Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt: Fassade mit Schönheitsfehlern. © dpa
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Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt: Fassade mit Schönheitsfehlern.
Inside Deutsche Bank
Gigant ohne Zukunft?
Nach Skandalen sonder Zahl ist die Deutsche Bank immer noch auf der Suche nach sich selbst. Ein neuer Kurs soll den Weg weisen. Es ist der dritte in drei Jahren. Er könnte dorthin führen, wo alles begann, bevor man in die psychedelische Welt des Investmentbankings aufbrach.
Von Carsten Meyer

Berichte über die Deutsche Bank sind für Deutschlands größtes Geldhaus in der Regel keine erquickliche Lektüre. Eine nicht enden wollende Reihe von Finanzskandalen, oft justitiabel, mindestens aber ethisch fragwürdig, sind mit ihrem Namen verbunden: illegale Absprachen beim Libor, einem wichtigen Zinssatz, Geldwäsche für reiche Russen, Manipulationen des Goldmarktes, anrüchige Deals im Devisenhandel - stets begleitet von üppigen Boni. Rund 300 Mrd. Dollar hat die Branche seit der Finanzkrise an Strafzahlungen berappen müssen. Die Deutsche Bank immer mit dabei.

Im September 2016 dann ereilte die "Deutsche" ihre eigene Nahtod-Erfahrung: Das US-Justizministerium forderte plötzlich 14 Mrd. Dollar für krumme Geschäfte mit US-Immobilienkrediten. Der Aktienkurs brach auf unter zehn Euro ein (vor der Finanzkrise waren es über 100), institutionelle Kunden kehrten dem Institut den Rücken und nahmen ihr Geld mit, Computersysteme waren überfordert, das Vertrauen war weg, es brannte die Hütte.

Dabei gibt man sich in Frankfurt unter dem Schlagwort "Kulturwandel" seit Jahren Mühe, den Weg der Läuterung zu beschreiten. Nur: Die Geister der Vergangenheit werden die Deutschbänker einfach nicht los.

Investmentbanking: London ist abgebrannt
Für den Bank-Analysten Dieter Hein von Fairesearch zeigen sich hier ein Versagen des Aufsichtsrats und die Folgen der Fokussierung aufs Investmentbanking. Die dort eingegangenen Risiken habe man nicht unter Kontrolle, sagt er gegenüber dem Wirtschaftsmagazin makro. Zudem hätten die Bank selbst und ihre Eigentümer nichts davon: 38 Mrd. Euro habe man in den letzten 10 Jahren an frischem Eigenkapital bei Aktionären einsammeln müssen, "damit sie die 33,4 Mrd. an Erfolgsboni zahlen können, weil sie das im Geschäft nicht erwirtschaften". Die Deutsche Bank als Durchlauferhitzer zum Wohle der Investmentbanker.

Nach dem September-Schock war in den Top-Etagen der Frankfurter Zwillingstürme klar: Die Deutsche Bank braucht - wieder einmal - frisches Eigenkapital. Und Vertrauen. Und einen Plan. 8 Mrd. Euro sammelte man durch die Ausgabe neuer Aktien ein. Alternativlos für die Bank, frustrierend für die Aktionäre: "Nichts ist grauenvoller, als an einer Firma beteiligt zu sein, die andauernd Geld von einem will", bemerkt hier der Vermögensverwalter Georg von Wallwitz. "Normalerweise erhofft man sich als Anleger ja, etwas vom Gewinn abzubekommen."

Immerhin hat die Deutsche Bank seither eine Eigenkapitalquote von 14,1%, die höchste unter Europas großen Kredithäusern, ein ordentlicher Sicherheitspuffer.

Sturm überstanden
© ap Der Brite John Cryan ist seit Juli 2015 Vorstandssprecher der Deutschen Bank.
Der Brite John Cryan ist seit Juli 2015 Vorstandssprecher der Deutschen Bank.
Man muss Vorstandschef John Cryan zugute halten, dass er die Kapitalerhöhung zu akzeptablen Konditionen über die Bühne gebracht und das Geldhaus aus der Gefahrenzone herausmanövriert hat. Die Einigung mit dem US-Justizministerium auf eine Strafzahlung von "nur" 7,2 Mrd. Dollar war hier zentral.

Fehlt noch ein Geschäftsmodell, das funktioniert. Das will die Truppe um Aufsichtsratschef Paul Achleitner und Vorstandssprecher John Cryan mit dem Projekt "Oaktree" (Eiche) gefunden haben. Die Rede ist von einer Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln im klassischen Kreditgeschäft - back to the roots, sozusagen. Privat- und Firmenkundengeschäft in Deutschland sollen gestärkt und operativ zusammengelegt werden. Die Postbank, mit der die Investmentbanker lange nichts anzufangen wussten und am liebsten wieder losgeworden wären, soll nun mit ihren 13 Mio. Kunden und gut 100 Mrd. Euro Einlagegeldern komplett in die Deutsche Bank integriert werden.

Mercedes statt Ferrari
International möchte man sich stärker auf das Geschäft mit Firmenkunden konzentrieren und weniger auf institutionelle Investoren wie Hedge Fonds. Man schiebt das Londoner Investmentgeschäft und seine teuren Finanzakrobaten etwas in den Hintergrund. Marcus Schenck, einer der beiden Stellvertreter von Bank-Chef Cryan, plant nicht nur, aus London Personal abzuziehen - Stichwort Brexit -, sondern auch tausende von Kundenkonten nach Frankfurt zu transferieren. Einem Insider zufolge könnte es sich dabei um ein Volumen von einem Fünftel der gesamten Vermögenswerte der Bank handeln. Thomas Mayer, einst Chefvolkswirt der Deutschen, begrüßt diesen Schritt - und bedauert: "Sie haben so viel Zeit verloren."

Die Neuausrichtung entspräche einer weitgehenden Rückabwicklung der größenwahnsinnigen Expansionspläne der 1990er und 2000er Jahre, als man sich dem Olymp nahe wähnte. "Die Botschaft hör' ich wohl", hätte Goethe hier gesagt, "allein mir fehlt der Glaube." Genau das ist der Punkt: Kann der Systemwechsel gelingen? Und ist er wirklich ernst gemeint?

Die Deutsche öffnet sich
Neu ist schon einmal, dass die Deutsche in den vergangenen Monaten mit ungewohnter Offenheit Einblick in ihr Inneres gewährt - eine Interviewoffensive, bei der Probleme durchaus schonungslos angesprochen werden. Auch das ZDF durfte bei der Deutschen Bank drehen (siehe oben die Dokumentation "Inside Deutsche Bank"). Vier Vorstands-Mitglieder standen für Interviews und kritische Fragen zur Verfügung.

So berichtet Bank-Vize Marcus Schenck: "Fast sieben von zehn Leuten, die in unserer obersten Führungsmannschaft sitzen, sind heute neu in ihren Positionen". Die Französin Sylvie Matherat, im Vorstand zuständig für Compliance, zu deutsch: anständiges Verhalten, wählt drastische Worte: Die Bank habe eine Art "Elektroschock" gebraucht.

Der Teufel im Detail
Vorstandsmitglied Kim Hammonds, die 2013 von Boeing kam, versucht den Wildwuchs der Konzern-IT zu lichten: 33 Computersysteme, teils nicht miteinander kompatibel, sollen bis 2020 auf vier reduziert werden - und ab in die Cloud. Derartige IT-Projekte sind berüchtigt, kostenmäßig aus dem Ruder zu laufen, was die Schwierigkeiten der Umstrukturierungen andeutet. Aber es ist wohl nötig. Bankchef Cryan bezeichnet die IT seines Hauses als "antiquiert". Man sei hier fünf Jahre hinter der Konkurrenz.

Bei Analyst Dieter Hein hat die Deutsche Bank ihren Kredit verspielt. Mit Blick auf das immerhin dritte Turnaround-Programm in drei Jahren bemerkt er: "Ich habe schon viele Restrukturierungsprogramme bei der Deutschen oder anderen Banken gesehen und die sind oft das Papier nicht wert, auf dem sie stehen. Das letzte ist auch daneben gegangen, und zwar krachend."

"Theoretisch auf dem richtigen Weg"
Georg von Wallwitz ist da gnädiger. Er hält gegenüber makro den von John Cryan forcierten Kulturwandel für glaubwürdig. Man könne allerdings nicht erwarten, dass die Bank von einem Tag auf den anderen eine andere sei. "Das wäre naiv." Und: "Ich glaube nicht, dass die Deutsche Bank nach wie vor auf dem Trip ist: Wir wollen so werden wie Goldman Sachs." Vielmehr vermutet er, dass sie mit ihrem Geschäftsmodell dorthin will, wo die schweizerische UBS schon ist.

Wie es ist, bei stagnierendem Umsatz, um Marktanteile kämpfend, Kosten senkend, sich neu erfindend einem flüchtigen Ziel nachzueifern, erleben gerade die Aktionäre. Langsam siecht die Aktie der Deutschen Bank den Tiefständen des Horror-Herbstes 2016 entgegen.

Sendedaten
makro
Inside Deutsche Bank
Freitag, 8. September 2017,
21.00 Uhr
Wiederholung Sonntag 6.15 Uhr

Ein Film von Dirk Laabs
(Erstausstrahlung: 02.08.2017)
Interview
© ZDF und Jean Schablin - Kobalt"Wirklich unglaublich"
Es ist ein Niedergang mit Ansage: Die Investmentbanker "werden dafür bezahlt, dass sie die Deutsche Bank ruinieren", sagt der Bankanalyst Dieter Hein.
(makro, 27.10.2016)
Infografik
LupeDie Deutsche Bank hat seit 1990 ein immer größeres Rad gedreht. Dies spiegelt sich in der Bilanzsumme wider. Das ist die Summe aller Vermögenswerte. Sie hat sich in den letzten 25 Jahren grob verzehnfacht und lag zwischenzeitlich bei über 2 Billionen Euro. Dies vergleicht sich zum Beispiel mit der gesamten Wirtschaftsleistung (BIP) der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2015 von gut 3 Billionen Euro.

Den Wert des Unternehmens hat die Bank nicht steigern können. Im Gegenteil: Die Aktie steht heute niedriger als vor 25 Jahren. Das hat vor allem zwei Gründe: Erstens haben die Investmentbanker über Boni Milliarden aus der Bank abgezogen. Zweitens haben die Anleger das Vertrauen in die Geschäftspolitik der Bank verloren.
(Stand: Oktober 2016)
Dieter Hein
© fairesearchDieter Hein gilt als einer der renommiertesten unabhängigen Bankenanalysten in Deutschland. Er analysiert seit 25 Jahren deutsche Banken u. a. für die Commerzbank und Credit Lyonnais. Anfang 2003 gründete er zusammen mit vier weiteren Aktienanalysten das unabhängige Research-Unternehmen "fairesearch".
Georg von Wallwitz
Der Vermögensverwalter Georg von Wallwitz ist Mathematiker und promovierter Philosoph. Seit 1998 arbeitet er im Fondsmanagement, zunächst bei der DWS in Frankfurt und seit 2004 selbständig als Mitinhaber einer Vermögensverwaltung in München. Auch als Buchautor hat er sich einen Namen gemacht. Zuletzt erschien "Mr. Smith und das Paradies - Die Erfindung des Wohlstands" bei Berenberg.
Archiv
Banken in der Krise
Europas Banken stehen unter Druck: Faule Kredite, hohe Kosten und geringe Profite quälen die Geldinstitute, zukunftsfähige Geschäftsmodelle fehlen. Wiederholt sich die Bankenkrise von 2008 in Zeitlupe?
(makro, 28.10.2016)
Schwerpunkt
Banken