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Vorschau
Sendung am 27. Oktober
Umbau der Alpen
Der Klimawandel bedroht den Wintersport. Viele Skigebiete in den Alpen sind nicht mehr schneesicher. Geröll- und Verkehrslawinen sowie die massive Verstädterung zeigen die Schattenseiten des Massentourismus.
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Rückblick
Sendung vom 13. Oktober
Sucht nach Soja
Die Sojabohne hat Wachstumsraten wie kaum eine andere Nutzpflanze der Welt. Sie steckt in Schokolade, Treibstoffen und im Futter für die Tiermast. Doch der weltweite Soja-Boom hat gravierende Folgen für Mensch und Umwelt.
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Interview aus der makro-Sendung ansehen © reuters Video
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Kredit gegen Reform
"Sparpolitik der Weimarer Republik"
"Seit 2010 hat die Regierung ihre Ausgaben um ein Drittel gesenkt", sagt der Ökonom Fabian Lindner im Vorabinterview mit makro-Moderatorin Eva Schmidt. Droht ein weiteres griechisches Drama?
In den Verhandlungen um frisches Geld für Griechenland wird wieder einmal die Zeit knapp. Noch im Mai soll es einen Kompromiss auf neue Spar- und Reformauflagen geben, wie die Euro-Finanzminister in dieser Woche in Aussicht gestellt haben.

makro: Finanzminister Wolfgang Schäuble geht davon aus, dass wir in diesem Sommer keine Griechenland-Krise erleben. Teilen Sie seinen Optimismus?

Fabian Lindner: Nein. Seit dem großen Drama zwischen der griechischen Regierung und ihren Kreditgebern im vergangenen Jahr sind die Konflikte nicht geringer geworden. Griechenlands Wirtschaft liegt weiter am Boden, die soziale Situation verschlimmert sich täglich und der politische Widerstand gegen die immer neuen und kontraproduktiven Sparprogramme lässt nicht nach. Auch die Kreditgeber sind untereinander zerstritten. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat ganz andere Vorstellungen als Finanzminister Schäuble und der ist sich wiederum mit vielen anderen europäischen Finanzministern uneinig. In dieser Gemengelage ist ein Abschluss der jetzt laufenden Verhandlungen über neue Kredite sehr schwer - und wenn das neue Geld nicht schnell kommt, droht Griechenland wieder die Pleite. Ab Juni stehen hohe Schuldenrückzahlungen an, die das Land nur mit neuen Krediten leisten kann.

makro: Wolfgang Schäuble ist strikt gegen Schuldenerleichterungen für Griechenland. In der Euro-Gruppe scheint dafür aber die Mehrheit zu bröckeln. Müssen wir mit einem weiteren Schuldenschnitt für Griechenland rechnen?

Fabian Lindner: Ein Schuldenschnitt wie 2012 - in dem vor allem Banken ihre Forderungen reduzieren mussten - ist nicht zu erwarten, weil vor allem die Bundesregierung blockiert. Aber etwas weichere Maßnahmen schon: So könnte die Laufzeit neuer Kredite ausgeweitet werden oder Zinsforderungen könnten gesenkt werden. Es wäre auch denkbar, die Rückzahlung von Schulden an die Entwicklung der griechischen Wirtschaftsleistung zu koppeln. All das würde Griechenland mehr Luft zum Atmen geben. Auch aus Gläubigersicht wären das gute Optionen, denn wenn die griechische Regierung einfach nicht mehr zahlen kann, droht der unkoordinierte Schuldenschnitt.

makro: In Griechenland gibt es massive Proteste gegen die Renten- und Steuerreform. Nun hat die Berliner European School of Management and Technology, ESMT, eine Studie vorgelegt, aus der hervorgeht, dass nicht einmal fünf Prozent der Finanzhilfen im Athener Haushalt landeten. Stimmt der alte Vorwurf also doch, dass Europa seine Banken, aber nicht seine Bürger gerettet hat?

Fabian Lindner: Ja. Das meiste Geld, das die Griechen als Kredit von Europa und dem IWF erhalten haben, ist nicht in Griechenland angekommen. Damit wurden die griechischen Schulden bei den Banken zurückgezahlt. Das gilt auch für die anderen Krisenländer Irland und Portugal. Insofern sind durch diese "Hilfskredite" vor allem französische und deutsche Banken - die größten Gläubiger der Krisenländer - gerettet worden. Die Griechen hatten von dem Geld nichts: Ihre Wirtschaftsleistung ist seit 2010 um ein Viertel gesunken, die Arbeitslosigkeit liegt weiterhin bei 25 Prozent.

makro: Geht es um Griechenland und seine Schulden, heißt es in Deutschland schnell, Griechenland habe zu sehr über seine Verhältnisse gelebt. Aber hat Deutschland tatsächlich ausreichend Grund, sich mit seiner Sparmentalität auf die Schulter zu klopfen?

Fabian Lindner: Es ist schon richtig, dass der griechische Staat bis zur Krise über seine Verhältnisse gelebt hat. Trotz eines enorm hohen Wirtschaftswachstums seit Beginn seiner Euromitgliedschaft war der Staat ständig im Defizit und hat immer mehr Schulden aufgehäuft. Insofern musste die griechische Regierung nach Ausbruch der Krise auch sparen. Das Problem ist aber nicht das Sparen als solches sondern das Ausmaß: Seit 2010 hat die Regierung ihre Ausgaben um ein Drittel gesenkt. Historisch ist das nur vergleichbar mit der Sparpolitik der Weimarer Republik in den frühen 1930er Jahren. Damals war Deutschland in der Situation, in der heute Griechenland ist: Das Land war stark im Ausland verschuldet, und die Gläubiger bestanden trotz Wirtschaftskatastrophe auf die strikte Bedienung ihrer Forderungen. Die Sparpolitik verschlimmerte die Wirtschaftskrise und führte zur Massenarbeitslosigkeit - ein wichtiger Grund für die Wahlerfolge der Nazis. Insofern sollten gerade die Deutschen wissen, dass Sparen ohne Maß und Mitte nicht nur wirtschaftlich sondern auch politisch katastrophal sein kann.

makro: Vor einem Jahr hatten wir eine regelrechte Grexit-Hysterie, jetzt diskutieren wir über einen möglichen Brexit. Wird die Aufspaltung Europas das große Thema bleiben in den nächsten Jahren?

Fabian Lindner: Das ist eine ernsthafte Gefahr. Europa gilt vielen als Symbol für eine verfehlte Wirtschaftspolitik, die auch sechs Jahre nach Ausbruch der Eurokrise kaum etwas gegen die Massenarbeitslosigkeit in vielen Krisenländern unternommen hat. Besonders viele junge Menschen sind weiterhin arbeitslos und sehen keine Perspektive, sich ein selbständiges Leben aufzubauen. Bei diesem gesamteuropäischen Versagen ist es kein Wunder, dass sich viele Menschen wieder nach mehr nationaler Souveränität sehnen, weil sie sich davon mehr Freiraum zur Bewältigung ihrer Probleme erhoffen. Es ist allerdings fraglich, ob diese Hoffnung bei der starken Verflechtung der europäischen Wirtschaft realistisch ist. Die europäischen Institutionen müssten zusammen mit den nationalen Regierungen also mehr tun, um die europäische Arbeitslosigkeit endlich entschieden zu bekämpfen.

Sendedaten
makro
Griechenland vor dem Kollaps?
Freitag, 13. Mai 2016, 21.00 Uhr
Alles zur Griechenland-Sendung
© reutersGriechenland vor dem Kollaps?
Rentenreform, Privatisierungen, Steuererhöhungen. Die griechische Regierung muss weiter die Auflagen für neue Hilfsgelder umsetzen. Proteste dagegen legten jüngst das Land lahm.
Zur Person
© privatDr. Fabian Lindner
Fabian Lindner forscht am Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung der Hans-Böckler-Stiftung und leitet dort das Referat "Allgemeine Wirtschaftspolitik". Im Moment lehrt er als Vertretungsprofessor Volkswirtschaftslehre an der TU Chemnitz. Er schreibt regelmäßig für den Zeit-Blog "Herdentrieb" und ist Mitglied des EZB-Schattenrats des Handelsblatts.
Schwerpunkt
Die Akte Griechenland
Seit 2010 beschäftigt sich makro immer wieder mit den Hellenen und ihrer nicht enden wollenden Schuldenkrise.