Qualitätsprodukt für den Weltmarkt: Fertigung eines Schiffspropellers. © dpa
Interview aus der SendungInterview aus der Sendung
Qualitätsprodukt für den Weltmarkt: Fertigung eines Schiffspropellers.
Exportüberschuss
"Deutschland schadet sich selbst"
Deutschland wird für seine Exportstärke beneidet und kritisiert. Dabei seien die hohen Exporte an sich kein Problem, sagt der Ökonom Jens Südekum im Vorabinterview mit dem Wirtschaftsmagazin makro. Der Exportüberschuss allerdings schon.
Deutschland ist ein großer Profiteur der Globalisierung und des internationalen Handels. Mit den Einnahmen aus dem starken Export jedoch, fordert Prof. Südekum, sollte mehr im eigenen Land investiert werden, zum Beispiel in Infrastruktur. Das sichert das "Wachstumspotential von morgen" und nimmt die Unwucht aus dem System.

makro: Deutschland löst protektionistische Reflexe aus, weil es Jahr für Jahr mehr exportiert als einführt. Kann das ewig so weitergehen?

Jens Südekum: Nein, das sollte nicht ewig so weitergehen. Denn es gefährdet nicht nur den Euro und provoziert Trump. Deutschland schadet sich durch die permanenten Überschüsse auch selbst. Aber man muss zunächst eines klar betonen: Die hohen deutschen Exporte sind an sich kein Problem. Unsere Unternehmen sind enorm erfolgreich und produzieren Güter von höchster Qualität. Niemand kann ein Interesse daran haben, dass sich daran etwas ändert.

Das Problem liegt allein auf der Importseite. Wir konsumieren schlicht zu wenig. Dafür spart Deutschland unglaublich viel. Das gilt natürlich nicht für jeden. Viele Menschen mit geringen Einkommen können gar nichts sparen. Aber gesamtwirtschaftlich betrachtet liegt die Sparquote bei 28% des Bruttoinlandsprodukts. Es werden aber nur 19% im Inland investiert. Die Lücke, das waren letztes Jahr 260 Milliarden Euro, ist der Exportüberschuss. Dieses Geld ist im Ausland angelegt.

Prinzipiell ist dagegen nichts zu sagen. Eine alternde Gesellschaft muss sparen und Vorsorge betreiben. Aber dieses Auslandsvermögen, mittlerweile fast 2 Billionen Euro, erzielt teilweise negative Renditen. Wir sorgen also nicht wirklich vor, sondern wir verschenken quasi einen Teil unserer Exporte. Da wäre es doch besser, nicht weiter auf Pump zu exportieren, sondern die Früchte der eigenen Arbeit direkt zu genießen.

makro: Was könnte Deutschland überhaupt tun, um seinen Exportüberschuss zu verringern?

Südekum: Einfach steuern lässt sich das nicht, denn dahinter stehen Millionen von Einzelentscheidungen. Aber simple volkswirtschaftliche Buchführung gibt die Richtung vor. Der Exportüberschuss sinkt, wenn Deutschland insgesamt weniger spart und dafür mehr konsumiert und im Inland investiert. Konsum kann man durch höhere Löhne oder niedrigere Steuern ankurbeln. Investitionen vor allem durch bessere Anreize für die Unternehmen, etwa im Dienstleistungssektor. Daneben sind dringend Infrastrukturinvestitionen notwendig, denn auch sie schaffen Nachfrage. Der finanzielle Spielraum dafür ist zweifelsohne vorhanden.

<b>Welthandel:</b> Entwickelten sich in den 80er-Jahren Welthandel und Weltwirtschaft noch im Gleichschritt, zog mit dem Globalisierungsschub in den 90ern die Dynamik des Handels der Weltwirtschaft davon. Einen ernsthaften Einbruch erfuhr der Warenhandel nur 2009. Zuletzt verliert er an Schwung: Die Globalisierung gerät ins Stocken, der Protektionismus nimmt zu.
Welthandel: Entwickelten sich in den 80er-Jahren Welthandel und Weltwirtschaft noch im Gleichschritt, zog mit dem Globalisierungsschub in den 90ern die Dynamik des Handels der Weltwirtschaft davon. Einen ernsthaften Einbruch erfuhr der Warenhandel nur 2009. Zuletzt verliert er an Schwung: Die Globalisierung gerät ins Stocken, der Protektionismus nimmt zu.
makro: Die in diesem Zusammenhang häufig empfohlenen staatlichen Investitionen bedeuten zunächst nur, dass der Staat Geld ausgibt - und nicht, dass er dabei ausländische Anbieter bevorzugt. Warum erwartet man dann, dass staatliche Investitionen die Handelsbilanz ausgleichen?

Südekum: Wenn in Bremen eine Schule renoviert wird, dann machen das Betriebe vor Ort. Stimmt. Aber die Bremer Handwerker kriegen ja mehr Einkommen und das geben sie zumindest teilweise für ausländische Konsumgüter aus. Deswegen steigen durch öffentliche Investitionen sehr wohl die Importe, wenn auch auf indirektem Wege. Das schafft in Südeuropa zusätzliche Jobs.

Aber vor allem profitiert Deutschland, denn die Schule wurde repariert und viele haben daran direkt und indirekt verdient. Außerdem muss man den Infrastrukturbegriff breiter fassen. Er umfasst auch Bildungsausgaben, Glasfasernetze und vieles mehr, wo Deutschland nach wie vor große Defizite hat. Es geht also nicht nur um die Nachfrage von heute, sondern auch um das Wachstumspotential von morgen.

makro: Als wir noch eine nationale Währung hatten, trieben deutsche Exportüberschüsse den D-Mark-Kurs nach oben: Exporte wurden teurer, Importe billiger. Diese automatische Korrektur gibt es nicht mehr, weil die lockere Geldpolitik der EZB den Euro-Kurs unten hält. Wird also der ohnehin schon starke deutsche Export auch noch von der EZB gefördert?

Südekum: Der Euro und die lockere Geldpolitik der EZB beflügeln tatsächlich die deutschen Exporte und damit den Arbeitsmarkt. Das wird bei aller Kritik an den niedrigen Zinsen für Sparer leider häufig vergessen. Aber nochmal: Hohe Exporte sind etwas anderes als ein Exportüberschuss. Für den kann die EZB weniger, denn sie ist nicht dafür verantwortlich, dass Deutschland so wenig im Inland investiert.

makro: Einmal angenommen, in den USA und anderswo würden tatsächlich protektionistische Kräfte die Oberhand gewinnen: Wie müsste Deutschland darauf reagieren?

Südekum: Ich hoffe, dass Donald Trump es bei vollmundiger Rhetorik belässt. Ein Handelskrieg schadet allen, am meisten den amerikanischen Konsumenten. Ich glaube, man müsste Trump nur noch mal in Ruhe erklären, dass das amerikanische Exportdefizit kein Zeichen von Schwäche ist und dass man es mit Zöllen sowieso nicht bekämpfen kann. Er hat ja schon bei einigen Themen, etwa Nato oder China, durchaus Lernfähigkeit bewiesen und seine Meinung noch geändert.

Sendedaten
makro
Protektionismus
Freitag, 19. Mai 2017, 21.00 Uhr
Wiederholung Sonntag 6.15 Uhr
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Zur Person
© HHUProf. Dr. Jens Südekum
Südekum ist Professor an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Heinrich-Heine Universität Düsseldorf und am Düsseldorf Institute for Competition Economics (DICE). Zu seinen aktuellen Forschungsschwerpunkten zählen der internationale Handel und der Einfluss der Handelsverflechtungen auf lokale Arbeitsmärkte.
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