Soja ist gesund, Turbofutter in der Tierhaltung und zerstört - wie hier in Brasilien - den Regenwald. © ap
Interview aus der SendungInterview aus der Sendung
Soja ist gesund, Turbofutter in der Tierhaltung und zerstört - wie hier in Brasilien - den Regenwald.
"Massive Auswirkungen"
Das Märchen von der guten Sojabohne
Keine andere Nutzpflanze auf der Welt hat solche Wachstumsraten wie die Sojabohne. Welche Folgen der Soja-Boom für Mensch und Umwelt hat, darüber sprach makro-Moderatorin Eva Schmidt mit Birgit Wilhelm vom WWF.
"Nur etwa 10 bis 20 Prozent des weltweit erzeugten Sojas werden direkt für die menschliche Ernährung angebaut", sagt die Agrarwissenschaftlerin Birgit Wilhelm. "Der größte Teil ist Futtermittel." Das meiste in Deutschland verwendete Soja wird aus Brasilien importiert und zerstört dort wertvolle Lebensräume für Tausende Tier- und Pflanzenarten. Dabei gäbe es als eiweißreiche Futterpflanzen gleichwertige heimische Alternativen.

makro: Im Schnitt isst jeder EU-Bürger gut 60 Kilogramm Soja im Jahr. Das ist etwa so viel wie Obst, Kartoffeln oder Brot. Wie kann das sein?

Birgit Wilhelm: Bei Soja denkt man erst Mal an Sojamilch und Tofu. Aber den größten Anteil Soja im Jahr essen wir in Form von Fleisch, Wurst, Eiern und auch Milchprodukten. In Deutschland wird der größte Anteil des Sojas an Schweine verfüttert, gefolgt von Geflügel und Rindern. Für ein Kilo Schweinefleisch frisst ein Schwein etwa 615 Gramm Sojaschrot. Im Durchschnitt isst jeder Deutsche ca. 51 Kilo Schweinefleisch in einem Jahr.

Dies bedeutet: Etwas mehr als 50 Prozent des Sojas erklären sich aus unserer Lust am Schweinefleisch. Aber auch Hühner und Rinder werden mit Soja gefüttert. Nur etwa 10 bis 20 Prozent des weltweit erzeugten Sojas werden direkt für die menschliche Ernährung angebaut. Der größte Teil ist Futtermittel und ein noch kleiner, aber steigender Anteil wird für Bioenergie verwendet.

Bohne mit Substanz: Der Siegeszug von Soja ist kein Zufall, sondern Folge seiner begehrten <b>Bestandteile</b> - es ist einfach alles drin. Bohne mit Substanz: Der Siegeszug von Soja ist kein Zufall, sondern Folge seiner begehrten Bestandteile - es ist einfach alles drin.
Die drei großen <b>Soja-Anbauländer</b> beherrschen den Weltmarkt mit einem Anteil von 82%. Viel geht in den Export - als Bohne, Schrot oder Öl. Die drei großen Soja-Anbauländer beherrschen den Weltmarkt mit einem Anteil von 82%. Viel geht in den Export - als Bohne, Schrot oder Öl.
Größter <b>Sojabohnen-Konsument</b> ist China. Die Weiterverarbeitung zu Sojaschrot und -öl treibt den Verbrauch in den drei großen Anbauländern. Größter Sojabohnen-Konsument ist China. Die Weiterverarbeitung zu Sojaschrot und -öl treibt den Verbrauch in den drei großen Anbauländern.

makro: Der WWF kritisiert die Verwendung von Soja in der Tiermast. Was gefällt Ihnen daran nicht?

Wilhelm: Generell ist gegen die Verwendung von Sojaschrot als Futtermittel nichts einzuwenden. Den Tieren schmeckt Soja und es enthält viele wichtige und notwendige Nährstoffe und Vitamine. Die dunkle Kehrseite der Medaille: Der Anbau von Soja bringt massive negative ökologische und auch soziale Auswirkungen in den Anbauländern mit sich. Eines der Hauptziele des WWF ist es, weltweit die Artenvielfalt von Tieren und Pflanzen zu schützen und zu fördern.

Die Ausweitung des Sojaanbaus ist einer der Hauptgründe, dass tagtäglich wertvolle Lebensräume für Tausende von Tier- und Pflanzenarten zerstört werden. Allein nach Deutschland werden jährlich über vier Millionen Tonnen Soja importiert. Der Großteil davon stammt aus Südamerika, hauptsächlich aus Brasilien. Hier sind zum Beispiel in den letzten zehn Jahren die Hälfte der artenreichen, weltweit einmaligen Cerrado-Savannen in Sojafelder umgewandelt worden.

makro: Der Deutsche Verband Tiernahrung bestreitet, dass für europäisches Futtermittel die Umwelt in Südamerika zerstört werde. Die Probleme vor Ort seien vor allem den "Bedingungen von Schwellenländern geschuldet", Kritik "vom europäischen Sofa sei bequem und plakativ, gehe aber an den tatsächlichen Problemen vorbei."

Wilhelm: Die Art und Weise, wie wir in Deutschland 12 Mio. Rinder, 27 Mio. Schweine und ca. 177 Mio. Hühner halten, wäre in der Form und Größe nicht möglich, wenn wir nicht jährlich Soja importieren würden, für dessen Anbau eine Fläche von der Größe Hessens notwendig ist.

Aus unserer Sicht liegt es somit auch in unserer Verantwortung, dafür zu sorgen, dass durch den Anbau von Soja in den Herkunftsländern keine negativen ökologischen und sozialen Folgen für Mensch und Umwelt entstehen. Angebot und Nachfrage befeuern sich hier gegenseitig. Diesen Kreislauf müssen wir durchbrechen. Wer in Europa also auf dem Sofa sitzt und jeden Tag ein Schweinenackensteak essen will, der muss sich seiner Verantwortung bewusst sein.

makro: Welche Folgen hat denn der Soja-Import für die Umwelt in Deutschland?

Wilhelm: In Deutschland werden mehr Tiere gehalten, als für uns und unsere Umwelt gut ist. Das kommt daher, dass die Tierhaltung in Deutschland nicht an die zur Verfügung stehende Futterfläche gebunden ist. Diese hohen Tierzahlen pro Hektar produzieren in einigen Gebieten viel mehr Gülle und Mist, als die Fläche vertragen kann bzw. der Boden Nährstoffe aufnehmen kann. So erklären sich unter anderem die zu hohen Nitratwerte in sehr vielen Grundwasserspeichern.

Dies hat dazu geführt, dass die Europäische Union ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland eingeleitet hat, weil wir seit Jahren die Grenzwerte für Nitrat überschreiten, die in der Wasserrahmenrichtlinie EU-weit festgelegt wurden. Aus unserer Sicht muss die Tierhaltung wieder mehr an die im Betrieb zur Verfügung stehende Futterfläche gebunden werden. Dies würde die Anzahl der Tiere in einigen Fällen reduzieren und sicherlich auch den Import von Soja.

makro: Welche Alternativen gibt es zu Soja im Tierfutter?

Wilhelm: Wir haben 2013 für die Fütterung von Milchkühen, Schweinen und Geflügel Studien in Auftrag gegeben, die untersucht haben, in wieweit in den jeweiligen Futterrationen Soja durch andere Eiweißfuttermittel ersetzt werden kann. Laut dieser Berechnungen könnten ohne jegliche Auswirkung auf Tiergesundheit und Wachstum 65 Prozent der Sojamenge durch heimische Eiweißfuttermittel wie etwa Rapsschrot oder Erbsen, Lupinen, Ackerbohnen, aber auch Klee und Lupinen ersetzt werden.

Das Interview führte Eva Schmidt.

Sendedaten
makro
Sucht nach Soja
Freitag, 13. Oktober 2017, 21.00 Uhr
Wiederholung Sonntag 6.15 Uhr
Alles zur Soja-Sendung
Sucht nach Soja
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Zur Person
© WWF DeutschlandDr. Birgit Wilhelm
Birgit Wilhelm ist promovierte Agrarwissenschaftlerin und Referentin für nachhaltige Landwirtschaft bei WWF-Deutschland. Seit 2015 koordiniert Sie ein Dialogforum, in dem Lebensmittelwirtschaft, Handel, Umweltorganisationen, Politik und Landwirtschaft u.a. über Alternativen zu Soja diskutieren.
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(makro, 09.09.2016)
Schwerpunkt
Agrar & Ernährung
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