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Gemeinsam in eine Richtung zu gehen wäre wichtig für die Europäische Gemeinschaft. Doch davon ist sie momentan weit entfernt.
Gemeinsam in eine Richtung zu gehen wäre wichtig für die Europäische Gemeinschaft. Doch davon ist sie momentan weit entfernt.
Beziehungsstatus: Kompliziert
Von Einigkeit und Geschlossenheit ist man in Brüssel weit entfernt
Es war nie einfach im Hause Brüssel. Sich mit 28 Ländern auf gemeinsame Gesetze, Regelungen und Vorschriften zu einigen war schon immer ein schwieriger, belastender Prozess. Aber nun, nach dem Auszug Großbritanniens aus dem EU-Haus ist die Institution so verletzlich und brüchig wie nie zuvor. Inzwischen ist selbst die reine Existenz der EU bedroht.
Lange Zeit interessierte sich hierzulande kaum einer für die EU. Die Reisefreiheit und die gemeinsame Währung nahm man gerne in Anspruch, doch auseinandersetzen mit der lästigen Brüsseler Bürokratie wollte man sich nicht. Das änderte sich jedoch abrupt, als 2008 die Bankenkrise begann. Plötzlich ging es ums Zahlen. Exorbitante, ständig steigende Summen machten die Runde und der deutsche Bürger begann sich zu fragen: "Warum sollen wir eigentlich die Griechen retten?" Die Antwort aus Brüssel ließ nicht lange auf sich warten. Die EU sei eine Partnerschaft, in der die Starken den Schwachen helfen müssen. Alleingänge würden die gesamte Weltwirtschaft zerstören.

Kaum 8 Jahre später ist der Brexit beschlossene Sache und entgegen den scharfen Warnungen der EU-Parlamentarier, lassen die Reiter der Apokalypse weiter auf sich warten. Auch von der Eiszeit, die in der nordischen Mythologie das Ende der Welt einleitet, ist nichts zu spüren. Die Briten haben gezeigt: Es geht also doch! Mit dem Brexit verliert die EU nun nicht nur ihren zweitgrößten Nettozahler, sondern auch ihre Unantastbarkeit.

Für die EU wird es nun eng. In beinahe allen Mitgliedsländern erstarken die EU-kritischen Parteien, die man bereits tot geglaubt hatte. Wiederauferstanden durch den Brexit, wie ein Phönix aus der Asche. In der schweren finanziellen Lage ist der Wegfall Großbritanniens ohnehin eine Katastrophe. Ein System in dem die Starken den Schwachen helfen ist obsolet, wenn es keine Starken mehr gibt. Nur 12 der 28 EU-Staaten zahlen signifikant mehr als sie bekommen, 11 ohne Großbritannien. Den Wegfall des Inselstaates wird vor allem Deutschland, ohnehin schon der mit Abstand größte Zahler, schultern müssen. Gefundenes Fressen für die AfD.

Gemeinsam einsam
Ein gemeinsames Vorgehen wäre notwendig, doch die EU ist so zersplittert wie nie zuvor. Die omnipräsente Flüchtlingskrise spaltet jegliche Einigkeit, die nach der Eurokrise noch existiert hatte. Die osteuropäischen Mitgliedsländer verweigern sich den geplanten Verteilungsregelungen und sowohl in Frankreich als auch in Deutschland verlieren die Verfechter der offenen Grenzen zusehends an Stimmen. Nächstes Jahr sind Präsidentschaftswahlen in Frankreich und Bundestagswahlen in Deutschland. Gerade die kriselnden Südstaaten, die stark von den offenen Grenzen profitieren, blicken dem mit Sorge entgegen. Werden die Grenzen geschlossen, droht ihnen der Kollaps.

Klar ist: Von Einigkeit und Geschlossenheit ist man in Brüssel weit entfernt und ob die EU als Verbund konkurrierender, einander blockierender, Fraktionen eine Zukunft hat, fraglich.

Sendedaten
Freitag, 16. September 2016, 21.00 Uhr
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