Bis zum Jahr 2050 gilt es 10 Milliarden Menschen zu ernähren. Mit moderner Technologie wollen Bayer und Monsanto gemeinsam die industrielle Landwirtschaft weiterentwickeln.
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Bis zum Jahr 2050 gilt es 10 Milliarden Menschen zu ernähren. Mit moderner Technologie wollen Bayer und Monsanto gemeinsam die industrielle Landwirtschaft weiterentwickeln.
Schöne neue Landwirtschaft?
Die Bayer-Monsanto-Fusion
Der Kauf des Gentechnikspezialisten Monsanto ist für die Bayer AG ein zweischneidiges Schwert: schlechte Reputation gegen gute Gewinne. Trotzdem: Der Mega-Deal könnte die Zukunft der Landwirtschaft erheblich verändern.
Während die einen vor allem Gefahren für die Sorten- und Artenvielfalt und die kleinbäuerliche Landwirtschaft in aller Welt sehen, preisen andere die vielfältigen Chancen, die sich aus gemeinsamer Forschung und Entwicklung ergeben könnten.

Trotz der Kontroversen lieferte der Saatguthersteller Monsanto, den Bayer für rund 66 Milliarden Dollar kauft, gerade überraschend starke Zahlen. Im vierten Geschäftsquartal (bis Ende August) legten die Erlöse dank hoher Nachfrage nach Saatgut für Sojabohnen und Mais im Jahresvergleich um knapp fünf Prozent auf 2,7 Milliarden Dollar zu. Im gesamten abgelaufenen Geschäftsjahr kletterte der Umsatz um über eine Milliarde auf 14,6 Milliarden Dollar. Der Gewinn stieg von 7,0 Milliarden auf 7,9 Milliarden Dollar. Eine Traum-Gewinnmarge.

Glaubensstreit mit konkreten Folgen
Der Streit um die Gentechnik hat vielfältige Aspekte. Der neue Mega-Konzern und die wenigen verbliebenen internationale Konkurrenten (siehe Infokasten rechts) bekämen eine marktbeherrschende Stellung im Saatgutsektor, sagen Kritiker. Da die gentechnischen Methoden prinzipiell auch kleineren, mittelständischen Saatgutherstellern zur Verfügung stehen, sei diese Gefahr eher gering, meint dagegen Wolf von Rhade, Chef der Firma Nordsaat.

Pflanzeneigenschaften mit gentechnischen Methoden nahezu beliebig gestalten: Darin sehen die Befürworter der Fusion riesige Potentiale. Mit der sogenannten Gen-Schere CRISPR/Cas9 könnten in kürzerer Zeit Nutzpflanzen hergestellt werden, die gegen Schädlinge resistent sind, höhere Erträge liefern oder besser ans Klima angepasst sind. Das macht der Leiter der wissenschaftlichen Entwicklung der Bayer-Crop-Science, Adrian Percy, deutlich. Mit herkömmlicher Züchtung wären schnelle Ergebnisse gar nicht möglich.

Besonders in der Biobranche befürchtet man dagegen Schlimmstes. Bayer-Monsanto mache diese Methoden durch massenhafte Anwendung in Europa quasi salonfähig, genveränderte "Teufelssaaten" würden schließlich den Markt beherrschen. Das befürchtet Felix zu Löwenstein, Vorstand des BÖLW (Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft). Gentechnisch veränderte Sorten sind hier ein absolutes Tabu.

Neuer Ärger in Arkansas
Zudem droht Monsanto neuer Ärger: Das Herbizid Dicamba, das zwar Unkraut killt, aber auch Nutzpflanzen - sofern sie nicht aus genetisch modifizierter Saat stammen. Anders ausgedrückt: Der Konzern liefert von Unkraut geplagten Bauern ein Mittel zur Abhilfe - aber nur in Verbindung mit hauseigener Saat, die durch Genmanipulation resistent dagegen ist.

Diese Kombi-Lösung ist an sich schon umstritten. Richtig problematisch wird sie, weil das Pflanzengift auch auf Felder und in Gärten gelangt, die nicht immun dagegen sind. Immer wieder gibt es Streit zwischen US-Farmern, weil Unkrautvernichtungsmittel mit dem Wirkstoff Dicamba auf benachbarte Felder wehen und die Pflanzen dort eingehen lassen. Monsanto behauptet, das Mittel könne nur bei falscher Anwendung auf falsche Flächen gelangen- und schiebt den schwarzen Peter so den Farmern zu. Missouri und Arkansas haben Dicamba daher vorläufig verboten.

Dicamba wird vor allem eingesetzt, weil viel Gestrüpp, das Landwirten zu schaffen macht, über die Jahre eine Resistenz gegen Monsantos klassischen Unkraut-Killer Roundup entwickelt hat. Dessen Wirkstoff ist das hochgradig umstrittene Pestizid Glyphosat. Mit dem lautMonsanto meistverkauften Pflanzenschutzmittel der Welt machte das Unternehmen Jahrzehnte lang gute Geschäfte.

Bayer muss warten
Bayer muss sich unterdessen bei der Mega-Übernahme weiter gedulden. Die Leverkusener beantragten im September bei der EU-Kommission eine Verlängerung der Prüffrist für den Zukauf vereinbart. Den Abschluss der Transaktion erwartet Bayer dadurch nun Anfang 2018 statt wie geplant Ende 2017.

Sendedaten
makro
Schöne neue Landwirtschaft?
Freitag, 6. Oktober 2017, 21.00 Uhr
Wiederholung Sonntag 6.15 Uhr

Ein Film von Alexander Schlichter und Gregor Streiber.
Infografik
LupeTop 4 der Agrochemie
Mit der geplanten Übernahme von Monsanto würde sich Bayer an die Spitze des weltweiten Agrochemiemarktes setzen. Obwohl auch die beiden US-Konzerne DuPont und Dow Chemical sowie ChemChina mit dem Schweizer Konzern Syngenta fusionieren wollen, hätte die Bayer-Monsanto-Allianz bei weitem das größte Gewicht in der Branche: 2015 standen die Sparten Pflanzenschutz und Saatgut für ca. 26 Mrd. Dollar Umsatz. DuPont/Dow Chemical sowie ChemChina/Syngeta wären 2015 im Post-Fusions-Szenario auf jeweils ca. 16 Mrd. Dollar gekommen.
Archiv
Der Kampf um die Saaten
Zehn Milliarden Menschen müssen 2050 ernährt werden. Eine riesige Aufgabe und ein riesiges Geschäft. Saatgut spielt dabei eine wichtige Rolle. Längst ist es zum profitablen Wirtschaftsfaktor geworden.
(makro, 16.12.2016)
Umstrittenes Glyphosat
Offene Fragen
Das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat könnte von Europas Äckern verschwinden: Vertreter der 28 EU-Staaten und der Europäischen Kommission wurden sich nicht einig.
Schwerpunkt
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