Der Triumphbogen in Paris - ein Monument einstiger Größe.
Interview aus der SendungInterview aus der Sendung
Der Triumphbogen in Paris - ein Monument einstiger Größe.
Klare Linie gesucht
Frankreich braucht Kontinuität in der Wirtschaftspolitik
Hohe Arbeitslosigkeit, sinkende Weltmarktanteile der Unternehmen. makro-Moderatorin Eva Schmidt fragt Frankreich-Kenner Henrik Uterwedde, was die französische Wirtschaft wieder in Schwung bringen könnte.
"Ein Problem", sagt Henrik Uterwedde vom Deutsch-Französischen Institut in Ludwigsburg, "ist der politische Aktionismus." Allein in den letzten 15 Jahren seien mehr als 50 beschäftigungspolitische Reformgesetze verabschiedet worden. Was hingegen fehlt, sei politischer Mut und eine klare Ansage über notwendige Veränderungen.

makro: Die hohe Arbeitslosigkeit bereitet Umfragen zufolge den Wählern das größte Kopfzerbrechen. Wie lautet Ihre Empfehlung an den nächsten französischen Präsidenten?

Henrik Uterwedde: Eines der Hauptprobleme ist die berufliche Ausbildung und Qualifikation der Beschäftigten. Das jetzige System ist zu sehr am Abitur ausgerichtet und bietet zu wenig andere berufsqualifizierende Wege wie bei uns die Lehrlingsausbildung. Die Folge: Zahllose junge Schulabgänger finden keinen Zugang zum Arbeitsmarkt, mit dramatischen Folgen wie der Jugendarbeitslosigkeit.

Ein Schwerpunkt der künftigen Politik sollte also in einer Aufwertung und gründlichen Reform des Systems der beruflichen Bildung liegen. Ein zweiter Schwerpunkt wäre die Überwindung des komplizierten Arbeitsrechts. Es ist nicht normal, wenn 90% der Neueinstellungen nur mit befristeten Arbeitsverträgen von extrem kurzer Dauer erfolgen.

makro: Was braucht die französische Wirtschaft neben einer Reform des Arbeitsmarktes am dringendsten?

Henrik Uterwedde: Die dauerhafte Entlastung der Unternehmen von ihren hohen Abgaben - die unter Präsident Hollande eingeleitet wurde - ist ein Weg, um den Firmen ihre Investitionskraft zurückzugeben. Ferner wären unternehmensfreundliche und vor allem stabile Rahmenbedingungen für die Unternehmen notwendig: Frankreich hat eine lebendige Gründer- und Startupszene, aber die jungen Firmen können sich oft nicht in Ruhe entwickeln.

Ein Problem ist der politische Aktionismus: Allein in den letzten 15 Jahren sind mehr als 50 beschäftigungspolitische Reformgesetze verabschiedet worden! Ein anderes Problem sind bürokratische Hürden und abschreckende Schwellenwerte: Es gibt zahlreiche Unternehmen, die davor zurückschrecken, mehr als 49 Arbeitnehmer zu beschäftigen, weil ab 50 Beschäftigten schlagartig neue bürokratische Zwänge und Abgaben drohen. Also: Mehr Kontinuität, mehr Konstanz würde der Wirtschaft gut tun.

<b>Wirtschaftsleistung</b><br /> Bei der Wirtschaftsleistung pro Kopf lagen Deutschland und Frankreich um die Jahrtausenderwende noch sehr dicht beieinander und deutlich vor dem EU-Schnitt. Seit der Finanzkrise 2008/2009 ist Deutschland davongezogen. Frankreich liegt heute nur noch knapp über dem EU-Schnitt. Das BIP pro Kopf wird hier von Euro in Kaufkraftstandards (KKS) umgerechnet - somit werden die Unterschiede im Preisniveau bzw. Kaufkraft in verschiedenen Ländern vergleichbar. Wirtschaftsleistung
<b>Arbeitslosigkeit</b><br /> Arbeits- und Perspektivlosigkeit ist ein dominierendes Thema im französischen Wahlkampf. Die Daten von Eurostat zeigen warum. Der spürbare europaweite Aufschwung geht an Frankreichs Arbeitsmarkt vorbei. Konnte Deutschland seine Arbeitslosigkeit vom Höchststand 2005 kontinuierlich senken - maßgeblich unterstützt durch die Agenda 2010 -, verharrt die Arbeitslosigkeit in Frankreich seit Jahren bei 10% und damit über EU-Schnitt. Besonders eklatant ist das Bild bei der Jugendarbeitslosigkeit: Während sie europaweit seit dem Hoch der Euro-Krise 2012 deutlich sinkt, sitzen immer noch 25% der jungen Franzosen auf dem Abstellgleis - eine verlorene Generation. Arbeitslosigkeit
<b>Industrieproduktion</b><br /> Frankreichs Industrie verliert auf dem Weltmarkt den Anschluss. Lange Jahre stagnierte die Industrieproduktion, vom Einbruch während der Finanzkrise 2008/2009 konnte sie sich nie wieder erholen. Für Deutschland zeigt sich ein recht kontinuierlicher Anstieg, der Einbruch 2008/2009 ist überwunden. Industrieproduktion
<b>Staatsverschuldung</b><br /> In den 90er-Jahren hatte die bevorstehende Euro-Einführung eine disziplinierende Wirkung auf die Staatshaushalte Europas entfaltet. Deutschland und Frankreich hatten damals das 60%-Maastrichtkriterium erfüllt. Seit der Finanzkrise 2008/2009 läuft die Schere auseinander. In Deutschland sprudeln aufgrund seiner hohen Wettbewerbsfähigkeit die Steuereinnahmen. Bei robustem Wirtschaftswachstum sinkt der Schuldenstand. In Frankreich passiert das Gegenteil. Staatsverschuldung

makro: Frankreich hat Wirtschaftsgeschichte geschrieben nicht nur mit Luxusgütern, sondern auch mit Autos oder Flugzeugen. Warum zieht "Made in France" auf den Weltmärkten nicht mehr?

Henrik Uterwedde: In den letzten Jahren hat es ein doppeltes Problem gegeben: Zum einen müssen die französischen Firmen höhere Lohnkosten, Steuern und Abgaben tragen als ihre ausländischen Konkurrenten. Um ihre Marktanteile zu halten, haben viele von ihnen scharf kalkuliert, was zu Lasten ihrer Gewinne und ihrer Spielräume für Investitionen ging.

Die wären aber dringend nötig, um ein zweites Problem zu überwinden: Zu wenige Unternehmen produzieren genügend hochwertige Qualitätsprodukte, mit denen sich bessere Preise erzielen lassen und mit denen sie der weltweiten Konkurrenz besser standhalten könnten. Dies liegt nach Aussage von Sachverständigenberichten an unzureichender Qualifikation der Beschäftigten, Mängeln des Managements und fehlender Innovationsbereitschaft.

makro: Der unabhängige Präsidentschaftskandidat Macron lehnt Reformen nach dem Vorbild der Hartz-IV-Gesetze ab. Aber wären solche Reformen in einem so streik- und krawallfreudigen Land überhaupt denkbar?

Henrik Uterwedde: Frankreich ist nicht vollkommen anders als Deutschland: Reformen, vor allem wenn sie Besitzstände angreifen, sind unpopulär. In Frankreich kommt die starke Mobilisierung erschwerend hinzu, aber hier wie dort gilt: Radikale Reformen mit der Brechstange riskieren eine soziale Explosion.

Die Regierung braucht politischen Mut und eine klare Ansage über notwendige Veränderungen - das hat zum Beispiel Hollande weitgehend versäumt. Sie sollte auch offen sein für den sozialen Dialog - auch im Gewerkschaftslager gibt es neben den "Hardlinern" gemäßigte Kräfte.

makro: Deutschland-Frankreich-Vergleiche sind sehr beliebt bei uns. Insbesondere weil sie meistens so ausgehen: Deutschland stark, Frankreich schwach. Beim Arbeitsmarkt oder der Wettbewerbsfähigkeit stimmt das sicherlich. Was aber könnte umgekehrt die deutsche von der französischen Wirtschaft lernen?

Henrik Uterwedde: Ich mag solche bilateralen Vergleiche nicht besonders, weil sie scheinbar immer einen "Gewinner" und einen "Verlierer" hervorbringen und kein exaktes Bild der Lage beschreiben. Ja, Frankreich liegt bei vielen Indikatoren hinter Deutschland, aber im europaweiten Vergleich befindet es sich ebenso oft in der Spitzengruppe.

Was kann Frankreich besser? Die Planung und Steuerung komplexer Großprojekte ist ihnen bislang besser gelungen - ein planerisches Desaster wie beim künftigen Flughafen in Berlin werden Sie dort nicht finden, um nur ein Beispiel zu nennen. Der gesamte Hightech-Bereich ist gut aufgestellt - was die Pannenanfälligkeit von TGV und ICE betrifft, so fällt meine persönliche Erfahrung eindeutig zu Gunsten Frankreichs aus!

Die Infrastrukturen des Landes sind sehr gut; die Wissenschaft hat einen hervorragenden Ruf, ebenso wie die Ingenieursausbildung. Die vielen innovativen Startups habe ich schon erwähnt; gerade im Bereich der Digitalisierung haben französische Wissenschaftler und Gründer die Nase oft vorne.

Sendedaten
makro
Frankreichs Misere
Freitag, 21. April 2017, 21.00 Uhr
Wiederholung Sonntag 6.15 Uhr
Alles zur Frankreich-Sendung
© reutersFrankreichs Misere
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Zur Person
Prof. Dr. Henrik Uterwedde
Der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Henrik Uterwedde ist tätig am Deutsch-Französischen Institut in Ludwigsburg, dessen stellvertretender Direktor er von 1996 bis 2014 war. Seine Tätigkeitsschwerpunkte sind die Wirtschaftspolitik in Frankreich und Deutschland sowie die Rolle beider Länder in Europa. Ende Mai erscheint sein neues Buch "Frankreich - eine Länderkunde".
Frankreich: Reden Sie mit!
© colourbox.deFrankreich-Kenner Prof. Henrik Uterwedde vom Deutsch-Französischen Institut in Ludwigsburg sagt, Frankreich sei nicht vollkommen anders als Deutschland: "Reformen, vor allem wenn sie Besitzstände angreifen, sind unpopulär." Diskutieren Sie mit!
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Die Wirtschaft ist abgehängt, die Arbeitslosigkeit hoch, die Leute wütend. Um Präsident Hollande ist es einsam geworden. Jetzt tut er, was er nie wollte: Er schrödert. Wenigstens ein bisschen.
(makro, 02.05.2014)
Schwerpunkt
Europa