Donald Trump, Präsidentschaftskandidat der Republikaner, inszeniert sich als das Sprachrohr des kleinen Mannes. © ap
Interview aus der SendungInterview aus der Sendung
Donald Trump, Präsidentschaftskandidat der Republikaner, inszeniert sich als das Sprachrohr des kleinen Mannes.
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"Die Chancen für TTIP werden von Tag zu Tag kleiner"
"Donald Trump setzt auf eine isolationistische Wirtschaftspolitik", sagt Ökonom Matthias Fifka im Interview mit makro-Moderatorin Eva Schmidt. Damit liegt Trump voll im Trend.
Die TTIP-Gegner in Deutschland haben zwei wichtige Unterstützer hinzugewonnen: Donald Trump und Hillary Clinton. Trump ist kategorisch dagegen. Clinton fürchtet, TTIP werde zum Jobkiller in den USA. Doch warum wendet sich ausgerechnet das freieste Land der Welt gegen den Freihandel?

makro: Hat TTIP in den USA überhaupt noch eine Chance?

Matthias Fifka: Die Chancen werden von Tag zu Tag kleiner, denn dass sich die USA und die EU noch während der Amtszeit Obamas auf einen unterschriftsreifen Handelsvertrag einigen, grenzt an ein Wunder. Dafür ist man noch viel zu weit voneinander entfernt in nahezu allen Punkten. Dass die Verhandlungen unter einem Präsidenten Trump fortgesetzt werden würden, ist äußerst unwahrscheinlich. Er setzt auf eine isolationistische Wirtschaftspolitik.

Unter Clinton würde es möglicherweise eine Fortsetzung geben. Aber auch sie hat sich sehr skeptisch geäußert, wobei da sicherlich eine große Portion an Wahlkampfrhetorik dabei war. Und selbst für den sehr unwahrscheinlichen Fall, dass ein Vertrag ausgehandelt wird, muss dieser immer noch durch den Senat ratifiziert werden - und auch dort gibt es viele Mitglieder, die Freihandel massiv ablehnen.

makro: Warum bekommen die Freihandelsgegner plötzlich so viel Zulauf? Schließlich stehen die USA seit jeher für freien Handel und für freie Märkte.

Matthias Fifka: Dies liegt vor allem an der seit fast zehn Jahren andauernden schlechten oder bestenfalls labilen wirtschaftlichen Situation. Der kleine Aufschwung, den es seit zwei Jahren gibt, kommt bei vielen Amerikanern nicht an. Viele haben während der Wirtschaftskrise ihren Job verloren. Diejenigen, die noch oder wieder einen Job haben, verdienen schlecht oder nicht genug. Da hilft auch eine zurückgehende Arbeitslosenquote nicht viel.

Wirtschaftliche Not mischt sich in solchen Konstellationen leicht mit anderen, oft diffusen Ängsten vor "Überfremdung" und dem Verlust eines weißen, protestantischen Amerika. Das wiederum nährt die Befürchtungen, dass Immigranten weißen Amerikanern den Job wegnehmen oder Arbeitsplätze aufgrund von Freihandel ins Ausland verlagert werden.

makro: Arbeit schützt nicht vor Armut: Sind die sogenannten "working poor" diejenigen, die die Wahl am Ende entscheiden werden?

Matthias Fifka: Sie werden auf jeden Fall einen maßgeblichen Einfluss auf den Wahlausgang haben, auch weil ihre Zahl wächst. Das U.S. Census Bureau geht davon aus, dass bereits ein Drittel der Familien aus der "working class" unterhalb der Armutsgrenze lebt. Grund dafür sind die seit mehr als einem Jahrzehnt stagnierenden Realeinkommen am unteren Ende.

Traditionell sind diese "blue collar workers" (Industriearbeiter u. Handwerker, Anm. d. Red.) eine feste Klientel der Demokraten, aber Trump hat es geschafft, sie durch seine populistische Botschaft, Amerika wieder zu dem zu machen, was es einmal war, für sich zu gewinnen. Das ist eine Bedrohung für Hillary Clinton und Grund für sie, sich gegen Freihandel zu positionieren. Nicht vergessen werden darf zudem, dass auch immer mehr Menschen aus der "middle class" für solche Slogans empfänglich sind, weil sie durch die Wirtschaftskrise schon einen wirtschaftlichen Abstieg erfahren haben oder ihn fürchten.

makro: Werden Wirtschaftsthemen den kommenden Wahlkampf bestimmen?

Matthias Fifka: Ja, ganz eindeutig. US-Wahlkämpfe werden traditionell über innenpolitische Themen entschieden, außer in Zeiten schwerer außenpolitischer Krisen wie dem Vietnam-Krieg oder dem "War on Terror". Arbeitslosigkeit, Steuern, Wirtschaftswachstum und Realeinkommen stehen dabei ganz oben. Das waren die dominierenden Fragen im Vorwahlkampf, und sie werden es auch bleiben, falls nicht noch ein großer außenpolitischer Krisenfall eintritt. Trump hat seinen Wahlkampf in Verbindung mit verwandten Themen wie der Immigration auch stark darauf ausgerichtet.

makro: Falls TTIP scheitert: Werden sich die USA dann noch stärker als bisher dem pazifischen Raum zuwenden?

Matthias Fifka: Dafür ist ein Scheitern von TTIP gar nicht notwendig. Das ist bereits passiert. Der Vertrag für das Transpazifische Freihandelsabkommen (TPP) zwischen den USA und elf anderen pazifischen Anrainerstaaten liegt ausgehandelt vor. Diese geographische Ausrichtung hat mehrere Gründe. Zum einen sind die Handelsbeziehungen der USA zu vielen dieser Länder noch stärker ungeregelt, weshalb durch ein Abkommen viel erreicht werden kann.

Zum anderen ist das Wirtschaftswachstum in einzelnen Vertragsstaaten auch auf absehbare Zeit hoch, in Vietnam oder Malaysia beispielsweise. Die hohen einstelligen oder gar zweistelligen Wachstumsraten machen solche Länder zu interessanten Märkten, die zudem einen großen Nachholbedarf an Konsum haben. Mit Europa sind die Handelsbeziehungen schon sehr gut, das darf man nicht vergessen. Natürlich ist auch hier noch Luft nach oben, was Zölle und Regulierung betrifft, aber die ist schon wesentlich dünner als im asiatischen Raum.

Sendedaten
makro
Clinton versus Trump
Freitag, 22. Juli 2016, 21.00 Uhr
Wiederholung Sonntag 6.15 Uhr
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Zur Person
Prof. Dr. Matthias Fifka
Matthias Fifka ist Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Erlangen-Nürnberg. Schwerpunkte seiner wissenschaftlichen Arbeit sind Unternehmensethik, Corporate Social Responsibility und internationale Wirtschaftsbeziehungen. Er beschäftigt sich seit 16 Jahren mit dem Wirtschaftssystem der USA und ist u.a. Visiting Professor an der University of Dallas.
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