Mit Handy und Internet hält die Globalisierung Einzug in Ostafrika. Und gerade die jungen Kenianer wissen sie zu nutzen.
Mit Handy und Internet hält die Globalisierung Einzug in Ostafrika. Und gerade die jungen Kenianer wissen sie zu nutzen.
Das Wunder von Kenia
Digitalisierung erreicht Afrika
Kenia gilt als Zentrum einer rasanten digitalen Entwicklung. Mobilfunk und Internet verändern aus dem Nichts das Land - und ganz Subsahara-Afrika. Vielleicht mehr als 50 Jahre Entwicklungshilfe.
Safaricom, Kenias größtes IT- und Telekommunikations-Unternehmen, steht im Zentrum von Afrikas digitaler Revolution. Das Service-Center in Nairobi sieht ein bisschen aus wie Google auf afrikanisch. 3.000 Mitarbeiter beantworten 200.000 Anrufe pro Tag. Fragen zu Telefonie, Internet - und M-Pesa, dem wohl erfolgreichsten Mobilfunk-Bezahlsystem der Welt.


Das schwarze Silicon Valley
2005 startete Safaricom ein Programm, um das Leben von Frauen in der Landwirtschaft zu verbessern - indem sie Geld per SMS verschicken konnten.
2005 startete Safaricom ein Programm, um das Leben von Frauen in der Landwirtschaft zu verbessern - indem sie Geld per SMS verschicken konnten.
Heute gibt es über 24 Mio. M-Pesa-Kunden. Jede Sekunde gibt es fünf neue Kreditanfragen. Eine davon werde genehmigt, sagt Webb. "So bekommen täglich 70.000 Kenianer einen Kleinkredit, die sonst keinen Zugang zu solchen Finanzdienstleistungen hätten."

Der Unterschied zu den meisten internationalen Bezahlsystemen: Man braucht kein Smartphone und keine Kreditkarten wie Visa oder Mastercard. "Wir mussten völlig neue Bezahlwege erfinden", erzählt Webb. "Wir taten das, indem wir neue Funktionen in die SIM-Karte einbauten. So, dass du jeden noch so simplen Telefontyp nutzen kannst."

M-Pesa ist eine Erfolgsgeschichte, für die sich heute die halbe Welt interessiert, und Grundlage für Entwicklungen, die dem Land den Namen Silicon Savannah einbrachten - in Anlehnung an das kalifornische Silicon Valley, die Wiege der IT- und HighTech-Revolution in den USA.

Strom per Handy
Safaricom kooperiert mit zahlreichen neuen IT-Firmen. Diese entwickeln Apps für Bauern (M-Farm), Gesundheit (M-Health), Bildung. Das "M" im Namen ist mittlerweile eine Erfolgsgarantie. M-Kopa verkauft in der Provinzstadt Machakos Solarstromanlagen. Es geht um zuverlässigen Strom auf Mobilfunk-Leasing-Basis. Der M-Kopa-Laden ist fast immer voll. Kein Wunder, denn die öffentliche Stromversorgung hat weite Gegenden nie erreicht.

"Wir haben diesen Laden hier vor gut einem Jahr eröffnet", erzählt die Verkäuferin Doris Mutu. Seither habe sie bereits 20.000 Kunden betreut.

M-Kopa bietet eine Heim-Solaranlage, die auf Ratenbasis abgestottert werden kann. Die Grundausstattung besteht aus einer Solarzelle, einer Kontrolleinheit mit Anschlussbuchsen zum Aufladen von Handys und Laptops. Außerdem drei LED-Glühbirnen und ein aufladbares Radio. Mit Hilfe des mobilen Bezahlsystems M-Pesa müssen nun ein Jahr lang jeden Tag 40 Cent einbezahlt werden. Danach gehört die Anlage dem Kunden.

Wilson Mutune holt sich die Welt ins Wohnzimmer
Für die Familie von Wilson Mutune ist Solarstrom ein Segen.
Für die Familie von Wilson Mutune ist Solarstrom ein Segen.
Besuch bei Wilson Mutune, einem Bauarbeiter aus Machakos: "Bevor wir Solarstrom hatten, brauchten wir viel Kerosin für die Lampen, damit die Kinder Hausaufgaben machen konnten", sagt er. "Jeden Tag haben wir zwei Euro für Kerosin ausgegeben. Heute zahlen wir für den Solarstrom 3,50 Euro für die ganze Woche."
Wilsons Ehefrau Elizabeth legt nach: "Früher mussten wir neun Kilometer laufen bis zum nächsten Geschäft, das Strom hatte, um unsere Telefone aufzuladen. Das Laden kostete 15 Cent. Neun Kilometer hin und wieder zurück." Den Weg kann sie sich heute sparen.

In ein paar Monaten gehört die Anlage ihnen. Wilson Mutune hat sich gleich das große Paket zugelegt. Dazu gehört ein Fernseher mit Flachbildschirm. Dank Mobilfunk und Internet konnte er die Welt ins Wohnzimmer holen. Bis vor kurzem wäre das noch undenkbar gewesen.

Entwicklung durch Kommerz
Das Service-Center von M-Kopa steht, klar, in Nairobi, in der Silicon Savannah. Die Firma hat 2.000 Arbeitsplätze geschaffen, bringt täglich Solarstrom in 500 neue Haushalte in Kenia, hat etliche Innovationspreise abgeräumt.

In Kenia haben 70% der Bevölkerung keinen Stromanschluss. Aber fast alle leben in Gegenden mit guter Mobilfunkabdeckung. "Das ist das Interessante in Kenia", sagt Chad Larson, Finanzdirektor von M-Kopa. "So viele Leute haben ein Mobiltelefon, aber nur so wenige haben einen Stromanschluss, um es aufzuladen." Dafür liefere man Lösungen.

Nicht nur M-Kopa macht Hilfeempfänger zu Kunden. IT-gestützten Geschäfte erlebten ihre Initialzündung als im Jahr 2009 das erste Untersee-Glasfaserkabel an Kenias Küste landete. In rasendem Tempo wurde das Breitband-Netz ausgebaut. Genauso rasant fielen die Preise für Mobilfunk-, Daten- und Internetverbindungen.

Das ZDF-Studio in Nairobi wurde damals noch per Satellit mit Internet versorgt. Kosten pro Monat: über 3.000 Euro. Heute, sieben Jahre später, kostet der um ein Vielfaches schnellere Firmenanschluss noch 650 Euro. Schnelle Privatanschlüsse sind für rund 35 Euro zu haben.

Im iHub fing alles an
Im iHub gibt es kostenloses Internet für alle, freie Arbeitsplätze und viel Gelegenheit zum Austausch.
Im iHub gibt es kostenloses Internet für alle, freie Arbeitsplätze und viel Gelegenheit zum Austausch.
Die Keimzelle der digitalen Revolution Kenias kommt unspektakulär daher. In einem Bürohaus in Nairobi versteckt sich die Innovationsplattform iHub - ein sogenannter Inkubator, ein Brutkasten für neue Ideen, Gründerzentrum für Jungunternehmen in der IT-Branche. Hier treffen sich Programmierer, Wirtschafts- und Informatikstudenten und Investoren. Rund 30 Start-Ups wurden hier gegründet, hunderte weitere sind zurzeit in der Entwicklung.

Kamal Bhattacharya, geboren in Indien, aufgewachsen in Deutschland, kam 2012 für den US-Konzern IBM nach Kenia, um dessen Forschungszentrum für Afrika aufzubauen. Heute leitet er iHub. "iHub war Teil der Entstehungsgeschichte der Silicon-Savannah-Story", erzählt er. Viele der Start-Ups hätten hier angefangen. Und: Er hält iHub für ein zentrales Element für die Tech-Szene in Kenia, in Subsahara-Afrika und in Afrika insgesamt.


Sendung zum Thema
makro
Afrika Digital
Freitag, 9. Dezember 2016, 21.00 Uhr
Wiederholung Sonntag 6.15 Uhr

Ein Film von Jörg Brase

Erstausstrahlung
Wirtschaftsdokumentation
Afrika Digital
Afrika digitalisiert sich mit rasender Geschwindigkeit. Das erregt das Interesse der Investoren. Bis 2020 sollen 60 Prozent des Kontinents ans digitale Breitbandnetz angeschlossen sein.
Info
M-Pesa: So funktioniert's
Bei einem M-Pesa-Agenten zahlt man Bargeld ein. Das wird dem Konto, das der SIM-Karte zugeordnet ist, gutgeschrieben. Per SMS bekommt man die Bestätigung, dass das Geld gebucht wurde und erhält den aktuellen Kontostand. Nun kann man mit einer PIN-Nummer von seinem Handy u.a. Geld auf ein anderes Telefon-Konto überweisen, im Supermarkt an der Kasse zahlen, die Strom-, Wasser-, Internetrechnungen bezahlen, Geld ansparen und einen Kleinkredit aufnehmen. Der wird dann ratenweise per SMS-Überweisung zurückgezahlt.

Heute gibt es 110.000 M-Pesa-Agenten überall in Kenia, wo Kunden Bargeld auf ihr Mobiltelefon einzahlen und auch wieder auszahlen lassen können.
Info
Afrikas Apps im Überblick
Sie heißen M-Pesa, M-Kopa oder M-Farm. Apps, die in Afrika nicht nur auf Smartphones funktionieren, sondern auch auf einfachen Mobiltelefonen. Mit ihrer Hilfe lassen sich Stromversorgung, Bildung, Landwirtschaft und Gesundheit organisieren.