Dieses Huhn verdankt sein energisches Auftreten vermutlich der für jeden Verbraucher verständlichen Kennzeichnung als Freilandhuhn. © apn
Interview aus der SendungInterview aus der Sendung
Dieses Huhn verdankt sein energisches Auftreten vermutlich der für jeden Verbraucher verständlichen Kennzeichnung als Freilandhuhn.
Preise müssen steigen
Agrarwissenschaftler fordert Ende der Billig-Lebensmittel
Alles hat seinen Preis - auch was vermeintlich billig daherkommt. Die Kosten fallen bloß woanders an, sagt Agrar-Experte Ulrich Hamm im Vorab-Interview mit makro-Moderatorin Eva Schmidt.
makro: Geiz ist angeblich geil: Stimmt es, dass den Deutschen Lebensmittel nicht billig genug sein können?

Ulrich Hamm: Das stimmt so nicht, denn dann würden die Deutschen ja nur die billigsten Lebensmittel kaufen und kein teures Markenprodukt hätte je eine Chance. Im Gegenteil, wir beobachten seit Jahren, dass der Umsatz im hochpreisigen Lebensmittelsegment stark steigt, seien es Bio-Lebensmittel, fair gehandelte Produkte oder regionale Spezialitäten. Aber wenn jemand ein hochwertiges, teures Produkt bei irgendeinem Händler im Sonderangebot etwas billiger bekommen kann, dann greift er zu.

makro: In Deutschland zahlen die Verbraucher weniger für ihre Lebensmittel als in vielen anderen Ländern Europas. Bekommen sie deshalb auch schlechtere Qualität?

Ulrich Hamm: Der Preiswettbewerb im deutschen Lebensmittelhandel ist sehr hart und die Gewinnspannen im Handel sind geringer als in anderen Ländern, auch wegen der starken Discount-Händler. Wegen der großen Einkaufsmengen machen Lieferanten deutschen Handelsketten preisgünstigere Angebote als kleineren Händlern in kleineren Ländern. Deswegen sind viele Markenprodukte, die es in allen europäischen Ländern in gleicher Qualität gibt, in Deutschland billiger als anderswo.

makro: Auf den Feldern gibt es zu viel Dünger, die Bauern protestieren gegen Dumpingpreise und Verbraucher ekeln sich vor Bildern aus der Massentierhaltung: Was läuft eigentlich schief in der deutschen Lebensmittelproduktion?

Ulrich Hamm: Die Mehrheit der Verbraucher würde lieber Lebensmittel kaufen, die anders erzeugt wurden. Das Problem ist, dass es abgesehen von dem EU-Biosiegel und der verpflichtenden Kennzeichnung des Haltungssystems bei frischen Hühnereiern keine verlässliche und auch staatlich kontrollierte Kennzeichnung von Lebensmitteln gibt, anhand derer Verbraucher einfach erkennen können, dass Lebensmittel tiergerechter oder umweltfreundlicher erzeugt wurden.

Hätten wir z. B. verlässliche Kennzeichnungssysteme für die Haltung von Schweinen auf Stroh oder im Freiland ähnlich wie bei Eiern, könnten Verbraucher solche Produkte gezielt kaufen. Die höheren Preise dafür nehmen sie gern in Kauf. Billig-Eier aus Käfighaltung will kaum ein Verbraucher kaufen. Bei Schweinefleisch aus einer Haltung in engen Ställen auf Betonspaltenböden wäre das sicher ähnlich, wenn es Alternativen gäbe.

makro: Weil sie mit diesen Zuständen nicht einverstanden sind, greifen immer mehr Verbraucher zu Bioprodukten. Hilft das?

Ulrich Hamm: Ja, das hilft mit Sicherheit, insbesondere der Umwelt. Und die Tiere haben in der Bio-Landwirtschaft mehr Platz und weit überwiegend einen Auslauf ins Freie. Aber natürlich hat das auch seinen Preis. Andererseits müssen wir leider auch feststellen, dass viel zu wenige Landwirte in Deutschland auf Bio umstellen mit der Folge, dass immer mehr Bio-Lebensmittel auch von weit her importiert werden müssen. Das passt dann nicht zum ökologischen Gedanken.

makro: Was ist denn mit denjenigen Verbrauchern, die jeden Cent herumdrehen müssen? Werden sie sich damit abfinden müssen, dass Lebensmittel teurer werden?

Ulrich Hamm: Ja, das müssen sie. Wenn die Lebensmittel nicht teurer werden, werden es andere Dinge wie Trinkwasser oder die Krankenversicherung. Lebensmittel können bei uns heute nur deswegen so billig produziert werden, weil die Landwirtschaft für viele der in unserer Gesellschaft entstehenden Kosten nicht aufkommen muss. Die Aufbereitung von Trinkwasser ist durch die hohe Belastung mit Nitrat und Pflanzenschutzmitteln sehr teuer.

Welche Auswirkungen der viel zu hohe Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung für die menschliche Gesundheit und die Krankheitskosten hat, wissen wir nicht genau. Und welche Kosten die vielen aussterbenden Tier- und Pflanzenarten später einmal verursachen, wissen wir auch erst, wenn Öko-Systeme zusammenbrechen und z. B. Obstbaumblüten von Menschenhand bestäubt werden müssen. Dann wird es richtig teuer.

Sendedaten
makro
Billige Lebensmittel
Freitag, 25.11.2016, 21.00 Uhr
Wiederholung Sonntag 6.15 Uhr
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Zur Person
Prof. Dr. Ulrich Hamm
Ulrich Hamm ist Professor für Agrar- und Lebensmittelmarketing der Uni Kassel. Er gehört verschiedenen politischen Gremien an, darunter dem Bioökonomierat sowie dem wissenschaftlichen Beirat des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft. Ulrich Hamm ist Mitherausgeber der Zeitschrift "Organic Agriculture".
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