Der Trend zu exorbitanten Managergehältern kommt aus New York, dem kapitalistischen Herz der angelsächsischen Wirtschaftswelt. © colourbox.de
Interview aus der SendungInterview aus der Sendung
Der Trend zu exorbitanten Managergehältern kommt aus New York, dem Herz des Kapitalismus.
Auf und davon
Managergehälter kennen kein Halten
Die Diskussion um Managergehälter schlägt hohe Wellen. Wie wir zurück zu "Maß und Mitte" finden, darüber sprach makro-Moderatorin Eva Schmidt mit dem Soziologen Michael Hartmann.
Das Unternehmen in Schieflage bringen und trotzdem Boni kassieren wollen: Die Diskussion um die Managergehälter bei VW und Deutsche Bank hat den Vorwurf der Selbstbedienungsmentalität in Chefetagen ausgelöst. Verdiente ein Vorstand vor 20 Jahren noch 14 mal so viel wie ein Angestellter, ist es heute im Schnitt das 60fache. Den Verweis auf die Gepflogenheiten der internationalen Konkurrenz hält Michael Hartmann für Quatsch.

makro: Die Chefs der Dax-Konzerne verdienen heute im Schnitt fast 60 Mal so viel wie normale Angestellte, hat die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung errechnet. Wie konnte es trotz Finanzkrise überhaupt zu solchen Gehaltsspiralen kommen?

Michael Hartmann: Ausgangspunkt war die Fusion zwischen Daimler und Chrysler 1998. Damals verdiente der Daimler-Vorstandschef Schrempp knapp 2,8 Mio. DM, sein Vize Eaton aber umgerechnet fast 20 Mio, weil in den USA so viel gezahlt wurde. Diese enorme Differenz haben Schrempp und seine deutschen Vorstandskollegen sofort genutzt, um eine Angleichung zu fordern.

Die Vorstände der anderen Großkonzerne haben sich dann am Niveau bei Daimler orientiert und die Umstellung auf hohe Bonuszahlungen nach US-Muster forciert. So hat sich die Kluft zwischen den Gehältern der Vorstände und denen der Beschäftigten binnen eineinhalb Jahrzehnten fast vervierfacht.

Das Argument war von Anfang an dasselbe. Man könne die Topmanager wegen der harten internationalen Konkurrenz um Spitzenleute sonst nicht halten. Das ist nachweislich falsch. Neun von zehn Topmanagern arbeiten in Unternehmen ihres Heimatlandes, weil die meisten Spitzenkarrieren nach wie vor stark national geprägt sind und von einem weltweiten Markt für Topmanager keine Rede sein kann. Das Argument klang aber dennoch für die Öffentlichkeit plausibel und wird deshalb bis heute benutzt.

makro: In den Konzernen sind Vorstandsgehälter Sache des Aufsichtsrates. Sind Kumpanei und die sogenannten Old-Boy-Netzwerke das Grundproblem?

Hartmann: Die Tatsache, dass viele Vorstandschefs später auch Vorsitzende des Aufsichtsrats werden, spielt sicher eine Rolle. Entscheidender aber dürfte sein, dass hier eine Hand die andere wäscht. Die Vergütungen der Aufsichtsratsmitglieder sind im letzten Jahrzehnt bei den DAX-Konzernen nämlich noch etwas schneller gestiegen als die der Vorstände.

<b>Infografik:</b> Die Spitzenverdiener im Dax. In den acht nicht aufgeführten Unternehmen kam es unterjährig zu einem Führungswechsel.
Infografik: Die Spitzenverdiener im Dax. In den acht nicht aufgeführten Unternehmen kam es unterjährig zu einem Führungswechsel.
makro: Die Gewerkschaften fordern ein Zurück zu „Maß und Mitte“ bei den Managergehältern. Dabei sitzen auch ihre Vertreter in den Aufsichtsräten. Tragen die Gewerkschaften eine Mitverantwortung an den Gehaltsspiralen der vergangenen Jahre?

Hartmann: Das tun sie, indem sie die Anhebungen zumeist kritiklos hinnehmen, statt zumindest öffentlich Einspruch zu erheben. Viel verheerender aber ist es, wenn Spitzengewerkschafter wie der frühere IGM-Vorsitzende Huber oder der VW-Gesamtbetriebsratschef Osterloh die hohen Gehälter in den Medien mit Argumenten der Kapitalseite verteidigen.

Huber hat vor einigen Jahren das Gehalt von Siemens-Chef Löscher in der Süddeutschen Zeitung mit dem Hinweis auf die internationale Konkurrenz um solche Spitzenleute gerechtfertigt, Osterloh das von VW-Chef Winterkorn mit der Schaffung von 40.000 Arbeitsplätzen. Osterloh müsste angesichts des Arbeitsplatzabbaus bei VW heute eigentlich die Rückzahlung fordern.

makro: In der Schweiz hat man die Deckelung von Managergehältern abgelehnt. Bringen staatliche Eingriffe überhaupt etwas?

Hartmann: Ja. Meiner Meinung nach wären steuerliche Maßnahmen das geeignete Mittel. Am effektivsten wäre aber nicht die von der SPD diskutierte Begrenzung der steuerlichen Abzugsfähigkeit, sondern eine drastische Anhebung des Spitzensteuersatzes für Topgehälter. Wenn Gehälter ab ein oder zwei Millionen Euro mit einem Steuersatz von 90% belegt würden, wäre der Anreiz, sehr hohe Gehälter zu verlangen, erheblich geringer. Außerdem profitierte dann vor allem die öffentliche Hand, wenn die Unternehmen sie dennoch zahlen.

Möglich sind solche Maßnahmen durchaus, wenn man sie denn wirklich durchsetzen will. In den USA galt bis 1964 ab 200.000 Dollar ein Steuersatz von 94%, bis Ende der 1970er einer von immer noch 70%. In Großbritannien waren es zur gleichen Zeit sogar noch 83%. Für den bekannten französischen Ökonomen Thomas Piketty ist die massive Senkung dieser Steuersätze unter Reagan und Thatcher denn auch "für einen Gutteil des dortigen Höhenflugs der Spitzeneinkommen verantwortlich".

makro: Wo liegt denn Ihrer Meinung nach das richtige Verhältnis zwischen Arbeitnehmer- und Vorstandsgehältern?

Hartmann: Das kann niemand genau sagen. Was man aber sicher sagen kann, ist folgendes: Eine Relation von 1:14, wie sie in Deutschland bis Mitte der 1990er Jahre Bestand hatte, brachte den Unternehmen ganz offensichtlich keinen Schaden.

Sendedaten
makro
Wirtschaftseliten
Freitag, 5. Mai 2017, 21.00 Uhr
Wiederholung Sonntag 6.15 Uhr
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WirtschaftselitenDie da oben
"Eliten" haben im Moment keinen guten Ruf und stehen unter besonderer Beobachtung - auch die Wirtschaftseliten. Aber wer gehört dazu? Und sind die Chefs der großen Konzerne wirklich die Global Player, für die sie alle halten?
Zur Person
Prof. Dr. Michael Hartmann
Prof. Dr. Michael Hartmann ist Deutschlands bekanntester Elitenforscher. Seit Jahrzehnten untersucht er die gesellschaftliche Elite und die Kluft zwischen Arm und Reich. Bis 2014 war er Professor für Soziologie an der TU Darmstadt. 2016 erschien sein Buch "Die globale Wirtschaftselite: Eine Legende" im Campusverlag.
Interview
© ZDFVideoÜber Jahre ist der Eindruck einer globalen Wirtschaftselite gewachsen - einer Elite, die verschwörerisch zusammenhält. Der Soziologe Michael Hartmann entzaubert diesen Mythos vom globalen Netzwerk im Gespräch mit Eva Schmidt.
(Frankfurter Buchmesse, 22.10.2016)
Schwerpunkt
Gesellschaft