Schlange vor einer Filiale der ICICI Bank, Indiens größter Privatbank. © ap
Schlange vor einer Filiale der ICICI Bank, Indiens größter Privatbank.
Schlange vor einer Filiale der ICICI Bank, Indiens größter Privatbank.
Angriff über Nacht
Indien schafft große Banknoten ab
Es war der 8. November 2016, als Indiens Regierung ihren Bürgern das Geld nahm. Vordergründig ging es um den Kampf gegen Kriminalität. Tatsächlich folgt der Überfall einem ökonomischen Plan.
Ein ganz normaler Tag auf einem indischen Markt. Reges Treiben rund um die Stände. Die Marktbetreiber scheinen gestresst. Doch es ist nicht der alltägliche Stress auf dem Markt, der sie umtreibt. Was die Marktbetreiber vor eine große Herausforderung stellt, ist die Bargeldreform der Regierung, die die 500- und 1000-Rupien-Scheine abgeschafft hat. Das Geschäft leidet in einem Land, dessen Transaktionen hauptsächlich mit Bargeld funktionierten.

Ziel: Korruption beseitigen
Die abgeschafften Scheine waren die gängigsten Banknoten in Indien. Sie machten knapp 87% des Bargeldbestandes aus. Jedoch bildet die Bargeldwirtschaft auch den Nährboden für Korruption und illegale Geschäfte. Hier, so die Regierung, will die Reform ansetzen. In Indien ist schätzungsweise Schwarzgeld im Wert von 1,6 Billionen Euro im Umlauf. "Das ist nicht das Ende, das ist der Anfang. Damit werde ich die Korruption in unserem Land auslöschen", sagt Premierminister Narendra Modi. Wer große Mengen an Schwarzgeld besitzt, musste es nun bei den Banken registrieren lassen und darauf Steuern zahlen.

Die indische Regierungspartei BJP propagiert die Bargeld-Reform als ein erfolgreich durchgeführtes Projekt. Die Leute seien glücklich, sonst wären sie ja auf die Straße gegangen, so die Behauptung. Die Opposition sieht das naturgemäß anders und kritisiert die Reform wegen schlechter Organisation.

Tumulte vor den Banken
Vor den Bankautomaten tummelten sich die Leute, Nerven lagen blank. Das Problem: Banken verfügten selten über Bargeldbestände in ausreichender Höhe. Zum Teil standen die Leute den ganzen Tag an, um ihr Geld zu wechseln. Nicht mussten Polizisten die Menge mit Schlagstöcken auseinandertreiben.

Umgerechnet durfte jeder Inder ca. 137 Euro pro Tag umtauschen, um Engpässe bei den Banken zu vermeiden. Viele Inder versuchten daher, ihr Bargeld in Wertgegenstände zu investieren oder ins Ausland zu transferieren. Inwieweit die Reform also produktiv ist oder die 45-prozentige Strafsteuer auf Großvermögen eine Enteignung darstellt, bleiben offene Fragen.

Vermeidung und Umgehung
In der Praxis wurden oft ärmere Inder von Reichen beauftragt, ihr Schwarzgeld in kleinen Portionen zur Bank zu bringen, um Strafen zu vermeiden. Zudem gibt es Berichte, denen zufolge Firmen ihre Angestellten für mehrere Monate im Voraus bezahlen, um Bargeldbestände loszuwerden.

Viele der wohlhabenden Inder, denen die Reform ursprünglich galt, scheinen sich entzogen zu haben. Im Gegenzug wird berichtet, dass die arme ländliche Bevölkerung, die über keinen Bankzugang verfügt und bar bezahlt, unter der Reform leidet.

Der Plan hinter dem Plan
Letzteres hat Indiens Regierung bewusst inkauf genommen, da sie das erklärte Ziel verfolgt, Menschen zur Eröffnung eines Kontos zu bewegen. In einem modernen Land, das Indien werden möchte, so die Vision der Regierung, haben die Leute eine Bankverbindung. Das Stichwort hier ist finanzielle Inklusion und wurde bereits unter Modis Vorgängerregierung vorangetrieben.

Zudem, auch das ein Hintergedanke der Politik, ist ein Bankkonto Voraussetzung für die Gehaltszahlung per Überweisung. Und nur so kann die gängige Praxis der Einkommenssteuerhinterziehung bekämpft werden. In Indien zahlen nämlich nur ca. 3% der Bevölkerung eine direkte Einkommenssteuer.

Und noch ein Motiv hat die Regierung Modi zu der Nacht-und-Nebel-Aktion bewogen: Indiens Banken stöhnen unter einer steigenden Zahl fauler Kredite - Spätfolge laxer Kreditvergabe vor einigen Jahren. Bei Indiens Privatbanken belaufen sich notleidende Kredite auf rund 7% der Vermögenswerte, bei staatlichen Banken sogar auf das Doppelte. Die auf Kundenkonten eingezahlten Bargeldbestände und das Geld der Neukunden sind hier eine willkommene Finanzspritze und helfen den Banken bei der Genesung. Und nur eine gesunde Bankenlandschaft kann die Wirtschaft in Schwung bringen.

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Freitag, 2. Juni 2017, 21.00 Uhr
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