Die Zukunft der Zigarettenhersteller liegt in den Schwellenländern. Umgekehrt gilt das wohl kaum. © dpa
Interview aus der SendungInterview aus der Sendung
Die Zukunft der Zigarettenhersteller liegt in den Schwellenländern. Umgekehrt gilt das wohl kaum.
Todsicheres Geschäft
Der Tabakbranche geht es prächtig
Schockbilder auf Zigarettenschachteln, Rauchverbot in Kneipen. Schwere Zeiten für die Zigarettenindustrie? "Der Eindruck täuscht", sagt Branchenkenner Dietmar Jazbinsek im Interview mit dem Wirtschaftsmagazin makro.
In Deutschland wird weniger geraucht. Rauchen ist nicht mehr cool, in der Wahrnehmung fast schon ein Unterschichtenphänomen. Aber das ist eine Binnensicht. International wird mehr gequalmt denn je. "Für die Zigarettenindustrie sind die Schwellenländer der Markt der Zukunft", sagt Dietmar Jazbinsek.

makro: Die Zahl der Raucher in westlichen Industriestaaten geht zurück. Ist die Tabakbranche am Ende?

Dietmar Jazbinsek: Der Eindruck täuscht. Auch heute noch greifen in Deutschland jede fünfte Frau und jeder vierte Mann regelmäßig zur Zigarette. Anders als früher handelt es sich dabei vor allem um Menschen aus einkommensschwachen und bildungsfernen Schichten. Das Rauchen und das Sterben daran geraten dadurch aus dem Blickfeld von Medien und Politik.

Maßnahmen gegen den Tabakkonsum stehen bei uns weit unten auf der politischen Agenda. Das hat auch mit den rund 14 Milliarden Euro zu tun, die der Staat jedes Jahr an Tabaksteuern einnimmt. Die Manager der Branche haben also keinen Grund zur Besorgnis: Die Nikotinsucht ihrer Kunden garantiert ihnen auch weiterhin Rekordrenditen.

makro: Die Schwellenländer gelten als Wachstumsmarkt für die Zigarettenindustrie. Hat dieses Geschäftsmodell Zukunft oder exportiert man letztlich ein Auslaufmodell?

Jazbinsek: Für die Zigarettenindustrie sind die Schwellenländer der Markt der Zukunft. Im Zuge der Globalisierung wächst dort die kaufkräftige Nachfrage, weil die Zigarette für die neue Mittelschicht in diesen Ländern zu den Insignien des westlichen Lebensstils gehört. Deutschland profitiert in besonderer Weise von dieser Entwicklung, denn Deutschland ist nicht nur einer der größten Zigarettenexporteure der Welt, sondern auch Weltmeister beim Export von Zigarettenmaschinen. Wir leisten damit einen nachhaltigen Beitrag zur Globalisierung der Krebssterblichkeit.

<b>Absatz in Deutschland</b><br /> Der Zigarettenverkauf in Deutschland geht zurück. Die Industrie kompensiert dies mit steigenden Exporten ins Ausland Absatz in Deutschland
Der Zigarettenverkauf in Deutschland geht zurück. Die Industrie kompensiert dies mit steigenden Exporten ins Ausland.
<b>Tabakproduzenten weltweit</b><br /> Der mit Abstand größte Tabakanbauer der Welt ist China. Die 3,1 Mio Tonnen entsprechen 42,3 Prozent der Welt-Tabakproduktion. Tabakproduzenten weltweit
Der mit Abstand größte Tabakanbauer der Welt ist China. Die 3,1 Mio Tonnen entsprechen 42,3 Prozent der Welt-Tabakproduktion.

makro: Die Branche reagiert bei uns mit "risikoarmen" Produkten. Aber sind E-Zigarette und Tabakverdampfer wirklich risikoarm?

Jazbinsek: Verglichen mit herkömmlichen Zigaretten sind E-Zigaretten tatsächlich risikoarme Produkte. Wenn es gelänge, alle Raucher zum Umstieg auf das Dampfen zu bewegen, würde man wahrscheinlich Millionen von Menschenleben retten. Aber die Tabakbranche investiert nicht in neue Produkte, um die Gesundheit der Bevölkerung zu fördern.

Dem Oligopol der Großkonzerne geht es in erster Linie darum, die Konkurrenz der unabhängigen E-Zigaretten-Anbieter aus dem Markt zu drängen. Sie wollen die Kunden behalten, die sich Sorgen um ihre Gesundheit machen. Darum gibt es für Marlboro-Raucher neuerdings die Marlboro Heatsticks. Das sind Miniaturzigaretten, die in einem Gerät namens Iqos erhitzt, aber nicht verbrannt werden. British American Tobacco und Japan Tobacco haben ähnliche Geräte entwickelt. Ob solche Tabakverdampfer wirklich so risikoarm sind wie ihre Hersteller behaupten, ist ungewiss.

makro: Das Tabakwerbeverbot soll verschärft werden. Gegner bringen sich in Stellung. Dieses treffe nicht nur Zigarettenhersteller, argumentieren sie, sondern auch die Werbewirtschaft. Ist das stichhaltig?

Jazbinsek: Dasselbe Argument war schon vor zehn Jahren zu hören, als es um die EU-Richtlinie für ein Werbeverbot in Printmedien ging. Die Bundesregierung hatte vergeblich gegen diese Richtlinie geklagt. Seit dem Inkrafttreten des Verbots ist der Werbeetat der Zigarettenhersteller nicht etwa gesunken, sondern hat sich mehr als verdoppelt und liegt mittlerweile bei rund 200 Mio. Euro im Jahr.

Das Gros des Geldes geht in die Bereiche Promotion und Sponsoring. Dazu gehören zum Beispiel die Werbestände auf Musikfestivals, wo die jungen Besucher vorgeführt bekommen, wie cool das Rauchen ist. Solche Werbeformen werden von dem geplanten Plakatwerbeverbot gar nicht erfasst.

makro: Den globalen Markt teilen sich heute nach zahlreichen Fusionen fünf Tabakkonzerne. Und dann gibt es noch China National Tobacco, den größten von allen. Werden die Chinesen nun auch bei Zigaretten den Weltmarkt aufrollen?

Jazbinsek: Momentan geht es erstmal für die Tabakkonzerne des Westens darum, den größten Markt der Welt aufzurollen und in China Fuß zu fassen. Ein Beispiel hierfür ist Imperial Brands, der Mutterkonzern von Reemtsma, der gerade ein Joint Venture mit China National Tobacco gegründet hat. Imperial will in Zukunft dabei helfen, die Marken des chinesischen Staatskonzerns in anderen Ländern zu etablieren, und darf dafür im Gegenzug eigene Marken wie Davidoff in China anbieten.

Sendedaten
makro
Die letzte Zigarette?
Freitag, 28. April 2017, 21.00 Uhr
Alles zur Tabak-Sendung
Die letzte Zigarette?
Die Zigarette scheint ein Auslaufmodell. In reichen, westlichen Ländern bringt die sinkende Raucherzahl die großen Tabakkonzerne unter Druck. Doch sie haben einen Plan.
Zur Person
LupeDietmar Jazbinsek
Der Soziologe Dietmar Jazbinsek gilt als einer der besten Kenner der Tabaklobby in Deutschland. Bevor er in den Journalismus wechselte, war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Berliner Forschungsverbund Public Health.
Schwerpunkt
Pharma & Gesundheit