Chinas Finanzmetropole Shanghai, Synonym für die neue, globale Mittelschicht. © reuters
Chinas Finanzmetropole Shanghai, Synonym für die neue, globale Mittelschicht.
Chinas Finanzmetropole Shanghai, Synonym für die neue, globale Mittelschicht.
Die große Umverteilung
Das Entstehen einer globalen Mittelschicht
Die reichen Industrieländer streiten über die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich. Bis in die Mitte der Gesellschaft sickert Abstiegsangst. Tröstlich: Global betrachtet überwiegt die Aufstiegshoffnung einer neuen Mittelschicht.
Es geht die Angst um, die Angst vor dem Abstieg. Sie greift aus in die Mitte der Gesellschaft, erfasst mindestens die untere Mittelschicht. Es ist ein diffuses Gefühl von Überforderung und Unzulänglichkeit, von analoger Rückständigkeit in einer digitalen Welt. Alles wird komplexer und schneller, optimiert, automatisiert und durchglobalisiert.

Selbst wenn die Leute in Umfragen regelmäßig angeben, dass sie mit ihrer persönlichen Situation eigentlich ganz zufrieden seien (Italien: 73%, Deutschland: 75%, Frankreich: 81%), legen sie beim Blick auf die Zukunft ihres Landes die Stirn in Falten (Deutschland: 68%, Italien: 82%, Frankreich: 88%).

Die Gewissheit der Menschen, dass es ihren Kindern einmal besser gehen werde, schwindet. Der kalte Wind der Globalisierung ergreift die Mittelschicht und sät die Angst vor dem Abstieg. Das hinterlässt Spuren. Nicht nur in Deutschland, auch in Frankreich, Italien und den USA - praktisch überall in der saturierten Welt.

Tatsächlich ist diese pessimistische Perspektive eine vornehmlich westliche Sicht. Hebt man den Blick vom eigenen Bauchnabel hinaus in die Welt, ergibt sich ein ganz anderes Bild.

Die Armut schwindet
Die Armut ist klar auf dem Rückmarsch, absolut und prozentual (s. Infografik unten). Nimmt man die Zahlen der Weltbank, so lag die extreme Armut (weniger als 1,90 Dollar pro Tag) im Jahr 1981 bei 42% der Weltbevölkerung (1,9 Mrd. Menschen). 2013 waren es noch 10,7% (767 Mio.). In China ist die Armut von 84% im Jahr 1980 auf zuletzt 10% gefallen.

Die Oxford Poverty & Human Development Initiative (OPHI, s. Link rechts) arbeitet mit einer umfassenden Definition von Armut. Sie berücksichtigt nicht nur Intensität und Häufigkeit von Armut sondern analysiert auch Kriterien wie Bildung, Gesundheit, Kindersterblichkeit, Zugang zu Elektrizität und Trinkwasser. Auch hier zeigt sich eine erfreuliche Tendenz.

Obwohl noch etwas mehr als die Hälfte der Bewohner Afrikas unter Armut leidet, ist diese in 30 von 35 untersuchten Ländern "signifikant gefallen". Besonders ermutigend sind die Erfolge in Ruanda, Ghana und der Republik Kongo. In Indien ist die Zahl der Armen von 56,8% der Bevölkerung auf 48,5% gesunken, wobei die Armutsintensität der jeweils Betroffenen allerdings nur leicht nachgegeben hat.

Die Welt wird gleicher
Mit der industriellen Revolution setzte eine Phase der Globalisierung ein, die in den Ländern des alten Europa und Nordamerikas einen nie dagewesenen Reichtum konzentriert und eine breite Mittelschicht hervorgebracht hat. Der Anteil der G7-Staaten an der Weltwirtschaft stieg von 20% auf 70%. Der Rest der Welt blieb bitterarm.

Seit etwa drei Jahrzehnten verändert sich etwas, wie der Ökonom Richard Baldwin schreibt. Die G7-Staaten stehen heute nur noch für gut 40% der Weltwirtschaft, das ist der Stand zur Zeit des Ersten Weltkriegs. Die Globalisierung schwappt zurück in die Peripherie. Hauptgewinner sind die Schwellenländer. Trotz aller gegenteiliger Behauptungen: Die Welt wird gleicher.

<b>"Elephant curve"</b><br /> Zugegeben, die Grafik ist kompliziert. Dabei ist die Herausforderung, die Silhouette des Elefanten mit seinem emporgereckten Rüssel rechts zu erkennen, noch die leichteste Übung. In der Horizontalen (x-Achse) ist das gesamte Spektrum der globalen Einkommen aufgefaltet - von ganz arm (links, 0% des welthöchsten Einkommens) bis superreich (rechts, 100% des welthöchsten Einkommens). <br /><br /> Die Vertikale (y-Achse) zeigt die Veränderung des realen Pro-Kopf-Einkommens für jede Einkommensschicht. Dabei fällt auf, dass mittlere Einkommen (globale Mittelschicht) die höchsten Zuwächse verzeichnen und hohe Einkommen (Industrieländer, 75. bis 85. Percentil) kaum wachsen. Das reichste Prozent der Welt (etwa die oberen 10% der Industrieländergehälter) kommen wie üblich glänzend weg. Die Daten für die Ärmsten der Welt sind mit Vorsicht zu genießen. "Elephant curve": Die Washington Post bezeichnete die Grafik zur globalen Einkommensentwicklung als "wichtigsten Chart zum Verstehen gegenwärtiger Politik". (mehr...)
<b>Weltbevölkerung steigt, Armut fällt</b><br /> Als extrem arm bezeichnet die Weltbank Menschen, die weniger als 1,90 Dollar täglich zur Verfügung haben. Ihr Anteil an der Weltbevölkerung ist von 42% (1981) auf 10,7% (2013) gesunken. Auch in absoluten Zahlen ist der Rückgang bemerkenswert: von 1904 Mio. auf 767 Mio. Armut fällt: Extreme Armut ist von 42% (1981) auf 10,7% (2013) gesunken. Auch in absoluten Zahlen ist der Rückgang bemerkenswert (mehr...)

Der Elefant
Die Schlüssel-Grafik zu dieser neuen Welt stammt von Branko Milanovic und Christoph Lakner. Sie ähnelt einem Elefanten (s. Infografik oben) und ist in den Augen der Washington Post "der wichtigste Chart zum Verstehen gegenwärtiger Politik".

Milanovic und Lakner haben sich das Verdienst erworben, globale Einkommensunterschiede und -entwicklungen zu untersuchen (s. Link rechts). Der untersuchte Zeitraum (1988 - 2008) umfasst die 20 Jahre vom Zerfall der Sowjetunion bist zur Finanzkrise, mithin 20 Jahre Turbo-Globalisierung. Insgesamt stieg in dieser Zeit das reale Pro-Kopf-Einkommen um 24%.

Hauptprofiteur ist, neben dem obersten einen Prozent, eine neu entstehende, globale Mittelklasse. Zentral ist hier der Aufstieg Chinas, aber auch Indien, Thailand, Vietnam und Indonesien bezeichnet Milanovic, einer der weltweit angesehensten Forscher auf dem Gebiet der Einkommensverteilung, als "die offensichtlichen Gewinner der Globalisierung".

The West against the Rest
Ganz anders sieht es in den alten Industrieländern aus. Die finden sich in der globalen Einkommensverteilung ganz rechts, zwischen knapp 80 und 100%, dort wo der Elefantenrüssel duchhängt (Unterschicht und untere Mittelschicht der reichen Länder), bevor er sich mit den Einkommenszugewinnen der oberen Mittelschicht der reichen Länder (reichste 10% weltweit) wieder emporreckt.

Hier drängt sich eine Vermutung auf: die der Unvermeidlichkeit des Abstiegs der Niedrigqualifizierten der westlichen Welt zugunsten der neuen, globalen Konkurrenz. Adam Corlett von der Resolution Foundation relativiert dies (s. Link rechts). Der Hänger des Elefantenrüssels sei maßgeblich eine Folge des Zusammenbruchs der Sowjetunion und dubioser Daten aus Japan. Rechne man diese heraus, zeige sich eine Steigerung auch bei den niedrigen Einkommen in den reichen Industrieländern. Zudem sei bei einer länderspezifischen Betrachtung der Einfluss der Globalisierung auf die Einkommen nur einer von vielen Faktoren.

Die Geschichte von der wachsenden Ungleichheit folgt einem eingängigen Narrativ. Für einzelne Länder stimmt dies. Global betrachtet ist es ein Märchen.

Abstiegsängste und Aufstiegshoffnungen
Die Menschen in den reichen Industrieländern verteidigen ihren Wohlstand und haben Angst, ihn zu verlieren. Bis weit hinein in ihre Mittelschichten dominiert "German Angst", selbst in den USA. Populisten haben Konjunktur, der Ruf nach Abschottung wird lauter.

Dabei übersehen die Leute oft, dass sie auch Konsumenten sind und sich viele Produkte - Smartphones aus China, Batterien aus Korea, Computer-Chips aus Taiwan - ohne die preissenkende Wirkung der globalen Arbeitsteilung überhaupt nicht leisten könnten.

Die Menschen in den Schwellenländern haben westlichen Wohlstand vor Augen und sind hungrig auf mehr. Sie wünschen sich als Produzenten besseren Zugang zu unseren Märkten und profitieren als Konsumenten ihrerseits von günstigen Preisen. Der Agrarökonom Matin Qaim (Interview s. Link rechts) weist zum Beispiel darauf hin, dass in Kenia und anderen Ländern Afrikas die Nachfrage nach Milch und Milchprodukten durch heimische Produktion überhaupt nicht gedeckt werden könne und ohne Importe für weite Teile der Bevölkerung unbezahlbar wäre.

Ihren neuen, bescheidenen Wohlstand werden sich diese Leute nicht mehr nehmen lassen wollen. Schon gar nicht von Populisten im Westen. Für die globale Mittelschicht gibt es kein zurück in Lehmhütten und auf Reisfelder. Sie gehört jetzt dazu. Und sie wird ihren Anteil an der Weltwirtschaft weiter ausbauen. Wer will es ihnen verdenken.

 

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