Kernelement der Postwachstumsökonomie: Eine Entkopplung des Wirtschaftswachstums von Umweltverbrauch und Lebensqualität. © colourbox.de
Interview aus der SendungInterview aus der Sendung
Kernelement der Postwachstumsökonomie: Eine Entkopplung des Wirtschaftswachstums von Umweltverbrauch und Lebensqualität.
Ist Wachstum böse?
Die Wirtschaft und der Klimawandel
Bei anhaltendem Wachstum sei das Weltklima nicht zu retten, sagt der Postwachstumsforscher André Reichel gegenüber dem Wirtschaftsmagazin makro - und fordert "mehr Phantasie jenseits der monetären Logik".
Die Welt versucht, Klimawandel und Umweltzerstörung mit technischem Fortschritt und Effizienzgewinnen zu begegnen - ein Ansatz, bei dem die Weltwirtschaft ihrer inneren Logik folgend weiter wächst. André Reichel hät diesen Weg für eine Sackgasse. Er sagt: "Die Produktivität wird uns bis auf Weiteres nicht retten." Er plädiert für eine Abkehr vom Wachstumsfetisch. Und, ja, auch für Verzicht.

makro: Welche Art von Wachstum halten Sie für sinnvoll?

André Reichel: Wachstum an selbstbestimmtem Leben. Also nichts, was unbedingt mit dem Bruttoinlandsprodukt etwas zu tun hat. Sinnvoll ist es, unser Wirtschaftswachstum sowohl vom Umweltverbrauch als auch von der Lebensqualität zu entkoppeln: weniger Umweltverbrauch für jeden verdienten Euro, mehr Lebensqualität für jeden verdienten Euro.

makro: Wachstum entsteht unter anderem durch Effizienzgewinne, etwa wenn man sparsamere Motoren oder wirkungsvollere Fertigungstechniken entwickelt: Sollen wir darauf in Zukunft verzichten?

Reichel: Nein. Aber als alleinige Strategie, um mit dem Klimawandel und anderen ökologischen Krisen umzugehen, funktioniert das nicht. Jeder Effizienzgewinn bedeutet ein mehr an Einkommen, das dann wieder für Mehrkonsum, also mehr Umweltverbrauch, ausgegeben werden kann. Es braucht die doppelte Entkopplung, wie ich sie oben beschrieben habe: zur Effizienzrevolution muss zwingend eine Suffizienzrevolution hinzukommen, sonst haben die hehren Ziele von Paris keine Chance.

Die <b>Energieeffizienz</b> ist weltweit gestiegen. D.h. die Volkswirtschaften kommen bei der Wertschöpfung relativ gesehen mit weniger Energie aus. Absolut gesehen wird jedoch weltweit mehr Energie verbraucht als je zuvor. Hinweis zur Grafik: Hier wird die verbrauchte Energiemenge, die für einen Dollar Wertschöpfung benötigt wird, umgerechnet in den Energiegehalt von einem Kilo Öl. Man spricht daher von Öl-Äquivalenten. Die Energieeffizienz ist weltweit gestiegen. D.h. die Volkswirtschaften kommen bei der Wertschöpfung relativ gesehen mit weniger Energie aus. Absolut gesehen wird jedoch weltweit mehr Energie verbraucht als je zuvor.
Alle Einsparungen und Effizienzgewinne können den Einfluss von Bevölkerungswachstum und  steigendem Energiebedarf in den Schwellenländern nicht kompensieren. Der <b>CO2-Ausstoß</b> nimmt weiter zu (wenn auch zuletzt verlangsamt). Alle Einsparungen und Effizienzgewinne können den Einfluss von Bevölkerungswachstum und steigendem Energiebedarf in den Schwellenländern nicht kompensieren. Der CO2-Ausstoß nimmt weiter zu (wenn auch zuletzt verlangsamt).

makro: Das Wirtschaftswachstum hat in Deutschland bisher dafür gesorgt, dass Verteilungskonflikte nur moderat ausgetragen wurden: Muss weniger Wachstum nicht zu schärferen Verteilungskonflikten führen?

Reichel: Wer hatte denn in den letzten 20 Jahren Einkommenszuwächse? Wachstum alleine hat noch nie für eine gerechte Verteilung gesorgt, das hat immer die Politik getan: mit einer entsprechenden Steuer- und Sozialgesetzgebung. Die Frage nach einer etwaigen Verschärfung von Verteilungskonflikten hängt deswegen auch nicht am Wachstum, sondern an der entsprechenden Politik.

Nehmen Sie als Beispiel die USA und Schweden: beides Länder mit positiven Wachstumsraten, aber fundamental anderer Verteilungspolitik. Anstatt sich hinter vermeintlichen ökonomischen Urgewalten wie dem Wachstum zu verstecken, ist es wieder an der Zeit, Politik als Raum des Möglichen zu gestalten - egal unter welchen Bedingungen.

makro: Künftig werden immer weniger Menschen im arbeitsfähigen Alter immer mehr Rentner versorgen müssen: Kann das gutgehen ohne Produktivitätszuwächse?

Reichel: Welche Produktivitätszuwächse? Wir haben in allen OECD-Staaten ein Problem mit der Produktivität, seit vielen Jahren. In den USA forscht Robert Gordon dazu und hat ein wunderbares Buch über das Ende des amerikanischen Wachstums geschrieben. Die Produktivität wird uns also bis auf Weiteres nicht retten.

Richtig ist, dass der demografische Wandel ein Wachstumshemmnis ist, übrigens auch auf globaler Ebene. Zuwanderung kann dies etwas abmindern helfen, aber der weitere Rückgang der Wachstumsraten scheint mir nicht mehr aufzuhalten zu sein. Die Postwachstumswelt manifestiert sich schrittweise.

makro: Was müsste die Politik unternehmen, damit die Gesellschaft mit weniger Wachstum funktioniert?

Reichel: Ganz klassisch zum Beispiel durch Arbeitsverkürzungen, einer negativen Einkommenssteuer zur Umverteilung hin zu einkommensschwachen Haushalten und einer kostenneutralen ökologischen Steuerreform, die Arbeit und soziale Dienstleistungen günstiger, Umweltverbrauch dagegen teurer macht. Es braucht aber auch mehr Phantasie jenseits der monetären Logik: Gelingt es uns, soziale Sicherungssysteme von Geld auf Leistungen umzustellen? Tauschringe operieren seit vielen Jahrzehnten mit dieser Idee.

Können wir also zum Beispiel staatliche oder gemeinschaftliche Internetplattformen nutzen, um soziale Dienstleistungen zu tauschen - Erziehung, Pflege, Hilfen im Haushalt, im Garten, bei der Reparatur von Produkten - und uns ein "Leistungskonto" ansparen, welches wir dann als Alternative zu marktlichen oder staatlichen Leistungen verwenden können?

Das Interview führte Günther Neufeldt.

Sendedaten
makro
Wirtschaftswachstum versus Klima
Freitag, 17. November 2017,
21.00 Uhr
Alles zur Klima-Sendung
Wirtschaftswachstum versus Klima
Die Fixierung auf permanentes Wachstum sei schuld, dass wir auf eine Klimakatastrophe zusteuern. Das sagen die Vertreter der "Postwachstumsökonomie". Und sie suchen nach Alternativen.
Klimawandel: Reden Sie mit!
© dpaProf. André Reichel plädiert für eine Abkehr vom Wachstumsfetisch. Auch für Verzicht. Aber Hand aufs Herz: Wie realistisch ist das? Diskutieren Sie mit!
Zur Person
© KarlshochschuleProf. Dr. André Reichel
André Reichel ist Professor für Critical Management und Sustainable Development an der Karlshochschule in Karlsruhe. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich einer Nachhaltigen Entwicklung in Wirtschaft und Gesellschaft, der betriebswirtschaftlichen Implikationen einer Postwachstumsökonomie, der Verschmelzung von Nachhaltigkeit und Digitalisierung sowie einer systemtheoretischen Betrachtung gesellschaftlicher Transformationsprozesse.
Archiv
Post-Wachstums-Welt
Ohne Wachstum ist in der Ökonomie alles nichts. Das Bruttoinlandsprodukt ist das Maß der Dinge. Es reflektiert das Streben des Menschen nach mehr. Und es hat eine wachsende Zahl von Gegnern.
(makro, 24.06.2016)
Klimagipfel in Bonn
Regeln für das Klima
Vertreter aus 197 Ländern wollen in Bonn ein Regelbuch für den Klimaschutz erarbeiten. nano begleitet den Klimagipfel - live aus den Rheinauen.