"Das gibt es wie Sand am Meer". Dieser Satz gehört in die Geschichtsbücher. © dpa
Interview aus der SendungInterview aus der Sendung
"Das gibt es wie Sand am Meer". Dieser Satz gehört in die Geschichtsbücher.
"Die Situation ist ernst"
Sand wird knapp
Sand ist einer der wichtigsten Rohstoffe. Doch die Vorräte gehen zur Neige. Das hat Folgen, sagt Küstengeologe Klaus Schwarzer im Interview mit makro-Moderatorin Eva Schmidt.
makro: Sand wird knapp: in Asien versinken Inseln im Meer, in Nordafrika verschwinden Strände. Und die USA geben Milliarden dafür aus, ihre Küsten zu retten. Wie ernst ist die Situation?

Klaus Schwarzer: Die Situation ist schon ernst. Aber vielleicht müssen wir erst einmal darüber sprechen, was man unter dem Begriff "Sand" versteht. Sand ist strenggenommen nichts anderes als die Bezeichnung für eine Korngröße. Sand umfasst Körner der Größen von 0,063 mm bis 2 mm Durchmesser. Es ist also in der Regel ein Gemisch aus Körnern verschiedener Größe und auch verschiedener Mineralzusammensetzung. Der Sand an den Stränden unserer Nordseeinseln besteht zum überwiegenden Teil aus dem Mineral Quarz. Geht man an die Strände der Malediven, so besteht der Sand ausschließlich aus Körnern kleingemahlener Korallen und Muscheln, also Karbonat.

An Land sind viele dieser Vorräte schon abgebaut, so dass sich der Abbau heute immer mehr in die küstennahen Meeresgebiete verlagert. Sandböden sind aber auch eine Lebensgrundlage für viele Organismen, die im Meer leben. Ein unkontrollierter Sandabbau würde diese Lebensräume sehr stark beeinträchtigen. Die Situation wird auch deshalb noch ernster werden, weil wir wissen, dass der Meeresspiegel steigt. Das führt zu einem Rückgang der Küsten, dem man mit zusätzlichem Eintrag von Sand entgegenwirkt, wodurch sich der Sandbedarf weiter erhöhen wird.

makro: Sand ist neben Wasser der meistgenutzte Rohstoff auf der Welt. Sand steckt in Beton und Glas, in Waschmitteln, Handys und Flugzeugen. Gehen wir zu verschwenderisch damit um?

Klaus Schwarzer: Ja. Das liegt mit daran, dass wir uns keine Gedanken darüber machen, woher der Sand denn eigentlich kommt. Wir haben zwei große Quellen. Am Meeresboden weiter draußen vor den Küsten sind die Quellen vor Jahrtausenden entstanden, zu Zeiten als der Meeresspiegel tiefer lag als heute. Flüsse haben diese Sande dorthin gespült. Das geschah zum letzten Mal vor ca.20.000 Jahren, als der Meeresspiegel ca. 120 m unter seinem heutigen Niveau lag. Weite Meeresbereiche, wie z.B. die Nordsee, lagen trocken. Werden diese Sande auf dem Schelf abgebaut, gibt es keine Erneuerung.

Die zweite Quelle sind unsere großen Flüsse, in denen Material von den Gebirgen bis zum Meer transportiert wird und dabei die Gesteinsbrocken auf Sandkorngröße zerkleinert werden. Dieses Material ist der Nachschub für die Strände. Der Bau von Staudämmen gerade in den großen Flüssen verhindert aber heute, dass dieses Material bis an die Küsten gelangt. Und der wenige Sand, der dennoch in den Flüssen vorhanden ist, wird bereits zu Bauzwecken aus den Flüssen entnommen.

makro: Es klingt paradox: Die Wüstenstaaten am Golf importieren Sand aus Australien, um daraus Wolkenkratzer zu bauen. Wie kann das sein?

Klaus Schwarzer: Die Wüstenstaaten am Golf sind umgeben von Wüsten - also viel Sand, aber dieser Sand eignet sich nicht für Baumaßnahmen. Er wurde nicht durch Wasser, sondern durch den Wind transportiert. Durch Wind transportierter Sand ist aber feiner, er ist besser sortiert, was heißt, dass das Kornspektrum sehr eng ist. Zudem sind die Körner runder. Durch Wasser transportierte Sande sind gröber, eckiger und das Kornspektrum ist breiter. Das gibt den durch Wasser transportierten Sand viel mehr Stabilität, da sich in den Zwischenräumen der größeren Körner kleinere Körner verkanten können.

makro: Können wir Sand nicht recyceln? Bei Wasser zum Beispiel gibt es ja im Hinblick auf die Wiederaufbereitung erhebliche Fortschritte.

Klaus Schwarzer: Das Recyceln ist nicht ganz so einfach, wie man glaubt. Viel Sand wird für Aufspülungen an Küsten benötigt, die im Rückgang begriffen sind. Diese Sandaufspülungen müssen in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen wiederholt werden, weil der Sand wieder abgetragen und wegtransportiert wird.

Nun könnte man glauben, man bräuchte nur an die Stelle zu gehen, zu der der Sand transportiert wird und ihn von dort an den Strand zurückspülen. Bei dem Transport verändert sich aber die Kornzusammensetzung, denn feineres Material wird mehr in Richtung offene See weggespült, das gröbere lagert sich küstennäher ab. Der wiedergewonnene Sand würde sich nicht so lange am Strand halten, wie der, der weggespült wurde. Beton, in dem viel Sand verarbeitet ist, wird aber heute schon recycelt und wieder von der Bauindustrie genutzt.

makro: Es gibt also beim Beton erste Recycling-Erfolge, aber dennoch fließt nach wie vor der meiste Sand in die Betonherstellung. Können wir in Zukunft noch so weiter bauen wir bisher?

Klaus Schwarzer: Sicher muss man über Bautätigkeiten nachdenken. Das Aufspülen künstlicher Inseln, um darauf Touristenresorts zu errichten, wie es in den arabischen Emiraten geschehen ist, gehört sicher in die Kategorie "nicht notwendig". Wir hören aus vielen Ländern von einem ungebrochenen Bauboom, wo dann die Gebäude als Spekulationsobjekte genutzt werden. Wir sehen in Urlaubsregionen Südeuropas Bauruinen, weil wirtschaftliche Schwierigkeiten den Weiterbau verhindert haben. Eine nachhaltigere Planung im Vorfeld könnte so etwas verhindern.

Was sich ändern muss? Wir haben gelernt, wie wichtig die Ressource Wasser ist. Ähnliches müssen wir über den Sand lernen. Für etwas, das in großer Menge vorhanden ist, nutzen wir immer noch die Redewendung "Das gibt es wie Sand am Meer". Dieser Satz gehört in die Geschichtsbücher.

Sendungstip
© apRohstoff Sand
Die Welt giert nach Sand. Hauptverbraucher ist die Bauwirtschaft. Autobahnen, Bahntrassen, Hochhäuser, die Urbanisierung Asiens - all dies verschlingt gigantische Mengen Sand. Und lockt die Räuber.
(Freitag, 15. Juli, 21.00 Uhr)
Zur Person
© Christian-Albrechts-Unibversität KielLupeDr. Klaus Schwarzer
Klaus Schwarzer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Geowissenschaften der Universität Kiel. Er beschäftigt sich seit 30 Jahren mit dem Thema Sand. Seine Forschungsschwerpunkte sind Küstenentwicklung, Küstenprozesse, Sedimenttransport und die Kartierung des Meeresbodens mit hydroakustischen Methoden. Klaus Schwarzer hatte Forschungsaufenthalte in Brasilien, Madagaskar, Malaysia, Thailand, Vietnam und in den verschiedenen Ostseeanrainerstaaten.
Schwerpunkt
Rohstoffe