Freitag 21.00 Uhr
Kalender
Oktober 2017
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
25
26
27
28
29
30
01
02
03
04
05
06
07
08
09
10
11
1213
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
01
02
03
04
05
Vorschau
Sendung am 20. Oktober
Knappe Medikamente
Antibiotika, Impfstoffe oder Krebsmedikamente - Lieferengpässe bei Arzneimitteln sind immer häufiger. Viele Medikamentenhersteller sind von einzelnen Zulieferern abhängig.
Navigationselement
Rückblick
Sendung vom 6. Oktober
Schöne neue Landwirtschaft?
Der Kauf des Gentechnikspezialisten Monsanto ist für die Bayer AG ein zweischneidiges Schwert: schlechte Reputation gegen gute Gewinne. Trotzdem: Der Mega-Deal könnte die Zukunft der Landwirtschaft erheblich verändern.
Navigationselement
10.000-Yen-Note. Japans Geldpolitik dreht durch - und kommt doch nicht vom Fleck. © reuters Lupe
10.000-Yen-Note. Japans Geldpolitik dreht durch - und kommt doch nicht vom Fleck.
Geholfen hat alles nichts
Japans Geld-Druckerpresse läuft auf Hochtouren
Japan kann Krise. Was Japan nicht kann, ist Krise beenden. Stagnation seit 25 Jahren. Dafür ist Nippon heute das größte wirtschaftspolitische Freilichtmuseum unserer Zeit. Warum das für Europa wichtig ist.
Als Wal tut man gemeinhin gut daran, japanische Gewässer zu meiden. Es verlängert das Leben. Der Wal von Tokio jedoch kann diesen Rat getrost ignorieren. Er lebt inmitten der Stadt, im Herzen des Landes. Ihm geht es prächtig. Sein Biotop ist Japans Wirtschaftsmisere. Das Nahrungsangebot ist praktisch unerschöpflich. Natürliche Feinde hat er keine.

Japans Wirtschaft stagniert seit nunmehr 25 Jahren. Seinen Höhepunkt an Strahlkraft, Vorbild, Innovation, an Immobilienpreisen, Aktienkursen, Wohlstand - gefühltem wie tatsächlichem - hatte das Inselreich 1990. Der Palast des Tenno war wertvoller als der US-Bundesstaat Kalifornien. War.

Die Lage
Seither geht es bergab. Japanische Aktien, gemessen am Leitindex Nikkei 225, liegen heute 60% unter ihrem Höchststand vom 29. Dezember 1989. Immobilienpreise sind ebenfalls 60% unter Wasser. Kurzum: Vermögenswerte verfielen auf breiter Front. Nur die Schulden, die blieben.

Bald reichten die Vermögenswerte nicht mehr aus, um die Verschuldung zu tragen. Ein Schuldeingeständnis, ein schonungsloser Blick auf die Lage, insbesondere die Banken, kam nicht infrage. Es hätte die Japan AG mit all ihren verschlungenen Interessen zwischen Politik und Wirtschaft in ihre Einzelteile zerlegt. Der Laden musste gerettet werden - "whatever it takes" - und sei es nur über die Zeit. Besonders die Banken. Also: rosa Brille auf, Bilanzen fälschen, Konkurs verschleppen, gesundbeten, Reformen aufschieben, Zeit schinden.

Der Plan
Politik und Notenbank einigten sich auf folgende arbeitsteilige Therapie: Die Politik stimuliert die Wirtschaft mit schuldenfinanzierten Konjunkturprogrammen, die Notenbank erleichtert dies durch eine lockere Geldpolitik. Alles so lange, bis die Misere vorbei ist.

Es ist die Geburtsstunde des Wals.

Japans Regierungen überziehen das Land nun mit Autobahnen, Brücken, Flughäfen. Der Bauindustrie geht es prima. Die Gesamtwirtschaft flammt kurz auf, um alsbald wieder zu erlahmen. Tokio erhöht die Dosis der angewandten Medizin und versucht es erneut. Und erneut. Und erneut. Bis, es ist mittlerweile 2013, nicht etwa Einsicht eintritt, sondern Rat aus Amerika.

Der Rat
Der Ökonom Paul Krugman, Nobelpreisträger und so etwas wie der Fackelträger des modernen Keynesianismus, empfiehlt, in Japan das zu tun, was er immer empfiehlt, auch für Europa: die Dosis zu erhöhen. Der frisch gewählte Premierminister Shinzo Abe tut genau das. Die nach ihm benannte Wirtschaftspolitik, Abenomics, wurde zum größten Strohfeuer, das Japan je gesehen hat. Es verglimmt gerade.

Hans-Werner Sinn, ökonomischer Antipode von Paul Krugman, erklärt das Scheitern der keynesianischen Konjunkturprogramme damit, "dass eine Staatsverschuldung zwar staatliche Nachfrage nach Gütern und Leistungen von der Zukunft auf die Gegenwart zieht, sie aber in der Summe der Jahre nicht vergrößern kann." Jede Schuld müsse bedient oder getilgt werden, "was der Wirtschaft künftig so viel Stimulierung entzieht, wie sie heute hinzubekommt."

Der Wal
Die japanische Notenbank praktiziert ihren Teil der vereinbarten Therapie. Sie druckt Geld zum Zwecke des Erwerbs von Staatsanleihen, um so die Konjunkturprogramme der Regierung zu finanzieren (siehe Infokasten "Staatsfinanzierung"). Sie sorgt für niedrige Zinsen, damit die ganzen Schulden überhaupt bezahlbar bleiben. Sie schwächt den Yen, um der Exportindustrie zu helfen. Sie feuert aus allen Rohren im Kampf gegen die Deflation. Kurzum: Sie bespielt die gesamte Klaviatur "unkonventioneller Maßnahmen", die Paul Krugman und seine Anhänger auch für Europa fordern.

Aufgrund fehlenden Therapieerfolgs hat auch die Bank of Japan (BoJ) für ihrem Teil des Deals während der vergangenen 25 Jahren immer wieder die Dosis erhöht - mehr Geld gedruckt, mehr Staatsanleihen gekauft, den Leitzins weiter gesenkt, den Yen stärker zu schwächen versucht. Seit einigen Jahren kauft sie über Indexfonds (ETFs) sogar Aktien an der Tokioter Börse. Unter ihrem Notenbankgouverneur Haruhiko Kuroda hat sie 2013 das Aktienkaufprogramm ausgeweitet, 2014 noch einmal verdreifacht. Zuletzt hat die BoJ den japanischen Sparer als größten Käufer eigener Staatsanleihen abgelöst. Anleihen, Aktien - egal, der Wal schluckt alles.

Die BoJ verfolge "derzeit die weltweit radikalste Geldpolitik", sagt John Hardy von der dänischen Saxo Bank. Doch "irgendwann erreicht selbst eine Zentralbank das Ende der politischen und selbst der gesellschaftlichen Fahnenstange".

Das Resultat
Die Staatsverschuldung lag bei Ausbruch der Krise 1990 bei 67% der Wirtschaftsleistung. Heute sind es fast 250%. Die Neuverschuldung ist auf Rekordniveau. Die BoJ hat in den letzten 12 Monaten rund 700 Mrd. Euro gedruckt. Der Leitzins liegt bei -0,1%, die Rendite 10jähriger japanischer Staatsanleihen bei -0,13%, die Inflationserwartung auf Sicht von 5 Jahren bei null (siehe Infokasten "Kamikaze"). Der Yen steigt. Seit 1990 hat Japan das schwächste Wachstum aller Industrieländer außer Italien.

Scheitern auf der ganzen Linie.

Eine Genesung Japans durch die angewandte Medikation ist nicht erkennbar. Beunruhigenderweise findet diese Medizin jetzt auch Anwendung in Europa. Die EZB versucht, mit "unkonventionellen Maßnahmen" die Wirtschaft zu stimulieren. Sie kauft Banken und Regierungen Zeit und senkt so den Reformdruck. Sie hat den Leitzins auf null gesenkt, den Einlagenzins für Geschäftsbanken auf -0,4%.

Das Junge
Die EZB schwächt den Euro, um Europas Exportindustrie zu stützen. Sie hat die Druckerpresse angeworfen, um Staaten die Verschuldung zu erleichtern. 2015 hat sie ein Kaufprogramm am Anleihemarkt gestartet. Jüngst hat sie es von monatlich 60 Mrd. Euro auf 80 Mrd. Euro erhöht. Zusätzlich zu Staatsanleihen sind nun auch Unternehmensanleihen mit von der Partie. Die EZB erhöht die Dosis.

Europa hat jetzt seinen eigenen Wal.

Dem Wal von Tokio geht es fürderhin prächtig. Sein Biotop ist perfekt, das Nahrungsangebot schier unerschöpflich. Verhungern wird er nie. Möglicherweise wird er irgendwann platzen.

Sendungstip
Die Nullzinsfalle
Die Sparer in Europa leben seit Jahren mit einem Mini-Zins und zukünftig ganz ohne. Denn erstmals überhaupt hat die EZB in Frankfurt den Leitzins auf null gesenkt.
(Freitag, 6. Mai, 21.00 Uhr)
Kamikaze
LupeDurch eine Ausweitung ihrer Bilanzsumme, vulgo: Geld drucken, versucht Japans Notenbank Inflation zu erzeugen, um der Deflationsfalle zu entkommen. Insbesondere seit 2013 versucht das Duo aus Premierminister Abe und Notenbank-Gouverneur Kuroda unter dem Schlagwort "Abenomics" Japan aus der wirtschaftlichen Stagnation herauszuinflationieren.

Die Bilanzsumme (weiße Linie, rechte Skala) ist seither förmlich explodiert. Die Inflationserwartung mit Sicht auf 5 Jahre (rote Linie, linke Skala) hat das Vorgehen zwischenzeitlich auch etwas beflügelt. Heute ist sie jedoch fast wieder bei null. Robert Halver, Leiter Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank, fasst es so zusammen: "Die Bank of Japan ist ihrem Ziel der Deflationsbekämpfung seit Beginn ihrer Liquiditätsoffensive Anfang 2013 kein Stück näher gekommen."
Staatsfinanzierung
LupeDie massive Ausweitung der Geldschöpfung (Geld drucken) der japanischen Notenbank seit 2013 reicht aus, die gesamt jährliche Neuverschuldung Japans zu decken. Die Geldschöpfung wird 2016 auf 80 Billionen Yen geschätzt (umgerechnet rund 650 Mrd. Euro), Japans Neuverschuldung wird bei 75 Billionen Yen liegen (610 Mrd. Euro).

Das sind gigantische Summen, insbesondere wenn man bedenkt, dass die japanische Volkswirtschaft viel kleiner ist als die der Eurozone. Im Vergleich mit BoJ-Boss Haruhiko Kuroda ist Mario Draghi geradezu zaghaft.
"Whatever it takes"
Heute zählt der Ausspruch zu den berühmtesten Bonmots der Zentralbankgeschichte. Damals, im Juli 2012, auf dem Höhepunkt der Eurokrise, rettete EZB-Präsident Mario Draghi mit seinem berühmten "whatever it takes" die Lage - jenem Halbsatz gefallen auf einer Investorenkonferenz in London, mit dem er klarmachte, dass die EZB alles tun werde, um den Euro zu retten. Dies, so präzisierte er dann, bedeute in letzter Konsequenz ein unbegrenztes Ankaufprogramm von Staatsanleihen. 2015 war es soweit.
Abgewatscht
"Geldpolitik der EZB ist am Ende"
Mario Draghi manövriert die EZB mit seiner Nullzinspolitik zusehends in die Sackgasse. Ein Weltmarktführer bekommt dies besonders zu spüren. Sein Chef redet nun Klartext. Und setzt auf mittelalterliche Methoden.
(makro, 24.03.2016)
Währung
Der unerklärte Krieg
Sie sprechen nicht offen darüber. Aber sie tun es. Notenbanken rund um den Globus schwächen gezielt ihre Währung, um der Wirtschaft kurzfristige Vorteile zu verschaffen. Am Ende werden alle verlieren.
(makro, 07.04.2015)