40 Meter verliert der Aletschgletscher pro Jahr und bis zu zehn Meter an Dicke. © Andrew Bossi
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40 Meter verliert der Aletschgletscher pro Jahr und bis zu zehn Meter an Dicke.
Der Berg rutscht
Klimawandel in den Alpen
Die Erwärmung der Alpen ist etwa doppelt so stark wie im globalen Durchschnitt. Berghänge geraten ins Rutschen - und zum Ende des Jahrhunderts werden die Alpen wohl nahezu gletscherfrei sein.
Von Sven Class

Wenn's ums Klimaretten geht, dann setzen viele auf das 2-Grad-Ziel: Um maximal zwei Grad darf demnach die weltweite Durchschnittstemperatur im Vergleich zur vorindustriellen Zeit ansteigen, damit die Folgen des Klimawandels noch als beherrschbar gelten. In den Alpen ist dieser Wert schon heute erreicht - mit teilweise dramatischen Folgen, zum Beispiel in der Schweiz.

Oben, am Berg über dem Aletschgletscher, sieht man sofort, dass irgendwas nicht stimmt. Einen großen Teil der Bergflanke haben sie abgeriegelt, zum Sperrgebiet erklärt. Denn Erde und Gestein sind hier in Bewegung, drücken in Richtung Tal. Letztes Jahr im Herbst ging das ganz plötzlich los. Zuerst waren es nur ganz kleine Risse, die am Boden sichtbar wurden: "Die gingen mit einem Moment auf", erzählt Peter Schwitter, Naturgefahrenbeobachter des Kantons Wallis, der sich hier oben auskennt wie wenige sonst. Später hat sich die Bergflanke dann an manchen Tagen mit bis zu 90 Zentimetern in Richtung Tal bewegt, rutscht auch jetzt immer noch nach unten.

"Plötzlich keinen Halt mehr"
Unter dieser Bergflanke liegt der Aletschgletscher, füllt mit seinem Eis ein Tal aus. Er ist der dickste und längste Gletscher in den Alpen, und er ist verantwortlich für das, was hier oben passiert. Denn der Aletschgletscher zieht sich durch die Klimaerwärmung zurück. 40 Meter verliert die Gletscherzunge derzeit pro Jahr, bis zu zehn Meter an Dicke schmelzen dahin.

"Das Eis übt einen enormen Druck auf den Berg aus", erklärt Peter Schwitter, "und dieser Druck geht natürlich verloren, wenn der Gletscher sich zurückzieht. Das heißt, dass dann die Hänge plötzlich keinen Halt mehr haben - und wenn sie geologisch nicht stabil sind, so wie hier, können sie anfangen zu rutschen."

Wie die Seiten eines Buches, das auf dem Buchrücken steht, stürzen Gesteinsschichten Lage für Lage nach unten ins Tal, dorthin wo einst Gletschereis war. "Dort sieht es aus, wie in einem Kriegsgelände", sagt Peter Schwitter. "Es ist mit Steinschlag zu rechnen, die Wege sind gerissen. Es gibt Absätze von bis zu zehn Metern Höhe, es ist fast kein Durchkommen mehr." Unvorstellbare 160 Millionen Kubikmeter Gestein sind hier insgesamt in Bewegung. Besonders betroffen: Etwa sechs bis sieben Millionen Kubikmeter davon.

Klimawandel führt zu tauendem Permafrost
Zum Vergleich: Als Ende August das Dorf Bondo im Südosten der Schweiz von einem Strom aus Gestein, Schlamm und Wasser überschwemmt wurde, waren es "nur" drei Millionen Kubikmeter Gestein, die zuvor vom Gipfel des Piz Cengalo abgebrochen waren. Acht Wanderer haben das Unglück wohl nicht überlebt, sie gelten seither als vermisst. Die genaue Ursache des Unglücks steht auch heute noch nicht fest. Es war offenbar eine Reihe von Gründen, die zum Bergsturz führten. Einer davon ist wohl der tauende Permafrost-Boden, der seit ewig langer Zeit gefroren war und durch die Erwärmung nun auftaut.

Neue Gefahren durch Klimawandel
Die Klimaerwärmung: Die Alpen trifft sie ungefähr doppelt so stark wie das weltweite Mittel: Zwei Grad sind es hier bis heute schon, "nochmal zwei bis fünf Grad könnten bis zum Ende des Jahrhunderts hinzukommen", sagt Martin Grosjean, Klimaforscher an der Uni Bern.

"Es drohen in hochalpinen Gebieten Massenbewegungen, Felsstürze und Bergstürze, die viel größer sind als das, was wir dort bisher beobachtet haben", sagt Hugo Raetzo vom Schweizer Bundesamt für Umwelt. "Vielleicht werden sie in Zukunft auch häufiger auftreten - auf jeden Fall kommen dort neue Herausforderungen auf uns zu." Herausforderungen, auf die sie hier und in den betroffenen Gebieten reagieren müssen.

Für nahezu die komplette Schweiz haben sie mittlerweile Gefahrenkarten erstellt, überwachen außerdem die Bewegungen instabiler Bergflanken mit Sensoren. Und sie investieren in Sicherheitsbauten: Schutzzäune zum Beispiel oder Auffangbecken. Doch nicht überall können die Gefahren, die von den Bergen drohen, dadurch gebändigt werden: "Wenn man zum Schluss kommt, dass das alles nicht mehr wirtschaftlich darstellbar ist, dann müssen wir auch Menschen umsiedeln", so Hugo Raetzo.

Folgen des Klimawandels: Trockenheit und Schneemangel
In den Schweizer Alpen droht, neben den Gefahren im Berggebiet, in Zukunft im Sommer auch Trockenheit - mit Auswirkungen auf die Wasserversorgung kleiner Gemeinden, auf die Landwirtschaft, gar auf die Stromerzeugung durch Wasserkraft. Und im Winter wird der Schnee immer weniger werden: 30% weniger wird es bis zum Ende des Jahrhunderts sein, selbst dann wenn man weltweit das 2-Grad-Ziel noch einhalten würde.

Ohne weitere Klimaschutzmaßnahmen wären es gar 70% weniger Schnee, rechnen Forscher am Institut für Schnee- und Lawinenforschung vor. So oder so drohen gravierende Auswirkungen auf den Wintertourismus.

Und eben auch auf die Gletscher in den Alpen - wie zum Beispiel den Aletschgletscher. Ihm droht dasselbe Schicksal wie allen seinen Artgenossen: Sie werden in den kommenden Jahrzehnten ziemlich sicher verschwinden: Bis zum Ende des Jahrhunderts, sagen Wissenschaftler, werden die Alpen nahezu gletscherfrei sein.

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Mehr zum größten und längsten Gletscher der Alpen gibt's auf Wikipedia.
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