Sicherheit hat ihren Preis - macht den Urlaub aber nicht unbedingt attraktiver. © dpa
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Sicherheit hat ihren Preis - macht den Urlaub aber nicht unbedingt attraktiver.
"Touristen sind vergesslich"
Wie Terrorismus den Tourismus trifft
Ein Anschlag und die Strände bleiben leer. Da sind Urlauber schreckhaft. Doch schon bald zählt wieder der Preis, sagt Terrorismusforscher Tim Krieger gegenüber dem Wirtschaftsmagazin makro.
Klassische Urlaubsländer wie Türkei oder Ägypten klagen über leere Hotels. Derweil vermeldet Spanien Buchungsrekorde, ebenso Portugal. Selbst Griechenland profitiert. In terrorgeplagten Ländern hingegen können die gesamtwirtschaftlichen Folgekosten von Anschlägen erheblich sein. Für die Reiseziele Ägypten und Tunesien ist Tim Krieger noch relativ zuversichtlich, sollte sich die Lage dort beruhigen. In der Türkei liege der Fall anders.

makro: Wie groß ist der Einfluss von Terroranschlägen auf den Tourismus?

Tim Krieger: Terroranschläge ängstigen die meisten Menschen sehr stark, obwohl die Gefahr, selbst davon betroffen zu sein, gering ist. Wer in den Urlaub fährt, der möchte sich in schöner Umgebung entspannen und sich nicht Gedanken über die Sicherheitslage machen müssen.

Die Menschen reagieren daher bei der Wahl ihrer Urlaubsziele deutlich auf Terroranschläge. Sie streichen ihren Urlaub ganz oder weichen in andere, sicherere Urlaubsländer aus, selbst wenn diese vielleicht etwas teurer oder nicht ganz so attraktiv sind. Der negative Effekt für ein einzelnes Urlaubsland fällt dabei umso stärker aus, je weniger ihm zugetraut wird, das Terrorproblem schnell zu beseitigen.

makro: Welche direkten Folgekosten entstehen in Touristengebieten durch den Terrorismus?

Tim Krieger: Unmittelbar durch einen Anschlag kommen Touristen zu Schaden oder touristische Infrastruktur wird beschädigt; auch die polizeilichen Maßnahmen kosten. Darüber hinaus bleiben sehr bald weitere Touristen aus. Sie meiden das Land nun, was die Umsätze in der Tourismusbranche sinken lässt. Bleiben die Touristen länger aus, dann gehen auch Arbeitsplätze verloren und es wird weniger in den Urlaubsgebieten investiert. Gerade in Ländern, die ökonomisch stark vom Tourismus abhängen, wirkt sich dies auch negativ auf das Wirtschaftswachstum aus.

makro: Lassen sind auch indirekte Folgekosten benennen?

Tim Krieger: Die indirekten Folgekosten können erheblich sein. Derartige Kosten ergeben sich unter anderem durch die Reaktion des Staates auf die veränderte Sicherheitslage. Verstärkte Kontrollen und Sicherheitsmaßnahmen behindern die wirtschaftliche Aktivität, indem sie zusätzliche Kosten verursachen.

Zugleich werden immer mehr staatliche Mittel in Sicherheitsmaßnahmen gebunden, die dann an anderer Stelle, etwa bei Bildungs- und Gesundheitsausgaben, fehlen. Hierdurch wird auch die staatliche Legitimität in Frage gestellt, denn der Staat hat es nicht geschafft, die Terroranschläge zu verhindern und in der Folge müssen dann auch noch Sozialleistungen gestrichen werden. Im schlimmsten Falle treibt dies unzufriedene Bürger sogar in die Arme der Terroristen.

makro: Mit welchen Maßnahmen können die sogenannten Krisenländer im Tourismus gegensteuern?

Tim Krieger: Die naheliegende Reaktion der meisten Länder ist, die Sicherheitsmaßnahmen zu erhöhen und mit Imagekampagnen Touristen zurückzugewinnen. Dies sind aber keine nachhaltigen Maßnahmen, da sie die Ursachen des Terrorismus nicht beseitigen. Umgekehrt ist eine glaubwürdige Überwindung von inneren Konflikten und Terrorismus ein großartiges Signal an die Touristen aus aller Welt: Seht her, es besteht keine Gefahr mehr, in dieses Land zu reisen!

Ob dies gelingt, hängt natürlich von der Art des Konflikts ab, der den Terrorismus ausgelöst hat. Häufig hilft es bereits, wenn der Tourismus in einer Weise entwickelt wird, die im Einklang mit den lokalen Sitten und Gebräuchen steht. Dann ist er für die heimische Bevölkerung akzeptabel und Terroristen, die Touristen als Symbol eines unerwünschten westlichen Lebensstils angreifen wollen, finden keine Unterstützung vor Ort mehr.

makro: Wie lange, meinen Sie, wird es dauern, bis Touristen in Krisenländer wie Türkei, Tunesien oder Ägypten zurückkehren?

Tim Krieger: Die Sicherheitslage ist neben der Attraktivität des Urlaubslandes und dem Preis nur ein Faktor bei der Wahl des Urlaubslandes; zudem sind Touristen bei Sicherheitsfragen eher vergesslich. Sobald sich die Lage vor Ort beruhigt, spielen der Preis und die Sonnenscheindauer wieder die wichtigere Rolle.

Tunesien und Ägypten werden daher recht schnell, innerhalb weniger Jahre, auf die Landkarte der attraktiven Urlaubsländer zurückkehren, sofern sie nicht von neuen schweren Anschlägen erschüttert werden, die die Touristen eine andauernde Terrorkampagne vermuten lassen. Der Fall der Türkei ist aktuell etwas anders gelagert, weil hier neben der Sicherheitslage auch politische Faktoren, wie der Streit mit der EU, das Image des Landes beschädigt haben. Es wird dauern, dies zu reparieren.

Sendungstip
Terror trifft Tourismus
Bombendrohungen, Anschläge, Attentate - in Ländern wie Tunesien, Ägypten und der Türkei fühlen sich Urlauber nicht mehr sicher. In Spanien, Portugal und Griechenland reibt man sich die Hände.
(Freitag, 24. März, 21.00 Uhr)
Zur Person
© Thomas KunzProf. Dr. Tim Krieger
Tim Krieger ist promovierter Volkswirt und seit 2012 Professor für Ordnungs- und Wettbewerbspolitik an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehört die ökonomische Theorie der Sicherheit einschließlich der Analyse der Ursachen und Kosten von Terrorismus.
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