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Genmanipuliertes Saatgut birgt nicht nur Risiken für die Käufer. Auch die Artenvielfalt leidet.
Genmanipuliertes Saatgut birgt nicht nur Risiken für die Käufer. Auch die Artenvielfalt leidet.
Die Saat des Bösen
Monsanto setzt Landwirte mit Knebelverträgen unter Druck
Der Konzern aus dem US-Bundesstaat Missouri macht seit Jahren negative Schlagzeilen. In Europa vor allem durch Genpflanzen und Glyphosat. In den USA, dem größten Agrarexporteur der Welt, vor allem durch seine fragwürdigen Geschäftspraktiken.
Fernab von der Dauerdiskussion um Genpflanzen und möglicherweise krebserregende Pflanzenschutzmittel könnte man meinen, Monsanto wäre in seiner amerikanischen Heimat deutlich beliebter als im umweltbewussten Europa, doch das Gegenteil ist der Fall. 2014 wurde das Unternehmen sogar zum drittunbeliebtesten Konzern in Amerika gewählt - nach der Bank of America und BP.

Die größten Gegner des Konzerns sind die Landwirte. Dabei will Monsanto gerade denen großzügig helfen: "Es ist unser Anliegen, Landwirten zu deutlichen Ertrags- und Produktivitätssteigerungen zu verhelfen. Durch jeden Landwirt auf der Welt, dem es gelingt, sich aus der Armut zu befreien, wird auch wiederum vielen anderen Menschen geholfen." Mit diesem Slogan wirbt Monsanto auf seiner Homepage.

Amerika ist der größte Produzent genmanipulierter Pflanzen. Monsanto der größte Anbieter genmanipulierten Saatguts. Da durch das US-Patentrecht sämtliche Rechte an Samen und Pflanze bei Monsanto liegen, führt der einzige Weg zum Anbau der Genpflanzen über einen Partnerschaftsvertrag mit Monsanto.

Der Landwirt wird zum Leibeigenen
Mit einer Partnerschaft haben die Verträge jedoch nur wenig zu tun. Mit seiner Unterschrift stimmt der Landwirt zu, dass er keinen Teil seiner Ernte zur erneuten Aussaat einbehält, wie es in der Landwirtschaft üblich ist. Stattdessen erklärt er sich bereit jedes Jahr aufs Neue Saatgut von Monsanto zu erwerben und zusätzlich anfallende Lizenzgebühren zu zahlen.
Der Vertrag gestattet Monsanto zudem sämtliche Anbauberichte aus dem US-Landwirtschaftsministerium einzusehen. So kann der Konzern sehr leicht nachvollziehen, ob die bestellte Menge an Saatgut auch mit der Menge der bestellten Felder übereinstimmt.

Auch beim Ankauf und Verkauf werden dem Bauern wenige Freiheiten gelassen. Kauft er Samen von Händlern, die nicht von Monsanto zertifiziert sind, verstößt er gegen das Patentrecht. Um eventuellen Verstößen auf die Spur zu kommen, hat Monsanto sogar eine kostenfreie Hotline eingerichtet, mit deren Hilfe Bauern ihre Nachbarn verdächtigen können. Auf diese Weise bekomme er Hunderte Hinweise jährlich, teilte der Konzern mit. Den Denunzianten wirkt als Belohnung die Aussicht auf eine Lederjacke.

Big Brother is watching you

© ap Um Proben für Monsato zu entnehmen werden auch schon mal illegal fremde Grundstücke betreten. Mehrere Bauern berichten zudem von belästigten Kunden, beschatteten Familienangehörigen und ausgesprochenen Drohungen.
Um Proben für Monsato zu entnehmen werden auch schon mal illegal fremde Grundstücke betreten. Mehrere Bauern berichten zudem von belästigten Kunden, beschatteten Familienangehörigen und ausgesprochenen Drohungen.
Sobald Monsanto den Verdacht hegt, ein Bauer könnte Saatgut einbehalten oder Monsanto-Samen ohne Vertrag anpflanzen, werden private Ermittlungsunternehmen beauftragt. Die nehmen Proben der Felder und machen Bilder.
Wenig später kommt meist eine schriftliche Androhung einer gerichtlichen Klage. Der Bauer wird aufgefordert, innerhalb einer Frist, eine festgelegte Summe zu zahlen oder neue Verträge abzuschließen. Tut er dies nicht, droht ein Gerichtsverfahren. Da diese in Amerika langwierig und kostspielig sind, entscheiden sich viele Landwirte zu zahlen, selbst wenn die Anschuldigungen nicht der Wahrheit entsprechen.

Erklärt sich der Bauer nicht zu einem außergerichtlichen Vergleich bereit, kommt es zur Klage. Außerdem landet er in der Regel auch gleich auf einer von Monsantos schwarzen Listen, die den Bauern vom Kauf von Monsanto-Produkten sowie Produkte von Partnerunternehmen ausschließen. Das Verfahren wird, wie im Vertrag vorgeschrieben, im Heimatstaat von Monsanto, Missouri geführt. Für den Großteil der Verklagten bedeutet dies, dass sie sich einen Anwalt außerhalb ihres eigenen Staates suchen, und für die Verhandlungstermine hunderte oder tausende von Kilometern reisen müssen. Die Chancen auf Erfolg sind für die Bauern jedoch gering.

Bis zum Jahr 2013 hat Monsanto fast 150 Prozesse wegen vermeintlichen Patentrechtsverletzungen geführt und sich eine zweistellige Millionensumme erstritten. Da die außergerichtlichen Einigungen fast immer mit einer Verschwiegenheitsklausel verbunden sind, kann man über deren Höhe nur mutmaßen. Sicher ist jedoch: Wer sich auf einen Vertrag mit Monsanto einlässt, bekommt wenig Rechte aber viele Pflichten, deren Verstöße die Insolvenz bedeuten können. Ob die versprochenen Ertragssteigerungen die Abhängigkeit von einem einzigen Großkonzern wert sind, muss jeder Bauer selbst entscheiden. In jedem Fall kann er sich sicher sein, dass er für Monsanto in erster Linie nicht mehr ist als ein potenzieller Straftäter.

Sendedaten
Freitag, 9. September 2016,
21.00 Uhr
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