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Vorschau
Sendung am 20. Oktober
Knappe Medikamente
Antibiotika, Impfstoffe oder Krebsmedikamente - Lieferengpässe bei Arzneimitteln sind immer häufiger. Viele Medikamentenhersteller sind von einzelnen Zulieferern abhängig.
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Rückblick
Sendung vom 6. Oktober
Schöne neue Landwirtschaft?
Der Kauf des Gentechnikspezialisten Monsanto ist für die Bayer AG ein zweischneidiges Schwert: schlechte Reputation gegen gute Gewinne. Trotzdem: Der Mega-Deal könnte die Zukunft der Landwirtschaft erheblich verändern.
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97 Prozent des Rohstoffhandels sieht heute so aus. © reuters Lupe
97 Prozent des Rohstoffhandels sieht heute so aus.
Unheimlich clever
Die NSA des Rohstoffhandels
Die wichtigste Währung der Rohstoffbranche ist Information. Sie entscheidet bei jedem Handel über Gewinn oder Verlust. Und niemand kennt das Geschäft besser als die klassischen Händler. Sie wissen alles.
Rohstoffhandel ist ein kompliziertes Business. Je tiefer man eintaucht, desto verwirrender wird es. Allein ein Blick auf die Zusammensetzung des Goldman Sachs Commodity Index (siehe Infokasten "Rohstoffpreise") zeigt die Diversität der Branche: Aluminium, Baumwolle, Blei, bleifreies Benzin, Erdgas, Gold, Heizöl, Kaffee (Arabica), Kakao, Kupfer, Lebendrind, mageres Schwein, Mais, Mastrind, Nickel, Öl (Brent), Öl (WTI), Silber, Soja, Weizen (Chicago), Weizen (Kansas), Zink, Zucker.

Und das ist noch längst nicht alles.

Jeder Rohstoff hat seine Besonderheiten, ist abhängig von Förderstandort oder Anbauregion, Politik, Wetter, Verkehrsanbindung. Von Angebot und Nachfrage, Exportverboten einzelner Länder, Mineneröffnungen in anderen, Produktionsdrosselung, force majeure oder der Entwicklung in China. Sogar von der Zinspolitik der Notenbanken. All dies fließt in die Preisentwicklung eines jeden Rohstoffs.

Füße im Dreck
Physischer Handel: Der Rohstoff, engl. commodity, muss vom Produzenten zum Konsumenten. Man spricht vom physischen Handel. Dies ist das Kerngeschäft der klassischen Rohstoffhändler. Der Händler kauft dem Produzenten eine vereinbarte Menge zu einem vereinbarten Termin zu einem vereinbarten Preis ab und garantiert dem Käufer Ort, Termin, Preis und Transport der Lieferung. Zu diesem Zweck leasen oder besitzen die Rohstoffhändler Flotten von Schüttgutfrachter für Eisenerz, Kohle, Kupfer oder Mais und Tanker für Öl.

In den letzten Jahren sind etliche Rohstoffhändler neben dem reinen Handel in die Produktion von Rohstoffen eingestiegen, um einen größeren Teil der Wertschöpfungskette abzugreifen. Naturgemäß operieren die klassischen Rohstoffhändler - Glencore, Trafigura, Cargill, Louis Dreyfus - weltweit, ihren Hauptsitz haben viele in der Schweiz.

Old Boys
Rohstoffbörsen: Neben dem physischen Handel gibt es auch noch die Rohstoffbörsen, an denen Terminkontrakte gehandelt werden. Bei Agrargütern ist dies vor allem die Chicago Mercantile Exchange, bei Metallen die London Metal Exchange (LME). So gesehen ist auch ein Händler der britischen Bank Barclays, der am Londoner Finsbury Square mit den anderen Händlern in den Ring der LME steigt, den Arm hebt und Gebote für Kupfer oder Zink rausbrüllt, ein Rohstoffhändler.

New Player
Elektronischer Handel: Ein Mitarbeiter der amerikanischen Großbank JPMorgan Chase, der im New Yorker Handelsraum seiner Firmenzentrale vor sechs Bildschirmen sitzt und versucht, Preisdifferenzen auszunutzen, ist, wenn auch nur virtuell, ebenfalls Rohstoffhändler. Selbst wenn er während seiner Händlerkarriere nie einen Sack Weizen zu Gesicht bekommt.

Im elektronischen Handel an den Terminmärkten können heute in Sekundenbruchteilen riesige Volumina bewegt werden. Es sei hier an Yasuo Hamanaka erinnert, ein Trader bei Sumitomo, der versuchte, den Kupfermarkt leerzukaufen und dabei mindestens 1,8 Mrd. Dollar versenkte. Und das war 1995!

More Chips
Bis vor zehn Jahren sei Rohstoffhandel einem überschaubaren Club gewiefter Adressen vorbehalten gewesen, sagt der Rohstoffexperte Bernhard Klinzing vom Frankfurter Börsenbrief. Doch mit dem Boom der Schwellenländer, allen voran Chinas, und den immer weiter steigenden Produktionszahlen von Minen, Plantagen und Ölfeldern hat die Finanzindustrie diese Asset-Klasse entdeckt und immer mehr Produkte aufgelegt, denen Rohstoffe als Basiswert dienen (siehe Infokästen rechts).

Inzwischen hätten diese Fondsmanager die old boys des Rohstoffhandels in der Bedeutung verdrängt, sagt Klinzing, der zum Thema Rohstoffhandel auch Studiogast bei makro ist. Nach der Finanzkrise und der Suche nach alternativen Assets im Niedrigzinsumfeld beschleunigte sich dieser Trend noch einmal.

Faktor 30
Das Volumen der Kontrakte an den Terminbörsen sei etwa 30mal so hoch wie der tatsächliche physische Austausch, schätzt Klinzing. Wenn die Preise nun immer nur in der Finanz-Community über die Bildschirme rollen und sich die Händler in den Handelssälen die Bälle zuwerfen, drängt sich natürlich der Gedanke auf, dass dort auch Preis und Richtung eines Rohstoffs bestimmt werden, die physische Angebots-/Nachfragestruktur mithin irrelevant sei. Schließlich steht diese nur für drei Prozent des Handels.

"Das stimmt aber nicht", betont Klinzing. Der Preistrend werde immer noch auf Basis des physischen Handels gemacht. Genauer: an der Angebotsseite. Denn Rohstoffmärkte sind Angebotsmärkte. Wenn physisches Angebot im Vergleich zur Nachfrage perspektivisch für einige Zeit steigt, wird der Preis des Rohstoffs immer fallen - wie seit 2011. Und umgekehrt - wie vor 2011. "Der Handel der Finanzintermediäre", so Klinzing, "stellt nur die Kulisse und das Donnern um den eigentlichen Preistrend dar. Ausnahmen bestätigen die Regel."

Sie wissen alles
Noch einmal zurück zu Vitol, Glencore, Mercuria & Co. Ihre Bedeutung liegt tatsächlich weit höher als jene physischen drei Prozent des Rohstoffhandels, für den sie stehen. Die Währung, in der ihr Einfluss gemessen wird, ist Knowhow. Sie sitzen nicht bloß in irgendeinem Handelssaal vor einem Bildschirm und starren auf Charts. Sie beschäftigen tausende Mitarbeiter in jedem Winkel dieser Welt. Sie stehen in direktem Kontakt mit Produzenten und Abnehmern. Sie sprechen mit Minenbetreibern, Politikern, Landwirten und Reedern. Ihre Branche ist das Herz der Globalisierung.

Sie wissen, ob Amerikas Farmer mehr Mais anbauen werden oder mehr Soja. Sie wissen, ob in Asien der Monsun viel Regen bringen wird oder wenig. Sie wissen, ob Codelco seine Kupferförderung drosselt wird oder einfach nur die Kosten senkt. Sie wissen, wieviel neue Kohlekraftwerke in China ans Netz gehen werden. Sie wissen, wenn Indonesien seine Zinkexporte drosselt, Russland zu wenig in seine Ölförderanlagen investiert und die Mongolei den Betrieb der Oyu-Tolgoi-Mine schikaniert. Sie wissen alles. Und sie wissen es vor allen anderen. Das ist ihr Geschäft.

Man kann den Rohstoffhändlern mit ihren Geschäftspraktiken viel vorwerfen. Aber eins darf man ihnen nie unterstellen: Dummheit.

Sendedaten
makro
Rohstoffhändler
Freitag, 11. März 2016, 21.00 Uhr
Wiederholung Sonntag 6.15 Uhr
Alles zur Rohstoff-Sendung
Rohstoffhändler
Sie gelten als verschwiegen, undurchsichtig und mächtig: Rohstoffhändler. Praktisch alle Grundstoffe, die wir zum Leben brauchen, gehen durch ihre Hände. Wer sind diese grauen Eminenzen, die kaum jemand kennt?
Infografik
LupeUmsatz und Gewinn
Die wichtigsten Rohstoffhändler sitzen in der Schweiz. Sie machen hoher Umsätze, haben aber niedrige Gewinnmargen. Die Veröffentlichung von Geschäftszahlen wird sehr unterschiedlich gehandhabt. Vitol und Mercuria sagen lieber nichts. Trafigura und Louis Dreyfus Commodities veröffentlichen einen detaillierten Geschäftsbericht. Glencore als einzige börsennotierte Gesellschaft muss dies tun.
Rohstoffpreise
Der im Artikel erwähnte S&P Goldman Sachs Commodity Index (GSCI) ist keineswegs der einzige seiner Art. Die beiden meistbeachteten Rohstoffindizes sind der Reuters/Jefferies Commodity Research Bureau Index (CRB) und die Bloomberg Commodity Index Family (BCOM).

Wenn es um die reine Preisentwicklung bei Rohstoffen geht - man spricht vom sogenannten Spot-Preis -, ist man bei einem Mitglied der BCOM-Familie, dem Bloomberg Commodity Spot Index (BCOMSP) am besten aufgehoben.

Der BCOM-Hauptindex sowie seine Pendants von Reuters und Goldman Sachs basieren hingegen auf Terminkontrakten (Futures) und addieren im Laufe der Zeit sogenannte Rollverluste, sodass sie gegenüber den Spot-Preisen der Rohstoffe (BCOMSP) permanent an Wert verlieren. Auf die Einzelheiten sei hier verzichtet.

Entscheidend ist bloß, das Händler nicht langfristig über Futures in Rohstoffe investieren können.
Charts
© marketwatch.comLupeDer obige Chart stellt den Spot-Preis (BCOMSP, schwarz) dem Future-Index (BCOM, beige) seit 2005 gegenüber. Die Preise sind seit 2011 im Sinkflug. Anfang 2016 hatten sie fast das Tief der Finanzkrise erreicht. Dies lässt die Erträge der Rohstoffproduzenten schmelzen.

Auf Rohstoffhändler wirkt sich der Preisverfall nur bedingt aus. Ihnen ist das allgemeine Preisniveau relativ egal, da sie jeweils von der (schmalen) Marge zwischen Ankauf und Verkauf leben. Außer freilich sie sind selbst in die Produktion eingestiegen.