Es ist viel passiert in Griechenland. Und doch sind die Aussichten düster. © reuters
Interview aus der SendungInterview aus der Sendung
Es ist viel passiert in Griechenland. Und doch sind die Aussichten düster.
"Das ist eine Illusion"
Griechenland: Neue Milliarden, alte Probleme
Griechenland hängt weiterhin am Tropf der Troika. Gerade wurde frisches Geld bewilligt. Zeigen die Reformbemühungen endlich Wirkung? Prof. Matthias Fifka sagt im Interview mit dem Wirtschaftsmagazin makro, ohne einen Schuldenschnitt werde es nicht gehen.
Das Ziel war ja einmal, der griechischen Wirtschaft zu Wettbewerbsfähigkeit zu verhelfen, damit der Staat wieder auf eigenen Beinen stehe. So halten seit Ausbruch der Eurokrise Europas Steuerzahler Hellas mit Rettungspaketen über Wasser, derweil sich Griechen von Aufpassern gegängelt fühlen. Neben einem Schuldenschnitt fordert Prof. Fifka Investitionen in Infrastruktur, Innovation und Bildung. Und dass irgendwann mal jemand die Ehrlichkeit aufbringen möge, zu sagen: "Man wird das Geld nicht zurückbekommen, auch nicht in 30 Jahren."

makro: Die Euro-Länder haben Griechenland Kredite gegeben, um Spielraum zu schaffen für Reformen. Welche Erfolge hatte das bisher?

Matthias Fifka: Griechenland hat auf Druck der Geberländer zahlreiche Reformen durchgeführt, die nahezu alle zu einer Sanierung des Staatshaushalts beitragen sollen. Man hat zum Beispiel die Renten gekürzt und gleichzeitig das Rentenalter von 65 auf 67 angehoben. Das Arbeitslosengeld wurde auf 322 Euro gekürzt. Auch im Bereich der Sozialversorgung gab es Einsparungen. Diese Maßnahmen waren die Voraussetzung für immer neue Kredite durch die sogenannte "Troika" aus Europäischer Kommission, Europäischer Zentralbank und dem Internationalen Währungsfonds.

Allerdings dienen diese Kredite vornehmlich der Aufrechterhaltung des Bankensystems und der Rückzahlung bestehender Kredite. Von den 216 Mrd. Euro aus den ersten beiden Rettungspakten flossen 139 Mrd. Euro in die Tilgung alter Schulden und Zinszahlungen, 37 Mrd. Euro wurden für die Rettung von Banken verwendet. Für wirtschaftsfördernde Maßnahmen blieb da wenig übrig.

<b>Wirtschaftsleistung pro Kopf</b><br /> Das BIP pro Kopf wird hier von Euro in Kaufkraftstandards (KKS) umgerechnet - somit werden die verschiedenen Länder trotz Unterschieden in Preisniveau bzw. Kaufkraft vergleichbar. <br /><br /> Der Einbruch in Griechenland ist der heftigste von allen (-22%). In Euro, also ohne Kaufkraftanpassung, ist der Einbruch noch stärker (-25%). Die einst kreditfinanziert völlig überblähte griechische Wirtschaft (Löhne, Preise, Renten, Lebensstandard) schrumpft auf ihr reales Maß zusammen. In den letzten Jahren ist das BIP kaum noch gefallen, die Kosten aber schon, weshalb das kaufkraftbereinigte BIP seit 2012 langsam wieder anzieht. <br /><br /> In Spanien waren die Fehlentwicklungen nicht annähernd so dramatisch und es ist beherzter reformiert worden, weshalb die Wirtschaft heute wieder das Vorkrisenniveau erreicht habt. Wirtschaftsleistung pro Kopf (mehr...)
<b>Arbeitslosigkeit</b><br /> Die Arbeitslosigkiet in Griechenland und Spanien ist mit der Finanz- uns Eurokrise stark angestiegen und erreichte 2013 ihren Höhepunkt (Spanien: 26,3%, Griechenland: 27,9%), seit 2013 sinkt sie. In Spanien lag sie zuletzt bei 18,2%, in Griechenland bei 23,4%. <br /><br /> Dramatisch ist die Lage bei den unter 25jährigen. Selbst in der Boomphase der Nullerjahre lag sie erschreckend hoch. Hier zeigen sich zwei Großbaustellen: Das Bildungssystem beider Länder ist zu wenig auf das praktische Berufsleben ausgerichtet und die Arbeitsgesetzgebung schottet den Arbeitsmarkt gegen junge Menschen ab. Arbeitslosigkeit
<b>Rentenausgaben</b><br /> Gemessen an der Wirtschaftsleistung gibt Griechenland in Europa am meisten für Rentenzahlungen aus. Auch in anderen reformaversen Ländern wie Italien und Frankreich sind Rentenausgaben sehr hoch. Es ist kein Zufall, dass just in diesen Ländern die Perspektive für junge Menschen ziemlich schlecht ist, auch Frankreich z.B. hat eine Jugendarbeitslosigkeit von 25%. Je höher die Rentenausgaben, desto weniger bleibt für Investitionen in die Zukunft. <br /><br /> In Griechenland sind die Rentenausgaben gemessen am BIP - trotz zahlreicher Rentenkürzungen - natürlich auch deshalb so hoch, weil die Wirtschaftsleistung selbst dramatisch eingebrochen ist. Rentenausgaben
<b>Hauptgläubiger</b><br /> Die Gesamtverschuldung des griechischen Staates summiert sich auf 317 Mrd. Euro. Da sind 178% der Wirtschaftsleistung. Für den größten Teil haftet der europäische Steuerzahler. Hauptgläubiger

makro: Was müsste geschehen, damit die Wirtschaft wettbewerbsfähiger wird und der Staat mehr Geld einnimmt?

Fifka: Griechenland hat keine international wettbewerbsfähige Wirtschaft, abgesehen vom Tourismus, landwirtschaftlichen Produkten und einigen Vorerzeugnissen wie Erdöl, das Griechenland aber nicht selbst fördert, sondern nur raffiniert. Griechische High-Tech-Produkte gibt es nicht. Deshalb müsste in Infrastruktur, Innovation und Bildung investiert werden, zum Beispiel in Forschungseinrichtungen.

Im bekannten Universitätsranking der Jiao Tong University sind nur zwei griechische Universitäten unter den besten 500. In den PISA-Studien war Griechenland zusammen mit Bulgarien und Rumänien Schlusslicht unter den EU-Staaten. So kann keine zukunftsfähige Wirtschaft, die Steuereinnahmen generiert, entstehen.

Zudem hat Griechenland noch immer ein aufgeblähtes Verwaltungs- und Rechtssystem, das nicht nur teuer, sondern auch langsam ist. Das ist Gift für jede unternehmerische Aktivität. Es dauert z.B. im Durchschnitt vier Jahre, bis ein Unternehmen eine Forderung gegenüber einem Schuldner vor Gericht durchsetzen kann. Jahrelang haben Parteikader ihre Unterstützer mit gut bezahlten Positionen in Ministerien und Behörden versorgt. Das rächt sich jetzt.

makro: Der von Ihnen vorgeschlagene Schuldenschnitt würde grundlegende Reformen und staatliche Investitionen ermöglichen - er böte aber keine Garantie, dass sie tatsächlich stattfinden: Wie sollten die Geberländer reagieren, wenn das nicht geschieht?

Fifka: Das ist richtig, denn hier hakt es an zwei Stellen. Zum einen ist nicht klar, ob notwendige Reformen überhaupt im Parlament auf den Weg gebracht werden, und zum anderen, ob sie dann von den Behörden auch durchgesetzt werden. Es gab zwar Steuererhöhungen in Griechenland, mit dem Eintreiben hapert es aber nach wie vor. Die Griechen schulden ihrem Staat etwa 100 Mrd. Euro, das ist die Hälfte der jährlichen Wirtschaftsleistung!

Schlussendlich helfen hier nur eine Überwachung und der Mechanismus, neue Unterstützung an das Einhalten von Auflagen zu binden. Das wird zwar schon gemacht, allerdings sind die Gläubiger, vornehmlich die EU, bei Nichterfüllung wenig konsequent. Immer wieder wird aus politischem Kalkül heraus ein neuer fauler Kompromiss gefunden. So hat sich die EU hochgradig erpressbar gemacht.

makro: Bisher können sich die Geberländer nicht zu einem klaren Schuldenschnitt durchringen. Stattdessen werden die Rückzahlungsfristen immer weiter verlängert, auf 30 Jahre oder mehr; d.h. man verlagert das Problem auf die nächste Generation: Was wären die Folgen, wenn es dabei bliebe?

Fifka: Man wird das Geld nicht zurückbekommen, auch nicht in 30 Jahren. Das ist eine Illusion. Das Problem wird nicht unbedingt auf die nächste Generation verlagert, denn bezahlt haben die Steuerzahler ja schon. Die politische Schwierigkeit liegt eher darin, dass irgendwann einmal jemand sagen muss, jetzt ist das Geld weg, und das möchte niemand sein, schon gar nicht kurz vor einem Bundestagswahlkampf. Ist dieser erst einmal vorüber, steht das Thema Schuldenschnitt vielleicht schneller auf der Agenda, als wir momentan denken.

makro: Bislang wollen die anderen Euro-Länder mit allen Mitteln verhindern, dass Griechenland den Euro aufgeben muss: Wie sinnvoll ist diese Politik?

Fifka:Das ist in erster Linie politisches Kalkül, denn man möchte nicht eingestehen, dass das Experiment Euro zumindest in Abstrichen gescheitert ist. Allerdings ist fraglich, wie stark ein solcher Grexit, der nun vom Tisch ist, den Euro tatsächlich destabilisiert hätte. Einen ersten Schock hätte es zweifelsfrei gegeben und ein Dominoeffekt wäre etwas wahrscheinlicher geworden, aber er hätte langfristig auch eine konsolidierende Wirkung gehabt.

Griechenland hätte seine eigene Währung abwerten und damit die eigenen Produkte wieder interessanter machen können. Auch das wäre für das Land ein steiniger Weg geworden, aber es hätte eine Perspektive ermöglicht, die momentan nur schwer erkennbar ist.

makro: Teilen Sie die Befürchtung, nach einem Ausscheiden Griechenlands wären auch andere finanzschwache Länder, etwa Portugal oder gar Italien, irgendwann nicht mehr in der Euro-Zone zu halten?

Fifka: Es ist nicht so, dass diese Länder die Euro-Zone freiwillig verlassen hätten. Auch Griechenland hätte man ja auf Umwegen zum Austritt zwingen müssen, ein formaler Prozess ist hierzu in den Verträgen gar nicht vorgesehen. Die Gefahr hätte darin bestanden, dass Gläubiger den Krisenstaaten kein Geld mehr geliehen hätten oder nur zu extrem hohen Zinsen, weil sie gesehen hätten, dass EU und EZB nicht uneingeschränkt bürgen.

Ein Bankrott der genannten Länder wäre dann durchaus möglich gewesen, mit all den negativen Folgen für die EU. Diese Szenarien sind aber erst einmal vom Tisch. Griechenland will weder aus der Eurozone ausscheiden noch will man es ausscheiden lassen. Das ist in den letzten Jahren sehr offensichtlich geworden.

Das Interview führte Günther Neufeldt.

Sendedaten
makro
Griechenland
Freitag, 12. Mai 2017, 21.00 Uhr
Alles zur Griechenland-Sendung
Griechenland
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Zur Person
© IannicelliProf. Dr. Matthias Fifka
Matthias Fifka ist Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Erlangen-Nürnberg. Zu den Schwerpunkten seiner wissenschaftlichen Arbeit zählen internationale Wirtschaftsbeziehungen.
Interviews mit Prof. Fifka
Schwerpunkt
Die Akte Griechenland
Seit 2010 beschäftigt sich makro immer wieder mit den Hellenen und ihrer nicht enden wollenden Schuldenkrise.