Freitag 21.00 Uhr
Kalender
Oktober 2017
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
25
26
27
28
29
30
01
02
03
04
05
06
07
08
09
10
11
1213
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
01
02
03
04
05
Vorschau
Sendung am 27. Oktober
Umbau der Alpen
Der Klimawandel bedroht den Wintersport. Viele Skigebiete in den Alpen sind nicht mehr schneesicher. Geröll- und Verkehrslawinen sowie die massive Verstädterung zeigen die Schattenseiten des Massentourismus.
Navigationselement
Rückblick
Sendung vom 13. Oktober
Sucht nach Soja
Die Sojabohne hat Wachstumsraten wie kaum eine andere Nutzpflanze der Welt. Sie steckt in Schokolade, Treibstoffen und im Futter für die Tiermast. Doch der weltweite Soja-Boom hat gravierende Folgen für Mensch und Umwelt.
Navigationselement
Notausgang gesucht: In diesem geheimen Bunker in Cochem hortete die Bundesbank zur Zeit des kalten Krieges 20 Mrd. D-Mark. © reuters Lupe
Notausgang gesucht: In diesem geheimen Bunker in Cochem hortete die Bundesbank zur Zeit des kalten Krieges 20 Mrd. D-Mark.
Economy 0.0
Die verschlungenen Pfade der Nullzinswelt
Notenbanken fluten die Welt mit einem geldpolitischen Breitbandantibiotikum. Es verändert die Regeln der Ökonomie und die Anreizsysteme für alle Beteiligten - Privatleute, Firmen, Staaten. Mit überraschenden Effekten.
Auf dem letztjährigen Weltwirtschaftsforum in Davos wurde eine simple aber entscheidende Frage diskutiert: Who runs the world? Wirtschaftlich sind es die Notenbanken. Bedeutsam waren sie immer, aber seit der Finanzkrise haben sie die Zügel fester in der Hand, denn je. Sie führen die Weltwirtschaft in eine Zukunft, in der die Regeln des Kapitalismus neu geschrieben werden. Neben dem klassischen Instrument der Zinspolitik haben sie die direkte Intervention an den Anleihemärkten für sich entdeckt. Und noch ein paar andere coole Apps.

Es ist der Aufbruch in eine terra incognita. Bekannt aus dieser neuen Welt sind eigentlich nur zwei Dinge. Erstens: Alle sind dabei - Verbraucher, Firmen, Staaten. Zweitens: Gemessen an dem, was wir kennen, ist diese Welt total verrückt.

Verrückte Welt
Wenn sich heute jemand Geld leiht, werden die Zinsen von demjenigen bezahlt, der das Geld verleiht. Konsequent zu Ende gedacht eröffnet das ganz neue Perspektiven im Leben. Zum Beispiel den Anreiz, sich für das Alter zu verschulden. Je höher die Verschuldung, desto umfassender die Vorsorge. Unten ist oben und oben ist unten. Verrückterweise gehört es zu den Verrücktheiten innerhalb dieser verrückten Welt, dass die Leute von den neuen Möglichkeiten noch relativ wenig Gebrauch machen. Tatsächlich sparen sie. Und zwar umso eifriger, je mehr es sie kostet!

Die meiste Erfahrung mit der neuen Geldpolitik hat Japan. Dort wird schon seit 25 Jahren mit den neuen Instrumenten experimentiert (siehe rechts "Geholfen hat alles nichts"). Den weltweiten Durchbruch erfuhr die interventionistische Notenbankpolitik mit dem beherzten Eingreifen der US-amerikanischen Federal Reserve (Fed) in der globalen Finanzkrise. Alle relevanten Zentralbanken, auch die Bank of England (BoE), sind auf den Zug aufgesprungen. Zuletzt auch die EZB - just zu einem Zeitpunkt, als die Amerikaner laut darüber nachdachten, das Experiment wieder zu beenden (woran sie fürs Erste gescheitert sind).

Entscheidend is auf'm Platz
Unmittelbares Ziel der Fed war, die Implosion des Weltfinanzsystems zu stoppen. Für die EZB hatte 2012 oberste Priorität, ein Auseinanderfliegen der Eurozone zu verhindern. Beide Operationen sind geglückt - um einen Preis, den wir heute noch nicht kennen, der aber voraussichtlich Anlageblasen beinhaltet und wachsende systemische Instabilitäten der Finanzordnung. Seither geht es den Notenbanken darum, der lethargischen Wirtschaft auf die Sprünge zu helfen.

Dabei stoßen sie in der Praxis schnell an Grenzen. Ein wichtiges Kriterium ist zum Beispiel die Kreditvergabe. Zu diesem Zwecke belegt die EZB Geschäftsbanken mit einem Strafzins, falls sie ihr Geld bei der EZB parken (der Einlagenzins liegt bei -0,4%), anstatt es zu verleihen und so in den Wirtschaftskreislauf zu bringen. Trotzdem werden kaum mehr Kredite vergeben als auslaufen. Gemessen an der Radikalität der Maßnahmen und den damit verbundenen Implikationen ist das Ergebnis ausgesprochen mager (siehe Infokasten "Kreditvergabe"). Und selbstverständlich gibt es neben dem Einlagenzins viele Faktoren, die auf die Kreditvergabe einzahlen: das regulatorische Umfeld, Gesundheit der Banken, zuvorderst aber der Grad der Zuversicht in die gesamtwirtschaftliche Entwicklung.

Unternehmen investieren weniger
Blicken wir nach Dänemark. Dort sind die Zinsen bereits länger negativ, als irgendwo sonst auf der Welt. Der Grund: Um dem Aufwertungsdruck der dänischen Krone gegenüber dem Euro entgegenzuwirken, hat die dortige Notenbank schon früh Anlagen in Kronen durch negative Zinsen unattraktiv machen müssen. Der Einlagenzins liegt heute bei -0,75%.

Trotzdem nutzen Unternehmen diese günstigen Finanzierungsbedingungen kaum für Investitionen. Der große dänische Energieversorger Dong Energy hat gerade, um Strafzinsen zu vermeiden, seinen Cashbestand verwendet und eigene Anleihen im Wert von 650 Mio. Euro zurückgekauft. In der neuen Nullzinswelt ist das vernünftig: Man baut Schulden ab, verbessert die Bonität, vermeidet Kosten, scheut Risiko. Mit Blick auf unternehmerisches Wachstum und übertragen auf eine Volkswirtschaft ist es eine Bankrotterklärung.

Sparer sparen mehr
Und was machen Privatleute bei negativen Zinsen? Sie sparen mehr! In Dänemark lag die Sparquote in den beiden Jahrzehnten vor Einführung negativer Zinsen bei 21,3% der Wirtschaftsleistung. 2016 rechnet die Regierung mit 26%. "Negative Zinssätze sind kontraproduktiv", sagt Kasper Ullegaard, Währungsexperte des Pensionsfonds Sampension in Kopenhagen. Das Umfeld veranlasse die Leute mehr zu sparen, um ihre Kaufkraft zu erhalten und lasse sie zu noch konservativeren Anlagen greifen, weil zukünftige Renditen und Risiken so unklar seien. "Schlussendlich werden negative Zinsen den gegenteiligen Effekt haben als der intendierte", führt er fort. "Sie werden die Kreditvergabe eher einschränken als ausweiten."

Es ist beileibe kein dänisches Phänomen. In Japan verhalten sich Sparer ähnlich. Überhaupt ziehen sich Privatleute und Unternehmen in der entwickelten Welt in ihr Schneckenhaus zurück. Sie sind mit großer Sorge erfüllt vor der Instabilität der globalen Wirtschaftsordnung und deren Zukunft. Diese Sorge wird durch die monetären Notstandsmaßnahmen der Notenbanken eher genährt als gemindert. Die Leute haben Angst, dass Notenbanken heute eine ähnliche Finanzakrobatik betreiben wie Investmentbanken und am Ende den mühsam erarbeiteten Wohlstand verspielen.

Das Orakel der Bondmärkte
Nirgendwo zeigt sich diese Verunsicherung deutlicher als an den Bondmärkten. Käufe der Zentralbanken und Angst der Anleger haben die Anleihepreise auf Rekordhoch getrieben und die Renditen in den Keller. 10jährige Bundesanleihen bringen aktuell nur 0,22%, in Japan sind selbst 10jährer mit -0,13% noch negativ (siehe Infografik "Zinskurve"). Das heißt auf deutsch: In den nächsten 10 Jahren rechnet niemand mit einem nennenswerten Wachstum.

Noch ernüchternder ist der Blick auf die Super-Langläufer. Nichts ist so gefragt wie die. Die Leute kaufen 30jährige Bundesanleihen und sind mit 0,92% Rendite zufrieden. Das sagt viel über die Zukunft. Frankreich hat im April eine 50jährige Anleihe emittiert, Irland gleich einen Hundertjährer - zu 2,25%. Investoren sind bereit, einem Gerade-noch-Pleite-Staat zu einem Mickerzins auf 100 Jahre Geld zu leihen anstatt es unternehmerisch zu investieren.

Die Notenbanken - oftmals getrieben durch Reformverweigerung von Regierungen, das sei hier der Fairness halber ausdrücklich erwähnt - haben eine verrückte Welt geschaffen. Mit bedenklichen Methoden, fragwürdigen Anreizsystemen für Privatleute, Firmen, Staaten und unbeabsichtigten Konsequenzen: Die längstmögliche Wette auf eine stagnierende Wirtschaft erfreut sich der größten Beliebtheit.

Sendedaten
makro
Die Nullzinsfalle
Freitag, 6. Mai 2016, 21.00 Uhr
Wiederholung Sonntag 6.15 Uhr
Alles zur Nullzins-Sendung
Die Nullzinsfalle
Die Sparer in Europa leben seit Jahren mit einem Mini-Zins und zukünftig ganz ohne. Denn erstmals überhaupt hat die EZB in Frankfurt den Leitzins auf null gesenkt.
Vorabinterview
"Grenzen der Geldpolitik"
Der ehemalige EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark, 2012 aus Protest zurückgetreten, sagt im Vorabinterview mit makro-Moderatorin Eva Schmidt, eine abrupte Umkehr der EZB-Politik sei überhaupt nicht mehr möglich.
Kreditvergabe
LupeDie EZB belegt Geschäftsbanken seit 2014 mit einem Strafzins, falls sie ihr Geld bei der EZB parken, anstatt es zu verleihen und so in den Wirtschaftskreislauf zu bringen. Diesen Strafzins hat die EZB in ihrem März-Treffen von -0,3% auf -0,4% gesenkt. Trotzdem werden kaum mehr Kredite vergeben als auslaufen. Gemessen an der Radikalität der Maßnahmen und den damit verbundenen Implikationen ist das Ergebnis ausgesprochen mager.

Die extrem hohe Kreditvergabe zwischen 2004 und 2009 wird die Eurozone in absehbarer Zeit nie wieder erreichen. Das ist auch gut so, denn hierin spiegelt sich die Verschuldungsorgie in Südeuropa zwischen der Einführung des Euro und der Finanzkrise. Seit 2009 und verstärkt seit Ausbruch der Eurokrise 2012 bremst ein sehr zaghaftes Investitionsklima Privathaushalte und Unternehmen bei der Kreditaufnahme. Europas Banken ihrerseits werden noch viele Jahre brauchen, um ihre Bilanzen zu reparieren und faule Kredite zu verdauen, bevor sie spendabler werden.
Nullzins in Japan
Geholfen hat alles nichts
Japan kann Krise. Was Japan nicht kann, ist Krise beenden. Stagnation seit 25 Jahren. Dafür ist Nippon heute das größte wirtschaftspolitische Freilichtmuseum unserer Zeit. Warum das für Europa wichtig ist.
Zinskurve
LupeDurch die Intervention der Notenbanken auf dem Bondmarkt sind die Renditen für Anleihen auf breiter Front gesungen. Staatsanleihen von Ländern, die als sicherer Hafen gelten, rentieren über weite Teile ihres Laufzeitspektrums negativ. Nur Bundesanleihen (Fachsprech: Bunds) mit einer Laufzeit jenseits von 9 Jahren bringen überhaupt einen Ertrag. Auf 30jährige Bundesanleihen gibt aktuell 0,92%. In Japan müssen Anleger noch weiter am sogenannten lange Ende kaufen, um eine positive Rendite zu erhalten.

Die Idee der Notenbankinterventionen besteht darin, über niedrige Zinsen Unternehmen zu Investitionen zu ermuntern. Tatsächlich trauen Unternehmen dem Braten nicht und halten die Taschen zu. Beherzt zugreifen tun jedoch Staaten, indem sie die günstigen Finanzierungsbedingungen nutzen.
Abgewatscht
"Geldpolitik der EZB ist am Ende"
Mario Draghi manövriert die EZB mit seiner Nullzinspolitik zusehends in die Sackgasse. Ein Weltmarktführer bekommt dies besonders zu spüren. Sein Chef redet nun Klartext. Und setzt auf mittelalterliche Methoden.