Lei Jun, Gründer und Chef von Xiaomi, präsentiert seine neuesten Modelle. © dpa
Interview aus der SendungInterview aus der Sendung
Lei Jun, Gründer und Chef von Xiaomi, präsentiert seine neuesten Modelle.
Smartphones: Die Chinesen kommen
Attacke auf Apple und Samsung
"Chinesische Hersteller werden künftig eine deutlich wichtigere Rolle weltweit spielen", sagt der Marktforscher Hartmut Leuschner im Vorab-Interview mit makro-Moderatorin Eva Schmidt.
In der Mobilfunkbranche ist nichts sicher außer der Wandel. Das Smartphone wandelt sich zum Alleskönner, gleichzeitig drängen neue Unternehmen in den Markt. Noch stehen Apple und Samsung an der Spitze der Nahrungskette. Doch bereits im nächsten Jahr, sagt Hartmut Leuschner, werden chinesische Hersteller in Europa neue Geschäftsmodelle vorstellen.

makro: Die durchschnittliche Lebenszeit eines Smartphones wächst, die Geräte sind heute länger in Gebrauch als früher. Woher schöpfen die Hersteller nun das Wachstum?

Hartmut Leuschner: Das Wachstum im reinen Hardwaregeschäft findet nur noch bei ganz wenigen Herstellern statt, im Wesentlichen bei Apple, Samsung und Huawei, dem größten chinesischen Handyhersteller. Apple wächst durch das Erschließen neuer Verkaufsregionen wie Indien. Samsung verdrängt etablierte Hersteller wie Sony, HTC und LG im höherpreisigen Bereich und Huawei räumt alles darunter ab.

Was alle drei auszeichnet: Sie haben überdurchschnittliche Werbebudgets, mit denen die anderen Hersteller - zumindest außerhalb von China - nicht mehr mithalten können. Man darf nicht vergessen: Bis zu 90% der Profite bei Smartphones weltweit bleiben bei den Dreien hängen; alle anderen müssen sich mit den restlichen 10% begnügen und geben das Geschäft teilweise auf.

makro: Wenn Huawei heute also schon an dritter Stelle ist: Nehmen chinesische Hersteller den etablierten Unternehmen langsam das Geschäft ab?

Hartmut Leuschner: Chinesische Hersteller werden künftig eine deutlich wichtigere Rolle weltweit spielen. Erst im Juni hatte Huawei angekündigt, dass sie in 5 Jahren die Nummer 1 weltweit werden wollen. Aber hinter Huawei kommen einige Marken, die hierzulande noch unbekannt sind, aber in China, dem weltweit größten Smartphone-Markt, sowohl Apple als auch Samsung bereits ordentlich zu schaffen machen. Sie heißen z.B. Xiaomi, Oppo, Vivo und LeEco - letztere erwarte ich bereits im nächsten Jahr in Europa mit neuen Geschäftsmodellen.

makro: In Asien geht der Trend bereits zu größeren Smartphones. Wie sieht das Smartphone bei uns in Zukunft aus?

Hartmut Leuschner: Unsere regelmäßigen Marktbeobachtungen in China zeigen, dass sich die Nachfrage nach größeren Mobiltelefonen dort bei etwas über 50% der Geräte einpendelt, während hier in Deutschland bei manchen Händlern nicht einmal 10% der Geräte die großen Displays haben, was an der unterschiedlichen Nutzung liegt.

Bei uns kommen in den nächsten Jahren dafür Entwicklungen wie faltbare Displays auf den Markt oder Handys, die im Baukastenstil zusammengebaut werden können. Wir erwarten auch, dass Smartphones eher einmal in der Tasche bleiben, und die Funktionen und Steuerungen dafür sich auf Zusatzgeräte um das Handgelenk, im Ohr oder in der Kleidung verlagern.

makro: Das Telefonieren mit dem Smartphone nimmt weiter ab. Musik und Spiele werden immer wichtiger. Wird die Virtual-Reality-Brille dem Smartphone bald den Rang ablaufen?

Hartmut Leuschner: Nein. Beide werden sich ergänzen. Smartphones haben ja längst andere Aufgaben übernommen als bloßes Telefonieren. Kurznachrichten abrufen, chatten, navigieren, eMail checken, Schritte zählen, auch Bezahlen kann man mit dem Smartphone. All das sind Funktionen, die Virtual Reality nicht übernimmt.

VR mit seinem Fokus auf interaktives Konsumieren von Bild und Ton könnte langfristig eher dem Absatz von TV Geräten Probleme bescheren, wenn Sport, Spiele und Filme künftig vielleicht nur noch über eine Konsole und eine VR Brille konsumiert werden. Aber bis dahin ist es ein langer Weg, da die Technologie noch viele Kinderkrankheiten hat und zum Teil auch noch viel zu teuer ist.

makro: Gehen wir thematisch weg von Spiel und Unterhaltung und blicken nach Afrika, wo das Handy Entwicklungshilfe geleistet hat. Dort holen sich Bauern Kleinkredite, Marktpreise und Wetterinfos über das Mobiltelefon. Nun kommt auch der Verkauf von Smartphones in Schwung. Können sie dazu beitragen, Afrika aus der Armut zu führen?

Hartmut Leuschner: Das kann man so nicht pauschal beantworten. Es stimmt, dass der Aufbau von Mobilfunk-Netzwerken in Entwicklungsländern und der Anschluss der Bevölkerung an weltweite und an regionale Information essentiell sind, um wirtschaftlich benachteiligten Zonen die Chance zum Aufholen zu geben. Es wird geschätzt, dass in wenigen Jahren allein in der Sub-Sahara-Zone der Mobilfunkbereich bis zu 8% des Bruttosozialprodukts betragen wird.

Aber es gibt eben auch Reports aus Entwicklungsländern, nach denen die Ausgaben für Mobilfunk oft zu Lasten der Ausgaben für Ernährung gehen oder dass Schulgelder nicht bezahlt werden, weil das Geld in die Mobilfunkrechnung gesteckt wird. Dafür wächst nirgendwo das Bezahlen mit dem Mobiltelefon so schnell wie in Afrika und neue Firmen und Geschäftsmodelle entstehen, die ohne Mobilfunk nie möglich gewesen wären, wie etwa das regionale Versteigern landwirtschaftlicher Produkte.

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Sendungstip
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(Freitag, 2. September, 21.00 Uhr)
Zur Person
LupeHartmut Leuschner
Leuschner leitet den Bereich Global Network Communications bei dem New Yorker Research-Unternehmen OTR Global. Dort erstellt er mit seinem Team regelmäßig Trendanalysen zu den Themen Mobilfunk, Netzwerke, Cloud Services und neue Technologien. Hartmut Leuschner war viele Jahre Journalist und Kolumnist für deutsche Tageszeitungen und Industriemagazine, bevor er sich auf die Analyse internationaler Telekommunikationsmärkte spezialisierte.
Infografik
LupeKlarer Marktführer bei Smartphone-Verkäufen ist nach wie vor Samsung, gefolgt von Apple, wobei die Kultfirma aus Kalifornien die dickeren Gewinne einstreicht. Auf den Plätzen drei, vier und fünf folgen bereits chinesische Firmen, die stark aufholen.
Schwerpunkt
IT & Hightech
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