Freitag 21.00 Uhr
Kalender
Oktober 2017
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
25
26
27
28
29
30
01
02
03
04
05
06
07
08
09
10
11
1213
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
01
02
03
04
05
Vorschau
Sendung am 20. Oktober
Knappe Medikamente
Antibiotika, Impfstoffe oder Krebsmedikamente - Lieferengpässe bei Arzneimitteln sind immer häufiger. Viele Medikamentenhersteller sind von einzelnen Zulieferern abhängig.
Navigationselement
Rückblick
Sendung vom 6. Oktober
Schöne neue Landwirtschaft?
Der Kauf des Gentechnikspezialisten Monsanto ist für die Bayer AG ein zweischneidiges Schwert: schlechte Reputation gegen gute Gewinne. Trotzdem: Der Mega-Deal könnte die Zukunft der Landwirtschaft erheblich verändern.
Navigationselement
Studiointerview mit Jürgen Wasem ansehen © dpa Video
[>> Studiointerview mit Jürgen Wasem ansehen]
Teure Medikamente
Pharma-Branche unter Beschuss
Arzneimittel werden immer teurer und geforscht wird, wo Gewinn winkt. makro fragt im Vorabinterview den Gesundheitsökonom Jürgen Wasem, wo bei der Kalkulation der Pharma-Firmen der Patient bleibt.
makro: Allein die Kosten für Krebsmedikamente sind von 2005 bis 2013 um das 35-fache gestiegen. Welche Folgen hat das für das deutsche Gesundheitssystem?

Jürgen Wasem: Die Gesundheitspolitik hat auf die Ausgabenentwicklung bei den Arzneimitteln ja regiert. So sind die Preise für auf dem Markt befindliche Arzneimittel seit 2010 eingefroren und die Politik hat den gesetzlichen Rabatt, den die Arzneimittelhersteller an die Krankenkassen leisten müssen, erhöht. Vor allen Dingen aber gibt es seit 2011 erstmals für alle neuen patentgeschützten Arzneimittel eine Nutzenbewertung mit anschließender Preisverhandlung mit dem Krankenkassen-Bundesverband. Es ist also nicht so, dass die deutsche Politik nur wie das Kaninchen auf die Schlange steigender Pharmaausgaben gestarrt hätte.

makro: Brauchen wir in Deutschland eine breite gesellschaftliche Debatte über die Auswirkungen, die diese Preissteigerungen mit sich bringen?

Jürgen Wasem: Wir brauchen insbesondere eine breite gesellschaftliche Debatte über die Zahlungsbereitschaft für den zusätzlichen Nutzen von Arzneimitteln. In den letzten Jahren gab es ja eine Reihe richtiger Durchbrüche, wo Krankheiten jetzt gut behandelbar sind, die zuvor nur unzuverlässig und mit hohen Nebenwirkungen behandelbar waren. Hepatitis C ist so ein Beispiel. Sind 80.000 Euro Jahrestherapiekosten, wenn dabei 95% der Patienten von einer chronischen und gefährlichen Erkrankung geheilt werden, viel oder angemessen? Ich kann verstehen, dass die Politiker diese Debatte scheuen, ich meine aber, wir dürfen ihr nicht länger ausweichen.

makro: Sind die hohen Preise für neue Krebsmedikamente gerechtfertigt?

Jürgen Wasem: Wie schon gesagt, gibt es seit 2011 Preisverhandlungen zwischen den Krankenkassen und der Pharmaindustrie über die Preise neuer Arzneimittel. Da sind die neuen Krebsmedikamente eine ganz wichtige Gruppe. Bei diesen Verhandlungen geht es genau darum, den zusätzlichen Nutzen, den die Arzneimittel liefern - also vermiedene Todesfälle, teilweise aber auch nur eine verbesserte Symptomatik, zu selten wird auf Lebensqualität geschaut - in Preise zu übersetzen. Es ist nicht so, dass wir in Deutschland jeden geforderten Preis zahlen. Es sind auch schon Medikamente vom deutschen Markt gegangen, weil die Krankenkassen sich nicht auf die Preisforderungen der Hersteller eingelassen haben.

makro: Die Pharmabranche konzentriert sich bei ihrer Forschung stark auf Volkskrankheiten, die Menschen in den wohlhabenden Industrienationen treffen. Lässt sich daraus überhaupt ein Vorwurf formulieren, wenn man bedenkt, dass Pharmaunternehmen wie andere Unternehmen auch gewinnorientiert arbeiten?

Jürgen Wasem: Solange die Gesellschaften die Forschung und Entwicklung von Arzneimitteln in erster Linie als private Aufgabe ansehen, ist wohl die logische Konsequenz, dass die Pharmaunternehmen schauen, mit der Behandlung welcher Krankheiten sich am besten Geld verdienen lässt - und das sind natürlich die Krankheiten in den westlichen Industrienationen, zunehmend auch in China. Ich wüsste im Übrigen nicht, ob die Alternative - also ein großes staatliches Finanzierungsprogramm für die Forschung und Entwicklung von Medikamenten - wirklich zu einer besseren Versorgung mit Arzneimitteln führen würde.

makro: Welche Anreize ließen sich schaffen, dass mehr Medikamente entwickelt werden, die Menschen auch in armen Weltregionen helfen?

Jürgen Wasem: Es gibt ja eine ganze Reihe von Initiativen, die Druck auf die Pharmaunternehmen ausüben, Arzneimittel für die armen Regionen der Erde zu niedrigeren Preisen abgeben sollen. Aber tatsächlich fehlt es noch an richtigen Anreizen, Arzneimittel für in diesen Regionen besonders vorherrschende Erkankungen zu entwickeln. Das wird man wahrscheinlich nur mit finanziellen Mitteln internationaler Organisationen oder der westlichen Staaten erreichen könne. Solche Programme müssten einen langen Atem haben, denn von den ersten Ansätzen bis zur Entwicklung eines Arzneimittels vergehen ja häufig mehr als zehn Jahre.

Alles zur Pharma-Sendung
© Sanofi - Cedric Arnold, Capa PicturesMedikamente für alle!
Pharmafirmen konzentrieren sich heute mit ihrer Forschung auf Krankheiten, die vor allem Bürger der alternden Industrienationen treffen - und große Gewinne versprechen.
Zur Person
Prof. Dr. Jürgen Wasem
Prof. Jürgen Wasem ist Gesundheitsökonom an der Universität Duisburg-Essen. Er leitet unter anderem die Schiedsstelle für Arzneimittelpreise, die zwischen den Krankenkassen und den Pharmaunternehmen bei Streit über die richtige Höhe von Preisen für neue Arzneimittel vermittelt.
Pharma: Reden Sie mit!
© dpaNeue Medikamente sind oft sehr teuer, was Krankenkassen verärgert und Patienten empört. Zockt uns die Pharmabranche ab? Diskutieren Sie mit!
Archiv
Kranke Krankenhäuser
Krankenhäuser sind Wirtschaftsunternehmen. Sie müssen mehr Geld einnehmen als sie ausgeben. Ergo ist für sie nicht nur das Wohl des Patienten wichtig, sondern auch seine möglichst profitable Versorgung.
(makro, 28.11.2014)
mehr zum Thema