunden täglich an sieben Tagen der Woche. Arbeitsfreie Feiertage halten sie für antiquiert. Den Arbeitnehmern geht es hingegen um mehr Zeitsouveränität.

Flexible Arbeitszeiten nützen ihnen wenig, wenn sie beständig verfügbar sein müssen. Dann bestimmen die Flexibilitätszwänge der Erwerbsarbeit das Privatleben. Dem Bedürfnis nach mehr Zeitsouveränität, nach großen Blöcken freier Zeit in bestimmten Lebensphasen, trägt die Gesetzgebung noch ungenügend Rechnung.

makro: Wenn unsere Arbeitszeiten individueller und flexibler werden: Wer sind die Gewinner, wer sind die Verlierer?

Dörre: Das hängt davon ab, wer und was sich im "Kampf um jedes Zeitatom" durchsetzt. Nehmen wir ein Beispiel. In einer Reihe von Unternehmen haben Betriebsräte zunächst die Abschaffung der Stechuhr begrüßt. Häufig hat die Vertrauensarbeitszeit aber dazu geführt, dass die Angestellten deutlich länger arbeiten.

Der Grund: Die Unternehmen messen Leistung nur noch am Ergebnis. Wie viel Arbeitszeit aufgewendet werden muss, bleibt den Beschäftigten überlassen. Verlierer sind dann häufig die Angestellten, weil sie unter Termindruck keine Chance haben, ihren Arbeitstag zu begrenzen.

makro: Viele Personalchefs beklagen, dass mit der "Generation Facebook" Arbeitnehmer auf den Markt strömen, denen freie Zeit wichtiger ist als die Höhe des Einkommens oder die Größe des Dienstwagens. Müssen sich Unternehmen über ganz neue Vergütungsmodelle Gedanken machen?

Dörre: Ja. Es ist so, wie ein alter Trierer Philosoph vor 150 Jahren prophezeite: Auf einem bestimmten Wohlstandsniveau besteht der reale Reichtum in der verfügbaren Zeit für jedes Individuum. Viele gut ausgebildete junge Leute möchten heute mehr als einen guten Verdienst und einen interessanten Job. Sie wollen Verfügung über "disposable time", Zeit zum Leben. Dem müssen die Unternehmen Rechnung tragen.

makro: Umfragen zufolge gibt es in Deutschland viele "Unterbeschäftigte", die sich mehr Arbeit und mehr Einkommen wünschen. Ihnen gegenüber stehen "Überbeschäftigte", die gerne weniger arbeiten wollen und zu Gehaltseinbußen bereit wären. Wie können wir diese Spaltung des Arbeitsmarktes überwinden?

Dörre: Wir haben es tatsächlich mit einer starken Polarisierung der Arbeitszeiten zu tun. Hochqualifizierte arbeiten häufig 50, 60 Wochenstunden und mehr. Viele geringfügig und in Teilzeit Beschäftigte möchten hingegen deutlich länger als durchschnittlich 12 Stunden arbeiten. Gegensteuern könnte man mit einer kurzen Vollzeit für alle. Das hieße: Einführung einer 30- oder 32-Stundenwoche und eine gerechtere Verteilung von Arbeitszeit.

Das Interview führte Eva Schmidt.

Sendedaten
makro
Schöne neue Arbeitswelt?
Freitag, 9. Februar 2018, 21.00 Uhr
Wiederholung Sonntag 6.15 Uhr
Alles zur Arbeits-Sendung
Schöne neue Arbeitswelt?
Unser Arbeitsalltag wird sich durch Computer und Roboter stark verändern. Höherer Arbeitsdruck und flexiblere Arbeitszeiten sind schon heute an der Tagesordnung. Doch es entstehen auch Möglichkeiten.
Arbeit: Reden Sie mit!
© colourbox.deWelche Arbeitszeitmodelle sind wünschenswert, was ist kontraproduktiv? Was vernünftig, auch aus Firmensicht? Oder kommen eh bald die Roboter und wir gucken in die Röhre? Diskutieren Sie mit!
Zur Person
Prof. Dr. Klaus Dörre
Klaus Dörre ist Professor für Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie an der Universität Jena. Seine Forschungsgebiete erstrecken sich über Kapitalismustheorie, flexible und prekäre Beschäftigung, Soziale Desintegration und Rechtspopulismus. Klaus Dörre ist geschäftsführender Direktor des "Kolleg Postwachstumsgesellschaften" der Deutschen Forschungsgemeinschaft.
Wirtschaftsdokumentation
Kollege Roboter
Die Roboter kommen. Vernetzt sind sie, unermüdlich und schlau. Sie werden die Arbeitswelt umkrempeln. So wie einst die Feldarbeit der Industrie weichen musste und diese später der Dienstleistungsgesellschaft. Das muss nicht schlecht sein.
(makro, 15.12.2017)
Schwerpunkt
Gesellschaft