Große Solarkraftwerke werden immer kostengünstiger. © USFWS - Sarah Swenty, cc-by-sa-2
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Große Solarkraftwerke werden immer kostengünstiger.
Der Modi-Plan
Saubere Energie für Indien
Trump steigt aus, Indien steigt ein. Das Klimaabkommen von Paris hat die Regierung in Delhi nicht nur unterzeichnet, sondern im eigenen Land mit einem Plan untermauert, der es in sich hat.
Indien ist nach China und den USA die größte Dreckschleuder der Welt. Umso wichtiger, dass man sich aus Überzeugung zum Klimaschutzabkommen von Paris bekannt hat. Bei den Klimagipfeln der vorangegangenen Jahre hatte die Regierung in Delhi, genau wie Chinesen und Amerikaner, noch auf der Bremse gestanden. Dies hat sich gründlich geändert. Dazu beigetragen haben wird die zweifelhafte Ehre, dass knapp die Hälfte der 30 schmutzigsten Städte heute in Indien liegen. Der besonders dichte Smog in Indiens Hauptstadt hat offenbar den Blick geschärft.

Ganz unabhängig von der Pariser Vereinbarung hat die Regierung von Ministerpräsident Narendra Modi einen sehr ehrgeizigen Plan formuliert, den Anteil sauberer Stromerzeugung auszubauen. Bisher stellt Kohlestrom den Löwenanteil (siehe Grafik). Vor dem Hintergrund eines rasant wachsenden Energiehungers betrachtet die Regierung ein Umsteuern als unumgänglich.

Ambitionierter Ausbau
Bis 2022 soll die Stromerzeugungskapazität bei erneuerbaren Energien um 175 Gigawatt (GW) ausgebaut werden. Das Ziel sind u.a. 100 GW Solarkraftwerke (aktuell 12 GW) und 60 GW Wind (aktuell 32 GW). Dies vergleicht sich mit der gesamten indischen Kraftwerkskapazität von 329 GW (April 2017). Allerdings ist zu berücksichtigen, dass Solar- und Windkraftwerke pro installierter Kapazität weniger Strom erzeugen als grundlastfähige Kohlekraftwerke. (Im März 2017 stehen Erneuerbare zwar für 17% der Kraftwerkskapazität, aber nur für 5,5% des erzeugten Stroms.) Gleichwohl ist der Modi-Plan äußerst ambitioniert.

Nun herrschte in Indien noch nie ein Mangel an Plänen. Die Frage ist: Wie realistisch ist die Umsetzung? Hier ist sich die Jury noch nicht einig.

Energieversorger chronisch defizitär
Ein Hauptproblem ist die verlotterte Energieinfrastruktur. Die großen Versorger und Netzbetreiber sind zudem in staatlicher Hand und chronisch defizitär. Ravi Vora, ehemaliger Vorstand eines indischen Energieversorgers, schätzt, dass nur etwa 75% der Kunden den regulären Strompreis zahlen. Viel wird illegal abgezapft oder als soziale Unterstützung der ärmeren Bevölkerung unterhalb der Erzeugungskosten abgegeben. Im Agrarsektor muss der Strom mitunter gar nicht bezahlt werden. Nahrungsmittelsicherheit hat Priorität.

Die Versorger fahren nach Angaben von Greentechmedia 9 Mrd. Dollar Miese pro Jahr ein, ihre Schulden addieren sich auf weit über 60 Mrd. Dollar. Wenn das Geschäft kein Geld abwirft und aufgrund der bilanziellen Schieflage Kapitalgeber kein Geld rausrücken, sind von dieser Adresse Investitionen in erneuerbare Energien schlecht vorstellbar.

Neben der Frage des Netzanschlusses und der lähmenden indischen Bürokratie liegt eine weitere Schwierigkeit in der fehlenden Rechtssicherheit für Investoren. Dr. P. Jayakumar, Gründer von Arbutus Consulting, die an der Entwicklung großer Solarkraftwerke in Indien beteiligt sind, sagt, wem das projektierte Land gehört, sei oft unklar, was die Projektentwicklung schwierig mache.

<b>Strommix:</b><br />Kohle befeuert den Löwenanteil indischer Kraftwerke. Dies wird auch noch viele Jahre lang so bleiben. Dennoch versucht Indiens Regierung, die Kehrtwende einzuleiten. Strommix: Kohle befeuert den Löwenanteil indischer Kraftwerke. Dies wird auch noch viele Jahre lang so bleiben. Dennoch versucht Indiens Regierung, die Kehrtwende einzuleiten.
<b>Ausbaupläne:</b><br />Bis 2027 sollen die Kraftwerkskapazitäten (in GW) bei erneuerbaren Energien massiv ausgebaut werden. Da sie nicht grundlastfähig sind, wird der meiste Strom (in TWh) jedoch weiter in Kohlekraftwerken erzeugt werden. Ausbaupläne: Bis 2027 sollen die Kraftwerks-
kapazitäten (in GW) bei Erneuerbaren massiv ausgebaut werden. Der meiste Strom (in TWh) wird jedoch weiter in Kohlekraftwerken erzeugt werden.

Solarstrom billiger als Kohle
Trotz aller Hindernisse gibt es aber auch einen mächtigen Trend, der Modis Plan zum Erfolg verhelfen könnte: fallende Preise für Solarstrom. Der Trend ist nicht neu, aber langsam zeigt er Wirkung, besonders an einem ausgezeichneten Solarstandort wie Indien.

Bei einer Auktion im Februar ging der Zuschlag an den Entwickler eines Solarkraftwerks, der Strom für 3,3 Rupien (4,6 Euro-Cent) pro KWh anbieten wird. Im Mai bekam ein 200-MW-Solarkraftwerk für 2,44 Rupien (3,4 Cent) den Zuschlag, weitere 300 MW gingen für 2,45 Rupien "über den Tresen". Zum Vergleich: Der durchschnittliche indische Strompreis lag im April bei 2,77 Rupien. Das Auktionsverfahren ist - wie in vielen anderen Ländern auch - ein Preisbrecher.

Ausländisches Kapital
Zwar darf man davon ausgehen, dass die Kalkulationen für diese Projekte auf Kante genäht sind, dennoch sind hier zwei Punkte relevant: Der 300-MW-Zuschlag ging an ein Japanisch-indisch-taiwanesisches Konsortium (Softbank, Bharti, Foxconn), wird also auch mit ausländischem Kapital gestemmt. Insgesamt hat Japans IT-Konzern Softbank in der zweiten Maiwoche Projekte für 400 MW eingesammelt. Die Revolution der indischen Energielandschaft hängt also nicht allein von klammen indischen Versorgern ab.

Der andere Punkt ist die Auswirkung auf die Ausbaupläne für Kohlekraftwerke. Unter den Entwicklern dieser Kraftwerke macht sich eine gewisse Skepsis breit. Allein im vergangenen Monat sind 14 GW geplanter Kapazität gestrichen worden. In Modis Heimatstaat Gujarat ist laut Business Standard ein sogenanntes "Ultra-Mega-Kraftwerk" gekippt worden.

Es wird neu gerechnet
"Kraftwerksentwickler, Versorger und Investoren beobachten allesamt die rapiden Veränderungen der indischen Energielandschaft und hinterfragen Annahmen, die vor zwei bis drei Jahren noch völlig vernünftig waren, heute aber überholt sind und falsch", sagt Tim Buckley vom Institute for Energy Economics and Financial Analysis.

Eine Einschätzung, die der indische Energieminister Piyush Goyal teilt: "Ich denke, ein neues Kohlekraftwerk produziert teureren Strom als ein Solarkraftwerk." Einer seiner Untergebenen, Ravindra Kumar Verma, Chef der Central Electricity Authority, lässt sich mit der Aussage zitieren, das Land werde über bestehende und im Bau befindliche Kohlekraftwerke hinaus keine neue Kapazität benötigen.

Skepsis bleibt angebracht, immerhin geht es hier um Indien. Dennoch könnte es passieren, dass der ehrgeizige Klimaplan tatsächlich funktioniert.

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