Mehr als die Hälfte der Deutschen zählt zur Mittelschicht. © dpa
Interview aus der SendungInterview aus der Sendung
Mehr als die Hälfte der Deutschen zählt zur Mittelschicht.
"Ende der Gemütlichkeit"
Die Angst der Mittelschicht
Die Diskussion über die schrumpfende Mitte der Gesellschaft hat Konjunktur. makro-Moderatorin Eva Schmidt sprach mit dem Soziologen Stephan Lessenich über berechtigte und unberechtigte Ängste.
Stephan Lessenich hält die Frage, ob nun die Mittelschicht etwas geschrumpft sei oder nicht, gar nicht für so zentral. Viel wichtiger sei, wie es um das soziale Netz steht, dass die Gesellschaft nach unten absichert. Das hält er für sehr grobmaschig und fordert "echte Umverteilung" nach unten.

makro: Die Frage, ob die Mittelschicht schrumpft oder nicht, spaltet Wohlfahrtsverbände wie Forschungsinstitute. Was ist Ihre Erkenntnis?

Stephan Lessenich: Vor allen Dingen die, dass man die Frage so eindeutig nicht beantworten kann. Selbst wenn man sich nur auf ein statistisches Maß wie das Nettohaushaltseinkommen bezieht, ist alles eine Frage der Abgrenzung jener Bevölkerungsgruppe, die man als Mittelschicht bezeichnen möchte.

Man kann schlicht absolute Einkommensgrößen wählen, z.B. alle Haushaltseinkommen zwischen 1.500 und 3.000 Euro pro Monat - die Grenzwerte kann man aber auch jeweils höher oder niedriger ansetzen. Man kann mit relativen Einkommenspositionen argumentieren und dann Haushalte mit einem Einkommen rund um den Durchschnittswert aller Haushalte als Mittelschicht fassen - oder aber rund um den Median (das ist der Wert, der die gesamte Einkommensverteilung in zwei gleich große Gruppen der "oberen" und der "unteren" Einkommen teilt).

Auch dann aber muss noch festgelegt werden, wo die "Mitte" anfängt und wo sie aufhört - bei 60% des mittleren Wertes auf der einen und bei 150% auf der anderen Seite? Oder bei 80% und 120%? Und dann gilt es, die Haushaltseinkommen auch noch zu gewichten, nach Zahl und Alter der Haushaltsmitglieder. Man sieht: Selbst ein bedingtes "Ja" oder "Nein" auf die Frage des Schrumpfens der Mittelschicht ist höchst voraussetzungsvoll und hängt an manchmal recht willkürlichen Entscheidungen.

Und dabei war bis hierher nur von Einkommen die Rede - nicht von Vermögen und Immobilienbesitz, nicht von Bildungsabschlüssen und Aufstiegschancen. Um der Frage aber dennoch nicht ganz auszuweichen: Mit einigem Grund wird man sagen können, dass die mittleren Einkommensschichten in Deutschland in den letzten zwei Jahrzehnten etwas weniger stark besetzt sind. Sie stellen aber immer noch die große Mehrheit der Bevölkerung dar.

<b>Einkommen in Deutschland</b><br /> Das bedarfsgewichtete Nettoeinkommen (auch: Äquivalenzeinkommen) berücksichtigt zur Vergleichbarkeit die Anzahl der Personen in einem Haushalt mittels eines Faktors. Dieser berechnet sich wie folgt: 1,0 für den ersten Erwachsenen + 0,5 für jede weitere Person ab 14 Jahren + 0,3 für jede Person unter 14 Jahren (Beispiel für 2 Erwachsene + 2 Kinder: 1+0,5+0,3+0,3 = 2,1). Das Äquivalenzeinkommen ergibt sich nun aus dem gesamten Haushaltseinkommen geteilt durch diesen Faktor. Unsere 4-köpfige Beispielfamilie liegt mit ihrem Äquivalenzeinkommen genau auf dem Median von 1758 ¤, wenn ihr gesamtes Nettohaushaltseinkommen 3692 ¤ beträgt. Einkommen in Deutschland: Wer weniger als 60% des Medianeinkommens verdient, gilt als armutsgefährdet. Reich ist man ab dem (mehr...)
<b>Einkommensschichten</b><br /> Nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) ist die Mittelschicht seit der Wiedervereinigung relativ stabil. Besonders breit war sie 1992, bis zur Verabschiedung der Schröderschen Reformen schrumpfte sie. Einkommensschichten: Nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft ist die Mittelschicht seit der Wiedervereinigung relativ stabil (mehr...)

makro: Lohnspreizung, prekäre Jobs, befristete Verträge: Erkaufen wir uns nicht die Rekordbeschäftigung in Deutschland, indem wir viele Menschen aus der Mittelschicht herausfallen lassen?

Stephan Lessenich: Das trifft meines Erachtens den wichtiger und triftigeren Punkt der Debatte rund um die Mittelschichten und deren Verunsicherung: Die wirtschaftlichen Ungleichheiten in dieser Gesellschaft sind größer geworden, zwischen Spitzenverdienern und Niedrigeinkommensbeziehern, aber auch zwischen der oberen und der unteren Mittelschicht.

Und das Beschäftigungssystem hat sich im letzten Jahrzehnt deutlich verändert. Das deutsche "Beschäftigungswunder" - nie waren hierzulande so viele Menschen erwerbstätig wie heute - beruht auf der Zunahme sowohl von "regulärer" sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung wie auch auf der von sogenannten "atypischen" Arbeitsverhältnissen: Leiharbeit und Teilzeitarbeit, befristete und geringfügige Beschäftigung.

Diese Formen der Beschäftigung sind für die Betroffenen nicht immer prekär - das hängt immer davon ab, wie viele Personen in einem Haushalt erwerbstätig sind. Aber für viele Frauen, insbesondere für Alleinerziehende, aber auch für jüngere Menschen und vor allen Dingen für Nicht-Deutsche sind gut bezahlte Arbeit, ein sicherer Arbeitsplatz und die Aussicht auf beruflichen Aufstieg keineswegs normal.

Deutschland hat einen der größten Niedriglohnsektoren in Europa, die Reallöhne haben hier für große Teile der Beschäftigten lange Zeit stagniert und Tarifverträge sind nicht selten ausgehöhlt worden. Der Beschäftigungsboom ist also nur eine Seite der Medaille.

makro: In Deutschland wurde die Mittelschicht bislang getragen von einem Sozialsystem, das die breite Mehrheit vor Risiken schützt. Wie gut ist es um dieses System bestellt?

Stephan Lessenich: Nun ja: Für manche gut, für andere deutlich weniger. "Hartz IV" ist ja zur Chiffre für das Ende der Gemütlichkeit in der sozialen Sicherung geworden - falls es diese jemals gegeben haben sollte. Denn bedingungslose Sozialleistungen hat es in Deutschland selbstverständlich niemals gegeben, auch wenn das von manchen Reformpolitikern und Wirtschaftsjournalisten immer mal wieder suggeriert wurde und wird.

Fest steht aber, dass mit den Hartz-Reformen ein neuer Wind ins deutsche Sozialsystem eingekehrt ist, und zwar ein deutlich kälterer. Wer allerdings einen stabilen und gut bezahlten Arbeitsplatz hat, wird in Deutschland immer noch gut geschützt. Anders sieht es bei Teilzeitbeschäftigten aus - in ihrer überwältigenden Mehrheit Frauen.

Oder bei Langzeitarbeitslosen, immerhin eine Million Menschen. Für sie hat der deutsche Sozialstaat nach wie vor kein anderes Angebot als niedrige Sozialleistungen, administrative Gängelung und ab und an öffentliche Beschämung. Und die Rentenreform zu Beginn des letzten Jahrzehnts zielte ja ganz offen auf eine massive Absenkung des gesetzlichen Schutzes vor den Risiken des Alters.

Eine der absurdesten Geschichten der jüngeren deutschen Sozialpolitik ist ja, dass irgendwann auch die politisch Verantwortlichen überrascht entdeckt haben, dass die Altersrente in Zukunft für viele Menschen nur noch auf Sozialhilfeniveau liegen wird. Dabei war das ein von Anfang an absehbarer Effekt der Reform. Übrigens einer sozialdemokratischen Reform, das nur am Rande.

makro: Wie machen wir den Sozialstaat zukunftsfähig?

Stephan Lessenich: Auch hier ist wiederum die Frage, was man damit meint. Seit längerer Zeit heißt "zukunftsfähig" ja nichts anderes als finanzierbar, insbesondere für die Arbeitgeberseite. Es gibt keine stärkere Triebkraft sozialpolitischer Reformen als die Entlastung der Unternehmen von "Lohnnebenkosten" und die Wahrung ihrer "Wettbewerbsfähigkeit".

Und natürlich des Schutzes vor der "Einwanderung in die Sozialsysteme" - eine der realitätsverzerrendsten Formeln der sozialpolitischen Debatte überhaupt, denn es ist gut belegt, dass Einwanderung unter dem Strich eine ökonomische Stütze des Sozialstaats ist. Aber mit dieser Einsicht kann man wohl politisch nicht punkten, auch nicht bei den Mittelschichten.

Wenn man "Zukunftsfähigkeit" hingegen so deutet, dass es auch in Zukunft einen Sozialstaat geben soll, der den sozialen Bedarfen großer Bevölkerungsmehrheiten gerecht wird, dann wird man wohl an die Grundprinzipien des deutschen Sozialstaatsmodells gehen müssen. Denn in vielen Bereichen, insbesondere in der gesetzlichen Rentenversicherung, aber zum Beispiel auch beim einkommensabhängigen Erziehungsgeld, gilt in der deutschen Sozialpolitik ja das Motto: Wer hat, dem wird gegeben.

Das ist angesichts der Zunahme "atypischer" Arbeitsverhältnisse und Beschäftigungsverläufe aber keine gute Idee. Oder jedenfalls nur für ausgesuchte Kreise. Viel problemangemessener wären sozialpolitische Reformen, die auf eine Bürgerversicherung zielen - und auf die möglichst weitgehende Anhebung der Mindestleistungen in den einzelnen Sicherungssystemen. Das hieße aber echte Umverteilung, und davon mag ja bei uns kaum jemand reden.

makro: Der Kanzlerkandidat der SPD, Martin Schulz, umwirbt die "hart arbeitende Mitte". Sie rackere sich ab und komme doch zu kurz. Ist die Mittelschicht tatsächlich zu stark vernachlässigt worden von der Politik?

Stephan Lessenich: Das ist der sozialpolitische Klassiker der sogenannten "Volksparteien" und allen voran der Sozialdemokratie: "Hart" arbeiten und sich an die Regeln halten - und dafür belohnt werden. Man muss nicht sehr lange nachdenken um darauf zu kommen, dass dies im Kern ein gesellschaftliches Spaltungsprogramm ist.

Denn wenn es "hart" arbeitende gibt, dann gibt es offensichtlich auch solche, die das nicht tun - und damit sind vermutlich nicht nur ein paar Superreiche, die von ihren Renditen leben, und eine Handvoll anarchistische Arbeitsverweigerer gemeint. Sondern eben auch Arbeitslose und Erwerbsunfähige, Hausfrauen und Asylbewerber, im informellen Sektor tätige Migranten und Migrantinnen. Dabei wird dort ebenso "hart" - was auch immer das sein mag - gearbeitet.

Oder die Leute in diesen Positionen, abseits des "produktiven Kerns" dieser Gesellschaft, würden sich wünschen, dem Bild, das Herr Schulz vom idealen Sozialbürger hat, entsprechen zu können: dass man sie also in guten Beschäftigungsverhältnissen arbeiten ließe. Nicht nur die "Mitte" arbeitet "hart". Und sie ist sicher nicht in der Breite und pauschal vernachlässigt worden - der deutsche Sozialstaat ist immer schon ein Mittelschichtssozialstaat.

Aber in den unteren Mittelschichten sind die Arbeits- und Lebensverhältnisse tendenziell prekärer geworden. Und die oberen Mittelschichten wollen sich nicht damit abfinden, dass es in Zukunft nicht immer weiter bergauf gehen wird, für sie und ihre Kinder. Das ist wohl der Kern des Unbehagens in der Mitte: Dass sie sich vielleicht daran gewöhnen muss, nicht mehr im Zentrum des Geschehens zu stehen.

Sendedaten
makro
Abstiegsängste der Mittelschicht
Freitag, 7. April 2017, 21.00 Uhr
Wiederholung Sonntag 6.15 Uhr
Zur Person
© Goetz SchleserProf. Dr. Stephan Lessenich
Stephan Lessenich ist Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Zuletzt erschien sein Buch "Neben uns die Sintflut - die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis" bei Hanser Berlin.
Interview
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