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"Es gibt verschiedene Kulturen, aber nur eine Zivilisation, die europäische." Dieser Satz stammt nicht etwa von einem AfD Wahlplakat, sondern vom "Vater der Türken". Mustafa Kemal Atatürk
"Es gibt verschiedene Kulturen, aber nur eine Zivilisation, die europäische." Dieser Satz stammt nicht etwa von einem AfD Wahlplakat, sondern vom "Vater der Türken". Mustafa Kemal Atatürk
Atatürks Traum zerbricht
Die Trennung von Religion und Politik verschwindet unter Erdogan
Der "Vater der Türken", Mustafa Kemal Atatürk glaubte an eine säkulare, westliche und emanzipierte Türkei, die religiöse Dogmen nicht länger der modernen Wissenschaft vorzog. Doch ebenso kompromisslos wie er damals den neu gegründeten Staat Türkei nach seinen Vorstellungen formte, tut dies heute Erdogan in die entgegengesetzte Richtung.
Für Atatürk hatte Religion nichts in der Politik verloren. Er verbot sämtliche religiöse Parteien und strich sogar den Islam als türkische Staatsreligion aus der Verfassung. Mit der Staatsgründung schaffte er zudem die islamische Rechtsprechung der Scharia ab, kriminalisierte die Polygamie und setzte ein Kopftuchverbot durch. In Zeiten, in denen in westlichen Ländern bereits die Diskussion über das Verbot der wesentlich konservativeren Burka kontrovers ist, kaum vorstellbar. Selbst vor der Sprache machte er nicht Halt und ersetzte die arabische Schrift durch die lateinische.

Während sich Atatürk nach einer säkularen Zukunft sehnte, will Erdogan zurück in die islamische Vergangenheit. Das Osmanische Reich ist in der Türkei ein ähnlich romantisierter Vergangenheitsmythos wie die Sowjetunion in Russland. Das Sehnen zurück nach alter Stärke. Früher war eben alles besser, findet auch Erdogan.

Die Religion als Machtinstrument
Das Präsidium für Religionsangelegenheiten, das dem Ministerpräsidenten untersteht, und die höchste religiöse Institution des Landes ist, wurde einst geschaffen um einen Konflikt von religiösen und politischen Interessen zu verhindern. Die Religion sollte mit ihrer Hilfe kontrolliert werden. Unter Erdogan ist es jedoch zum Macht- und Propagandawerkzeug umfunktioniert worden.


Nach dem Putsch wurde der türkische Präsident unter seinen Anhängern populärer als je zuvor. Dass die Bevölkerung am Abend des Putsches vor allem durch die Lautsprecheranlagen der Minarette mobilisiert wurden, zeigt: Die Trennung von Religion und Politik ist in der Türkei schon lange nur noch auf dem Papier vorhanden. Inzwischen ist das Militär, das in der Türkei seit jeher als eiserner Verteidiger des Laizismus gilt, durch politische Säuberungen völlig zahnlos. Atatürks Traum einer freien, nicht von religiösen Vorschriften gebundenen, Türkei ist tot. Erdogans Traum hingegen ist auf dem besten Weg Realität zu werden. Vielleicht hätten die Türken etwas mehr auf ihren "Vater" hören sollen.

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Die Erdogan-Hypothek
Freitag, 30.09.2016, 21.00 Uhr
Wiederholung Sonntag 6.15 Uhr
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