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Der Anbau von Biomasse zur Energieproduktion kann zu Lasten des Nahrungsmittelanbaus gehen, weil es nicht beliebig viele Anbauflächen gibt.
Der Anbau von Biomasse zur Energieproduktion kann zu Lasten des Nahrungsmittelanbaus gehen, weil es nicht beliebig viele Anbauflächen gibt.
Essen oder Einwegbecher
Konkurrenz um die Nutzung landwirtschaftlicher Flächen
Zu viele Plastiktüten und -becher schaden der Umwelt. Daher setzen Forscher große Hoffnungen auf Biokunststoffe. Die sind allerdings nicht so unproblematisch, wie viele denken, warnt der Göttinger Agrarökonom Prof. Matin Qaim im Vorab-Interview mit makro-Moderatorin Eva Schmidt.
makro: Biokunststoffe könnten dazu beitragen, die weltweite Plastikschwemme einzudämmen. Was ist aus Ihrer Sicht daran bedenklich?

Matin Qaim: Mit Blick auf Umweltprobleme und Klimawandel werden wir unsere erdölbasierte Wirtschaft zunehmend auf nachwachsende Rohstoffe umstellen müssen. Für diesen Prozess wird häufig auch der Begriff Bioökonomie verwendet. Hierzu gehört unter anderem, Plastik schrittweise durch Stoffe zu ersetzen, die aus Pflanzen gewonnen werden können. Hierin steckt ein großes Potential, und das ist zunächst einmal gut.

Gleichzeitig dürfen wir aber nicht vergessen, dass der Anbau dieser Pflanzen zur Gewinnung von Biokunststoffen Boden, Wasser, Energie und Nährstoffe benötigt, also die gleichen Ressourcen, die auch zur Nahrungsproduktion gebraucht werden. Und diese Ressourcen werden zunehmend knapp. Es gibt also eine Konkurrenz zwischen der Produktion von Biokunststoffen und Nahrungsmitteln, vor allem dann, wenn die Nutzung von Biokunststoffen zukünftig stark ausgedehnt werden sollte.

makro: Das heißt also, die Konkurrenz wächst weiter, denn wir haben ja schon lange die Diskussion um die Biotreibstoffe, Stichwort "Tank gegen Teller". Wie gut sind wir da noch gewappnet für eine wachsende Weltbevölkerung?

Matin Qaim: Die Nachfrage nach Nahrungs- und Futtermitteln wird bis 2050 um 60 bis 70 Prozent wachsen. Es müssen nicht nur mehr Menschen ernährt werden, sondern gerade die Menschen in den Entwicklungsländern werden bei steigenden Einkommen auch mehr Fleisch und Milchprodukte konsumieren. Hinzu kommt die wachsende Nachfrage nach Agrarprodukten für die Bioökonomie inklusive der Biotreibstoffe. Die Agrarproduktion in gleicher Weise zu steigern, ohne dabei die Umwelt und die knappen Ressourcen zu überstrapazieren, ist eine große Herausforderung. Ich bin aber optimistisch, dass 10 Milliarden Menschen auf der Erde ohne weiteres ernährt werden können, wenn wir nachhaltige Technologien konsequent vorantreiben und nutzen.

makro: Hier stehen ja zwei Denkrichtungen gegenüber. Die einen setzen auf Agrochemie und Technik, die anderen auf Biolandbau und die Förderung kleinbäuerlicher Strukturen. Wer hat Recht?

Matin Qaim: Der Biolandbau ist ein Nischenmarkt, aber er taugt nicht als Modell für die Weltlandwirtschaft, weil die Erträge deutlich niedriger sind. Bisher macht der Biolandbau weniger als zwei Prozent der Weltlandwirtschaft aus. Wollte man die Welt allein mit Biolandwirtschaft ernähren, müsste man großflächig zusätzliche Wälder abholzen, um ausreichend Nahrung produzieren zu können.

Das Hauptproblem des Biolandbaus ist, dass er bestimmte Technologien kategorisch und ohne wissenschaftliche Begründung ablehnt. Hierzu gehört u.a. die Gentechnik. Moderne Technologien zu nutzen, heißt aber nicht zwangsläufig mehr Chemie und große Betriebsstrukturen. Neue Technologien können den Einsatz von Chemie reduzieren helfen. Und gerade in Asien und Afrika wird es darum gehen, geeignete Innovationen an den Kleinbauernsektor anzupassen.

makro: Aber ist die Gentechnik tatsächlich eine geeignete Innovation für Kleinbauern? Erhöht sie nicht vielmehr die Abhängigkeit von Saatzuchtfirmen, die mit entsprechenden Patenten Monopole bilden?

Matin Qaim: Bisherige Beispiele aus Indien und China belegen, dass Kleinbauern sehr deutlich von gentechnisch veränderten Sorten profitieren können, die übrigens dort nicht patentiert sind. Diese Sorten sind resistent gegen bestimmte Schadinsekten, so dass weniger Pestizide gespritzt werden müssen und die Bauern höhere Erträge und Einkommen erzielen. Aber nicht jede gentechnische Anwendung wird für Kleinbauern geeignet sein. Um sicherzustellen, dass die speziellen Bedürfnisse der kleinbäuerlichen Landwirtschaft ausreichend berücksichtigt werden, sollten wir die Forschung nicht den multinationalen Saatgutfirmen allein überlassen, sondern auch die öffentliche Agrarforschung weiter fördern.

makro: Die hoch umstrittenen Exportsubventionen der EU sind so gut wie abgeschafft. Wird dies der Landwirtschaft in afrikanischen Staaten auf die Beine helfen?

Matin Qaim: Der Agrarsektor stellt für einen Großteil der Armutsbevölkerung in Afrika die Hauptlebensgrundlage dar. Der Abbau der EU Exportsubventionen schafft fairere Wettbewerbsbedingungen für afrikanische Bauern, aber das allein reicht natürlich noch nicht für die Hunger- und Armutsbekämpfung. In Afrika muss mehr in Ausbildung, Infrastruktur, landwirtschaftliche Beratungssysteme und Technologie investiert werden, um ländliches Wachstum voranzutreiben. Das setzt Frieden und gute Regierungsführung voraus, Bedingungen, die leider nicht in allen Ländern Afrikas gegeben sind.

makro: Was wäre eigentlich, wenn wir endlich aufhören würden, so viele Lebensmittel wegzuwerfen? Würde das tatsächlich Menschen in ärmeren Staaten helfen?

Matin Qaim: Ja, indirekt schon. Alles, was wir kaufen, hat bei der Produktion und Verarbeitung Ressourcen wie Boden, Wasser, Energie und Nährstoffe verbraucht, und zwar egal ob wir es tatsächlich konsumieren oder wegwerfen. Wenn wir viel wegwerfen, verschwenden wir also Ressourcen. Und da die Ressourcen weltweit knapp werden, schadet dies nicht nur der Umwelt, sondern auch den Menschen in ärmeren Ländern, für die Lebensmittel teurer und damit weniger erschwinglich werden. Deswegen sollten wir alle bewusster und weniger verschwenderisch einkaufen und konsumieren.

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Zur Person
© Uni GöttingenLupeProfessor Dr. Matin Qaim
Matin Qaim ist Agrarökonom und lehrt seit 2007 an der Universität Göttingen Welternährungswirtschaft. Schwerpunkte seiner Forschung sind Fragen von Hunger und Armut ebenso wie die Entwicklung von Strategien zur Überwindung dieser Probleme. Viele seiner Forschungsprojekte beschäftigen sich mit dem Kleinbauernsektor in verschiedenen Ländern Afrikas und Asiens.
Info
Nachwachsende Rohstoffe gehören zu den erneuerbaren Ressourcen. Es sind Stoffe, die aus lebender Materie stammen und vom Menschen zielgerichtet für Zwecke außerhalb des Nahrungs- und Futterbereiches verwendet werden. Genutzt werden sie als Werkstoffe für Gebrauchsgegenstände und als Verbrauchsgüter. Beispiele sind Dämmstoffe, Schmierstoffe, Hydraulikflüssigkeiten, oder Arzneimittel. Die häufigsten Anwendungen sind Biokraftstoffe und die Wärmegewinnung, um die in ihnen enthaltene erneuerbare Energie zu nutzen.
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