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Vorschau
Sendung am 27. Oktober
Umbau der Alpen
Der Klimawandel bedroht den Wintersport. Viele Skigebiete in den Alpen sind nicht mehr schneesicher. Geröll- und Verkehrslawinen sowie die massive Verstädterung zeigen die Schattenseiten des Massentourismus.
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Rückblick
Sendung vom 13. Oktober
Sucht nach Soja
Die Sojabohne hat Wachstumsraten wie kaum eine andere Nutzpflanze der Welt. Sie steckt in Schokolade, Treibstoffen und im Futter für die Tiermast. Doch der weltweite Soja-Boom hat gravierende Folgen für Mensch und Umwelt.
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Drachenskulptur anlässlich des chinesischen Neujahrsfestes. © reuters Lupe
Drachenskulptur anlässlich des chinesischen Neujahrsfestes.
Der Drache wird Vegetarier
Chinas kontrollierte Revolution
In China wird jetzt alles anders: Weg von der Schwerindustrie, hin zur Konsum- und Dienstleistungsgesellschaft. Sagt Peking. Ein Unterfangen mit Hindernissen, meint China-Kenner Mikko Huotari im Vorabinterview mit makro.
makro: Chinas Wirtschaftswachstum geht nur leicht zurück. Darf man diesen Zahlen aus Peking trauen? Wie hoch, schätzen Sie, ist das Wachstum?

Mikko Huotari: BIP-Wachstumszahlen - vor allem die chinesischen - sind mit Vorsicht zu genießen. Die offiziellen Wachstumszahlen bieten allerdings ein relativ realistisches Bild des Abwärtsdrucks und sind leider das Beste, was wir haben. Vor allem auf lokaler Ebene gab es über Jahre systematische Anreize, Wirtschaftsdaten zu manipulieren. Auf Zentralebene liegen die Probleme nicht so sehr in politisch motivierter Manipulation, sondern schlicht in der Unzuverlässigkeit vieler zugelieferter Daten und den technischen Schwierigkeiten bei der Messung einer Wirtschaft, die völlig umgekrempelt wird.

Alternative Berechnungen, die beispielsweise Industrieproduktion und Elektrizitätsverbrauch als "direktere" Maße für wirtschaftliche Produktion heranziehen, bieten auch nur ein verzerrtes Bild, da sie die "alte Industrie" zu sehr gewichten. Wichtiger als die Fixierung auf einzelne Kommastellen der BIP-Zahl für Gesamtchina ist es, in der derzeitigen Umbruchphase den Blick auf die sehr unterschiedlichen Entwicklungen in verschiedenen Industriezweigen und Provinzen in den Blick zu nehmen.

makro: Chinas altes Wachstumsmodell greift nicht mehr. Wie sollen die Bausteine für das neue Wachstumsmodell aussehen?

Huotari: Die chinesische Führung versucht, die Wirtschaft weg vom investitionsgetriebenen Wachstum hin zu einer stärker konsumgetriebenen Wirtschaft zu steuern. Eine zentrale Rolle sollen dabei moderne, innovative industrielle Produktion, die Internetwirtschaft und der Dienstleistungssektor spielen. Im Kern geht es darum, Produktivitätssteigerungen und die wachsende chinesische urbane Mittelklasse (und nicht mehr "billige Arbeitskraft") und ihre Bedürfnisse zum Wachstumstreiber für chinesische Unternehmen zu machen.

Es ist jedoch offensichtlich, dass die neuen Wachstumstreiber noch lange nicht greifen und die Führung sich genötigt sieht, durch heftige Eingriffe ein weiteres Absinken der Wachstumsraten zu verhindern und die schmerzhaften Veränderungen in den "alten Industrien" abzumildern. Dadurch werden allerdings notwendige Reformen verschleppt.

makro: China geht immer mehr auf Einkaufstour in Europa. Welche Unternehmen stehen auf der Einkaufsliste? Welche Strategie verfolgt Peking damit?

Huotari: Die Ziele chinesischer Unternehmen für ihre Investitionsprojekte in Industriestaaten in Europa oder den USA werden immer diverser. In Europa sind wichtige Ziele der Automobilsektor, Immobilien und Gastgewerbe, zunehmend aber auch Finanzdienstleistungen, Agri-Wirtschaft sowie Informations- und Kommunikationstechnik. Der Energiesektor hat zuletzt etwas an Bedeutung verloren. Die chinesische Regierung hat in den letzten Jahren die Barrieren für heimische Unternehmen bei ihren Auslandsprojekten weiter gesenkt. Auslandsinvestitionen werden als elementarer Baustein für den Umbau der chinesischen Wirtschaft angesehen.

Die Positionierung auf internationalen Märkten, der Ankauf von zentralen Technologien soll chinesische Unternehmen auch zu Hause zu Triebkräften der Modernisierung machen. In der letzten Zeit beobachten wir in diesem Zusammenhang große Fusionen staatlicher Unternehmen zum Beispiel im Eisenbahn- oder Nuklearbereich, die dadurch auch im internationalen Wettbewerb bestehen sollen.

makro: Was verbirgt sich hinter Chinas Plänen zur "Neuen Seidenstraße", dem Lieblingsprojekt von Staatspräsident Xi Jinping?

Huotari: Die "Belt and Road Initiative" ist in der Tat das zentrale außenpolitische Projekt der chinesischen Führung. Es handelt sich dabei vor allem um den Aufbau von Infrastruktur-Netzwerken beziehungsweise Transportkorridoren entlang zweier "Routen" - auf dem Seeweg durch Südostasien, den indischen Ozean in Richtung Ostafrika und dem Nahen Osten nach Europa, sowie über den Landweg durch Zentralasien. Die Initiative wird dabei begleitet von ambitionierten diplomatischen Avancen entlang der Korridore und neuen "chinesischen" Finanzierungsmechanismen wie der Asiatischen Infrastrukturinvestitionsbank (engl. Asian Infrastructure Investment Bank, kurz: AIIB).

Durch den Ausbau der Infrastruktur, beispielsweise Häfen, Straßen, Eisenbahn- und Stromtrassen, sollen neue Märkte erschlossen und politische Netzwerke vertieft werden. Die großangelegte "geoökonomische" Initiative verknüpft dabei relativ geschickt verschiedene Interessen: wirtschaftliche Interessen von chinesischen Unternehmen, vor allem im Infrastruktur-Bereich, die von neuen Projekten profitieren könnten, die Suche nach produktiven Anlagemöglichkeiten für die eigenen finanziellen Ressourcen, den Abbau von Überkapazitäten im Inland, die vertiefte Erschließung und Stabilisierung der Westprovinzen, alternative Transportwege vor allem für Energieimporte (Risikodiversifizierung) und eine strategische Neupositionierung als Reaktion auf die verstärkte Präsenz der USA in Asien-Pazifik.

makro: China will sich dem Finanzmarkt öffnen. Dabei interveniert Peking massiv beim Yuan und an der heimischen Börse. Wie passt das zusammen?

Huotari: Die verstärkte Integration in die internationalen Finanzmärkte wird - so lange es nach der chinesischen Führung geht - nie völlig unkontrolliert ablaufen. Das Pendeln zwischen Lockerungs- und Stabilisierungsmaßnahmen bezüglich des Wechselkurses ist ein Zeichen für die massiven Spannungen, die ein solcher Übergang in jeder Volkswirtschaft auslösen würde. Sie zeigen aber auch die Unsicherheit der chinesischen Führung, wie genau die weitere Öffnung ausgestaltet werden soll und wem die Kosten dieses Umbruchs zugemutet werden können.

Das heimische und internationale Umfeld für die weitere Finanzliberalisierung sind nicht günstig für China - der Druck und die Gefahr unkontrollierbarer Kettenreaktionen wächst deshalb. Die Interventionen an den Aktienmärkten zeigen, dass chinesische Börsen nicht in dem Sinne funktionieren, dass sie auf absehbare Zeit zu einer neuen stabilen Finanzierungs-Quelle für chinesische Unternehmen werden. Politische Steuerungsversuche haben die Lage zum Teil weiter verschärft. Insgesamt besteht in der Führung weiterhin trotz teilweise gegenläufiger Ankündigungen ein tiefsitzendes Misstrauen gegenüber Marktkräften, vor allem aber gegenüber der Volatilität von Finanzmärkten und -strömen.

Das Interview führte Jürgen Natusch.

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Mikko Huotari leitet das Programm "Außenwirtschaft und Sicherheitspolitik" am Mercator Institute for China Studies. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen außenpolitische Strategie, Chinesisch-Europäische Beziehungen sowie die regionale Ordnung in Ostasien.
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