Brasilien kommt nicht zur Ruhe. © reuters
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Brasilien kommt nicht zur Ruhe.
Trauerspiel am Zuckerhut
Brasilien im Würgegriff der Korruption
Brasilien befindet sich in einer tiefen Depression. Die junge Demokratie des Landes ist ins Wanken geraten. Schuld daran sind die Wirtschaftskrise und Korruption in großem Stil.
Von Luten Leinhos und Carsten Meyer

Das ganze politische System scheint von Korruption durchdrungen. Doch ein kleines Team mutiger Strafverfolger kämpft dagegen an. Sie nehmen bisher Unangreifbare ins Visier. Darunter auch den amtierenden Präsidenten Temer und seine Minister. Amtsvorgängerin Dilma Rousseff hatte sich bereits im Strudel des Skandals verfangen und wurde letztlich über ein politisches Amtsenthebungsverfahren im Parlament gestürzt. Beinahe täglich gibt es unter Politikern und Konzernmanagern neue Festnahmen.

Ausgangspunkt der Ermittlungen war eine unscheinbare Tankstelle mitten in der Hauptstadt Brasilia. Sie gab der Operation Autowäsche ("Lava Jato") ihren Namen. Hier begannen die Korruptionsermittlungen. Seither ist das Vertrauen der Brasilianer in ihre Demokratie bis ins Mark erschüttert.

Ausmisten bei Petrobras © reuters
Ausmisten bei Petrobras
Deutscher Goldhändler berechnet mit einer Gruppe von nigrischen Goldsuchern den Preis für einen Goldfund, den er kaufen will.
Ein Mann packt aus
Eine Gruppe von Migranten wartet in Agadez auf ihre Weiterfahrt Richtung Europa.
"Suche nach Privilegien"

Der Kronzeuge
Früh geht den Fahndern ein besonders dicker Fisch ins Netz: Marcelo Odebrecht. Der deutschstämmige Unternehmer, milliardenschwerer Boss des gleichnamigen Baukonzerns, hatte gleich eine eigene Bestechungsabteilung mit schwarzen Kassen aufgebaut. Milliarden Euro Schmiergelder zahlten Brasiliens Baukonzerne insgesamt an Politiker und Parteien.

"Ich persönlich kenne keinen brasilianischen Politiker, der ohne schwarze Kassen gewählt wurde", sagt Odebrecht. "Manche können bestenfalls sagen, sie hätten nichts gewusst davon." Odebrecht ist der wichtigste Kronzeuge im Korruptions-Skandal. Ein Bundesrichter hat ihn zu 19 Jahren Haft verurteilt. Seine Aussagen lassen Brasiliens politische Elite erzittern.

Das Milliardenspiel
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Wie konnte das Korruptions-Netzwerk so lange unerkannt agieren? Und wie hat es funktioniert?
Die Spur der Ermittler um Staatsanwalt Delton Dallagnol führt dorthin, wo in Brasilien am meisten zu holen ist: zum halbstaatlichen Erdölkonzern Petrobras. Das Korruptions-Netzwerk diente vor allem dem Machterhalt der regierenden Parteien. Mit den Schmiergeldern finanzierten sie ihre Wahlkämpfe. Dafür hievten sie zuverlässige Politfunktionäre auf Direktorenposten. Die sorgten dafür, dass völlig überteuerte Aufträge vergeben wurden - an ein Kartell der größten Baukonzerne Brasiliens, angeführt vom Marktführer Odebrecht.

Ein Betrug nach fest definierten Regeln. Jeder Baukonzern zahlte drei Prozent der Auftragssumme in eine schwarze Kasse. Diese Schmiergelder gingen teils direkt an die regierenden Parteien. Teils flossen sie über Geldwäscher zurück an die Spitzenmanager von Petrobras und an einflussreiche Politiker.

Schwere Rezession
Korruption und Misswirtschaft haben Brasilien in die schwerste Rezession seiner Geschichte getrieben, eine Wunde, von der sich die Wirtschaft nur langsam erholt. Das gesamte Geschäftsmodell, das auf dem Verkauf von Öl, Eisenerz, Kupfer, Soja, Weizen und anderen Rohstoffen fußt, dessen sprudelnde Einnahmen den politisch-ökonomischen Komplex schmierten, ist tot. Rohstoffe bringen heute auf dem Weltmarkt viel weniger ein.

Präsident Michel Temer ist im Mai 2016 mit dem Versprechen ins Amt gestartet, aufzuräumen und umzusteuern. Tatsächlich hat er eine Reihe von wirtschaftsfreundlichen Reformen angestoßen. Die Landeswährung, der Real, konnte sich leicht erholen, die Börse in Sao Paulo zieht mit Optimismus nach oben. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hingegen ist deutlich vorsichtiger: Mehr als zwei Prozent Wachstum sieht er in den kommenden Jahren nicht.

Die <b>Rezession 2015/2016</b> hat Brasilien wesentlich härter getroffen als die globale Finanzkrise 2008/2009. Im Vergleich zu den Nuller-Jahren sind die Aussichten mau, für ein Schwellenland zu niedrig. Die Rezession 2015/2016 hat Brasilien wesentlich härter getroffen als die globale Finanzkrise 2008/2009. Im Vergleich zu den Nuller-Jahren sind die Aussichten mau, für ein Schwellenland zu niedrig.
Die <b>Börse demonstriert Optimismus</b>. Die Kurse haben sich seit Amtsantritt von Präsident Temer 2016 gut verdoppelt. Hierin spiegelt sich die Zustimmung der Anleger zu seinem wirtschaftsfreundlichen Kurs. Die Börse demonstriert Optimismus. Die Kurse haben sich seit Amtsantritt von Präsident Temer 2016 gut verdoppelt. Hierin spiegelt sich die Zustimmung der Anleger zu seinem wirtschaftsfreundlichen Kurs.
Vor Ausbruch der Krise war der <b>brasilianische Real</b> noch 0,6 Dollar wert. Heute ist es die Hälfte. Zwar konnte die Währung sich seit 2016 etwas erholen, Vertrauen in die Wirtschaft sieht jedoch anders aus. Vor Ausbruch der Krise war der brasilianische Real noch 0,6 Dollar wert. Heute ist es die Hälfte. Zwar konnte die Währung sich seit 2016 etwas erholen, Vertrauen in die Wirtschaft sieht jedoch anders aus.

Bilder eines geplatzten Traums
Warum, zeigt beispielhaft eines der größten Investitionsvorhaben in Brasiliens Geschichte. Es sind Bilder eines geplatzten Traums vor den Toren von Rio de Janeiro. Eine riesige petrochemische Anlage des Ölkonzerns Petrobras wurde nie fertiggestellt und verfällt - Symbol für Aufstieg und tiefen Fall.

Das angrenzende Itaborai war bereits als neue Hauptstadt des brasilianischen Ölwunders vorgesehen. Antonio Carlos wollte Teil sein davon. Vor acht Jahren zog er hierher, so wie Zehntausende andere Arbeiter auch. Er zeigt uns eine Stadt in tiefer Depression: leerstehende Business-Center, unbewohnte Luxusapartments, aufgegebene Geschäfte. Ampeln, die kaum Verkehr zu regeln haben.

"Für mich begann das Desaster mit diesen Lava-Jato-Ermittlungen", erzählt er. "Die Justiz hat Petrobras gezwungen, die Bauarbeiten einzustellen."

Gelingt Petrobras der Neustart?
Petrobras selbst kehrte 2017 unter dem neuen Konzernchef Pedro Parente erstmals wieder in die Gewinnzone zurück. Allerdings drückt eine gigantische Schuldenlast von 90 Milliarden US-Dollar auf das Ergebnis. Was die Korruption angeht, hat Parente versprochen, radikal aufzuräumen: "Das Vorleben aller Führungskräfte bei Petrobras wird detailliert durchleuchtet. Der Konzern unternimmt alle nur denkbaren Anstrengungen, damit sich so ein Korruptionsskandal nicht wiederholen kann."

In der Hauptstadt Brasilia ist solcher Wille zur Erneuerung kaum zu spüren. Was auch immer Präsident Temer auf wirtschaftlicher Ebene an Reformen angestoßen haben mag - in puncto "Amtsführung" knüpft er an seine Vorgänger an.

Ex-Präsidenten unter sich: Dilma Rousseff und Lula da Silva von der linken Arbeiterpartei. Rousseff wurde ihres Amtes enthoben, Vorgänger Lula würde im Oktober 2018 gerne wieder antreten, wird dies aber wohl nicht dürfen.  © ap Weitere Bilder: Hier klicken ...
Schon Mitte 2017 verurteilte ein Bundesrichter Ex-Präsident Lula zu neuneinhalb Jahren Gefängnis wegen Geldwäsche und Korruption. Lula ging in die Berufung. Doch auch die Richter der zweiten Instanz bestätigten Ende Januar seine Verurteilung - und erhöhten die Gefängnisstrafe auf zwölf Jahre. © reuters
Gleichwohl ist Lula weiterhin der bei weitem beliebteste Politiker des Landes. Denn seine Regierungszeit steht für die fetten Nullerjahre. Brasilien stieg auf zur fünfgrößten Volkswirtschaft der Welt. Arbeitslosigkeit und Armut nahmen drastisch ab. © reuters

Der Schurkenpakt
Schon zweimal wollte Brasiliens Oberstaatsanwalt dem konservativen Politiker wegen schwerer Korruption den Prozess machen. Die Anklageschrift beschreibt Temer als Kopf einer monumentalen Korruptionsaffäre. Doch ein Schurkenpakt mit der Mehrheit im Nationalkongress hält den Präsidenten im Amt. "Im Moment trägt ihn die Koalition", sagt Jan Woischnik von der Konrad-Adenauer-Stiftung in Brasilien. "Auch aus dem Grund, weil viele der Abgeordneten im gleichen Boot sitzen.

Die Regierung in Brasilia hat praktisch aufgehört zu regieren. Dringende Reformen liegen auf Eis. Der Präsident und viele seiner Minister verwenden alle Kraft für ihren Abwehrkampf gegen die Justiz. Immerhin sitzt erstmals ein großer Teil der korrupten Machtelite auf der Anklagebank, Dutzende sogar im Gefängnis.

Der Oktober ist der Monat der Wahrheit. Dann wird in Brasilien gewählt.

Sendedaten
makro
Brasiliens gekaufte Demokratie
Freitag, 16. Februar 2018, 21.00 Uhr
Wiederholung Sonntag 6.15 Uhr

Ein Film von Luten Leinhos
(Erstausstrahlung)
Dokumentation
Absteiger Brasilien
Kurz vor den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro durchlebt Brasilien die tiefste Krise seiner jüngeren Geschichte. Sinkendes Wirtschaftswachstum, Skandale und Korruption schockieren das Land.
Schwerpunkt
Lateinamerika
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