Bis in die Länder jenseits des Horizonts: Das Jahrhundertprojekt Seidenstraße nimmt Gestalt an. © Morgane Production
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Bis in die Länder jenseits des Horizonts: Das Jahrhundertprojekt Seidenstraße nimmt Gestalt an.
Seidenstraße 2.0
Chinas großer Plan
Das Reich der Mitte streckt seine Arme aus. Mit der Wiederbelebung einer uralten Handelsroute werden sie bis nach Europa reichen. China verspricht Geld, Knowhow, Modernisierung. Natürlich nicht aus reiner Nächstenliebe.
Von Carsten Meyer

Die von Chinas Präsident Xi Jinping geplante Neue Seidenstraße ist eine 10.000 Kilometer lange Straßen- und Eisenbahnachse, die den Westen Chinas durchquert, Kasachstan, Russland und bis nach Europa führen soll. Sie durchquert das Einflussgebiet Russlands und wird das Machtgefüge in ganz Eurasien verändern.

Chinas rote Kaiser haben die Stadt Chongqing als Ausgangspunkt der neuen Handelsroute gewählt. Mit ungefähr 35 Millionen Einwohnern, nahezu so viele wie Peking und Shanghai zusammen, ist Chongqing das größte Ballungszentrum Chinas.

Chongqing ist durch Schwerindustrie groß geworden. Aber in den letzten Jahren hat die Megastadt alles auf die Elektronikindustrie gesetzt: Sämtliche Acer-Notebooks, die in Deutschland und Frankreich verkauft werden, stammen aus den Fabriken Chongqings. Und Acer ist nur ein Beispiel von vielen.

Neuausrichtung in Chongqing
Der Transport über den Seeweg nach Europa dauert rund zwei Monate, auf dem Landweg sind es nur zwölf Tage. Daraus entstand die Idee, den Landweg nach Westen neu zu beleben. Chongqing hat bereits die logistischen Voraussetzungen geschaffen, welche die Umschlaghäfen der Küste ablösen sollen.

"Jede Woche fahren drei bis vier Züge nach Deutschland, nach Duisburg. Jeder Zug mit ungefähr 41 Containern", erzählt uns ein Logistikarbeiter. 250 Güterzüge sind nötig, um das Volumen eines einzigen Containerschiffs zu befördern. Zudem sind die Transportkosten auf der Schiene doppelt so hoch wie auf dem Seeweg. Die nach Deutschland fahrenden Züge sind gegenwärtig also eher symbolische Natur.

Von Peking aus steuert Präsident Xi Jinping sein großes Projekt neue Seidenstraße. © reuters
Die Industriemetropole Chongqing, rund 2000 Kilometer von der chinesischen Küste entfernt, ist Ausgangspunkt der neuen Seidenstraße. © Morgane Production
Der erste Abschnitt der Handelsroute dient vor allem dem Ausbau der eigenen Infrastruktur. © Morgane Production

Entwicklung des chinesischen Westens
Für China ist dieses Symbol trotzdem wichtig, zunächst einmal innenpolitisch. Denn die Seidenstraße soll Chinas rückständigen Westen anbinden an den Wirtschaftsboom der reichen Küstenstädte. Und so führt die Trasse auch durch die immer wieder von Unruhen geprägte Provinz Xinjiang, in deren Hauptstadt Urumqi nun ein ultramoderner Bahnhof glänzt.

Die Hochgeschwindigkeitsstrecke nach Xinjiang wird wohl nie rentabel sein. Für Peking liegt der Nutzen gleichwohl auf der Hand: eine Demonstration an die Nachbarstaaten der Region. China, der Bauherr eines internationalen Hochgeschwindigkeitsnetzes.

Der erste Nachbar ist Kasachstan, das die Trasse auf einer Strecke von 2400 Kilometern durchqueren wird. Die dortige Regierung hofft, dass Chinas neue Seidenstraße aus diesem Ende der Welt einen Vorposten der Globalisierung macht. Die Bauarbeiten werden zum Großteil mit Krediten der Weltbank finanziert. Aber auch durch China selbst, u.a. über einen 40 Milliarden Dollar schweren Staatsfonds für das ehrgeizige Projekt.

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Um den Leuten zu ermöglichen, sich in der entlegenen Provinz Xinjiang niederzulassen oder dort Handel zu treiben, hat Peking seinen Hochgeschwindigkeitszug entlang der gesamten neuen Autobahn ausgebaut. Die Fahrzeit verkürzt sich auf ein Viertel. © Morgane Production
Auch die Autobahn ist nagelneu. © Morgane Production
Ob Zug oder Autobahn - die Verbindung zischen Chongqing und der westlichen Provinz  Xinjiang steht. © Morgane Production

Auf die chinesische Art
Die Chinesen gehen dabei intelligent vor. Sie knüpfen keine politischen Forderungen an ihre Finanzhilfe. Sie bieten Entwicklungen unter Win-win-Bedingungen. Sie helfen auf die chinesische Art. "Die Leute mögen sie deshalb nicht unbedingt", erzählt die Politikwissenschaftlerin Caroline Galacteros, "weil sie die stillschweigende Eroberung spüren, die mit dem Bau von Straßen, Brücken, Eisenbahnstrecken, Häfen und unterschiedlichsten Infrastrukturen einhergeht."

"Russland denkt seit 50 Jahren an dieses Projekt. Es hat viel davon gesprochen", sagt der Moskauer Politologe Dimitri Orechkine. "Es wurde nie realisiert."

Hinter der Seidenstraße steckt eine von China konsequent verfolgte Doppelstrategie: Die Öffnung eines neuen Exportwegs, vor allem aber der Ausbau seines Einflussbereichs in Zentralasien, eine Region, die traditionell Russland als seine Einflusszone definiert.

Die spektakuläre Landschaft im Westen des Landes Richtung kasachischer Grenze stellt Chinas Ingenieure vor gewaltige Herausforderungen. Mit Hohen Brücken ... © Morgane Production
... und tiefen Abgründen. © Morgane Production
Auch in Kasachstan lässt China keinen Zweifel aufkommen, wem das gewaltige Erschließungsprojekt zu verdanken ist. © Morgane Production

Russlands Hinterhof
Die Handelsroute führt - kein Zufall - an den großen kasachischen Ölfeldern vorbei, für Moskau von größter strategischer Bedeutung. Doch China gewinnt hier mithilfe seines staatlichen Ölkonzerns CNPC immer mehr Macht. 20 Millionen Tonnen kasachischen Öls fließen bereits heute durch chinesische Pipelines Richtung Osten.

"Russland steht vor einem mühsamen Umdenkungsprozess", erläutert Xu Tiebling, Politikwissenschaftler aus Peking. "Früher war Russland der Große Bruder Chinas. Aber heute kann es nur schwer akzeptieren, dass China ihm überlegen ist." So ist Kasachstan zwar seit 2014 Mitglied der Eurasischen Wirtschaftsunion, Putins Freihandelszone. Trotzdem hat China seither doppelt so viel wie Russland in Kasachstan investiert.

Bis das Jahrhundertprojekt Europa tatsächlich erreicht, werden noch Jahre vergehen. Doch bereits heute strecken Chinas Emissäre ihre Hand Richtung Südosteuropa aus, nach Griechenland, Rumänien, Serbien und Ungarn. Sie bieten Kooperationen, Investitionen und Geld. In Brüssel ist man beunruhigt.

Sendedaten
makro
Seidenstraße 2.0
Freitag, 7. September 2018,
21.00 Uhr
Wiederholung Sonntag 6.15 Uhr

Ein Film von Laurent Bouit.
Infografik
LupeDie neue Seidenstraße erstreckt sich von Chongqing im Osten bis an die russische Grenze im Westen. Wirklich ausgebaut ist sie jedoch nur im ersten Teil der Strecke.
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